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Frachtschifffahrt Der Arbeitsplatz ist die Schiffsbrücke

Schiffe sind nur etwas für breitschultrige Popeyes? Nicht mit Svea Harder. Die 31-Jährige fährt seit zehn Jahren zur See. Diskriminierung und dumme Sprüche inklusive. Doch davon lässt sich eine wie sie nicht abschrecken.

Schifffahrt
Hat nach dem Kapitän an Bord am meisten zu sagen: Erste Offizierin Svea Harder. Foto: oliver ristau

Die alte Kirche und der große Containerterminal – nirgendwo im Hamburger Hafen prallen Gegensätze heftiger aufeinander als im Stadtteil Altenwerder. Von dem früheren Fischerdorf an der Elbe sind nur das Gotteshaus und der Friedhof noch übrig. Der Rest ist vor Jahren einem der modernsten Umschlagplätze für Schiffscontainer in Europa gewichen.

Svea Harder kennt Altenwerder gut. „Ich bin hier groß geworden“, sagt sie, während sie am Kai steht und zu einem riesigen Containerschiff aufschaut. Heute fährt sie zur See. Ihr Schiff wird gerade mit Containern beladen.

Die 31-Jährige ist Erste Offizierin und hat nach dem Kapitän und zusammen mit dem Chefingenieur an Bord am meisten zu sagen. Die drei goldenen Schulterstreifen auf ihrer Uniform zeigen das an. Die Nautikerin ist seit zehn Jahren auf den Weltmeeren unterwegs und damit eine absolute Ausnahme. „Meistens bin ich die einzige Frau an Bord “, sagt sie.

Harder ist eine von 62 nautischen Offizierinnen in Deutschland. Das entspricht nach Auskunft des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) einem Frauenanteil von sechs Prozent. Noch geringer ist die Zahl der Kapitäninnen. 13 Frauen kommen auf 963 Männer: eine Quote von 1,3 Prozent. In Europa liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte laut dem Europäischen Reederverband ECSA bei nur rund zwei Prozent.

Europas Schiffseigner wollen das ändern und den Arbeitsplatz auf See für Frauen attraktiver machen. Grund ist weniger der Einsatz für Gleichberechtigung als ein eklatanter Personalmangel. Ende November hat die ECSA im Schulterschluss mit der Europäischen Seeleutegewerkschaft ETF in Brüssel eine Erklärung abgegeben. „Damit die Schiffsindustrie in Europa das benötigte qualifizierte Personal rekrutieren kann und wettbewerbsfähig bleibt, ist es zwingend, maritime Karrieren für mehr Frauen attraktiv zu machen“, heißt es darin.

Svea Harder bekam die Begeisterung für die Seefahrt in die Wiege gelegt. Ihr Vater war Kapitän, ihr Großvater auch. „Es war unfassbar spannend, mit meinem Vater mitzufahren. Nach der Schule hatte ich zwar andere Optionen überlegt wie das Hotelfach oder Grundschullehrerin, aber die Seefahrt hat mich so begeistert, dass ich mich entschlossen habe, Nautik zu studieren“, erzählt sie.

Im Studium war sie nicht die Einzige. Die Ausbildungen durchlaufen mehr Frauen als später auf See zu finden sind. So machen die Seefahrtschülerinnen laut Reederverband derzeit 20 Prozent aller Azubis aus. Bei den Offiziersanwärtern stellen Frauen gut 16 Prozent. Dass davon aber nur ein Bruchteil zur See fährt, hat auch damit zu tun, dass Erfahrungen wie die von Svea Harder fehlen.

Vielen gilt die Seefahrt immer noch als absolute Männerdomäne. Geschichten von Freibeutern lassen grüßen. Doch das sei nicht zeitgemäß. „Wir müssen das aus den Köpfen kriegen“, sagt Max Johns, Geschäftsführer des Reederverbandes. „zum Beispiel den Mythos, Seeleute seien alle breitschultrige Popeyes“. Körperliche Arbeit auf den Schiffen sei zwar wichtig, aber nur ein Teil. Es gehe immer mehr um hochwertige Tätigkeiten. „Wir brauchen dafür die Frauen“, sagt Johns.

Svea Harders Arbeitsplatz ist die Schiffsbrücke, bei einem modernen Containerschiff rund 50 Meter über Deck. Von hier oben sehen die Binnenschiffe auf der Elbe wie Spielzeuge aus. Mehrere Bildschirme mit Seekarten und Daten prägen das Cockpit. Neben Fragen der Instandhaltung des Schiffes, der medizinischen Versorgung und der Überwachung der Ladung sind vor allem nautische Fähigkeiten gefragt. Es gilt etwa beim Ansteuern der Häfen frühzeitig den Tiefgang des Schiffes zu berechnen. Das ist eine komplexe Operation, in die der Verkehr, das Ladevolumen, der Wasserstand und der Kraftstoffverbrauch als wichtige Faktoren einfließen.

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