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FR-Interview mit Bitkom-Präsident Scheer „In Amerika ist man großzügiger als bei uns“

Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer spricht zum Auftakt der Cebit 2011 in Hannover über Datenschutz im Netz, Cloud-Computing, Smartphones und Apps.

25.02.2011 21:25
August-Wilhelm Scheer Foto: dpa

Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer spricht zum Auftakt der Cebit 2011 in Hannover über Datenschutz im Netz, Cloud-Computing, Smartphones und Apps.

Herr Scheer, das zentrale Thema auf der Cebit ist Cloud-Computing. Was ist das eigentlich?

Als ich programmieren lernte, gab es Großrechner in Teakschränken. Damals bekam man Rechenzeit zugeteilt. Die Geräte waren zwar zu fast 100 Prozent ausgelastet. Aber für Nutzer war das extrem unbequem. Inzwischen hat jeder seinen eigenen Rechner auf dem Schreibtisch. Das ist bequem, aber die Geräte sind vielleicht nur zu fünf Prozent ausgelastet.

Mit der Cloud wird alles besser?

Es sind riesige Netze mit teils mehr als einer Million Servern entstanden, die weltweit rundum die Uhr extrem effizient genutzt werden. Rechnerleistung und Programme werden nach Bedarf abgerufen und bezahlt. Die Nutzer müssen keine teure Software mehr kaufen, die sie womöglich nur gelegentlich nutzen. Das drückt Kosten.

Was hat der private Nutzer davon?

Viele Menschen nutzen die Cloud, ohne davon zu wissen, etwa bei Diensten wie GMX, die es erlauben, von jedem Rechner aus E-Mails abzurufen. Sie können Foto-Alben in der Cloud abspeichern und sie von überall in der Welt abrufen. Das ist erheblich bequemer als das Fotoalbum im Wohnzimmerschrank.

Mit welchen neuen Produkten und Diensten wird uns die Branche denn demnächst beglücken?

Schauen Sie sich an, wie viele Zusatzprogramme, Apps, es für Smartphones gibt. Da stehen wir erst am Anfang. Sie halten beispielsweise einfach ihr Handy in den Sternenhimmel und bekommen angezeigt, um welche Sternbilder es sich handelt. Die Software dafür wird übers Mobilfunknetz abgerufen. Die Intelligenz ist im Netz, nicht nur im Handy. Das hat den Vorteil, dass das Gerät immer kleiner werden kann.

Was macht Apps so attraktiv?

Sie sind unglaublich einfach zu bedienen. Und für Entwickler ist die Eintrittshürde sehr niedrig. Oft sind das clevere Studenten mit einer guten Idee. Innovationen werden so enorm beschleunigt.

Ohne Smartphone geht nichts mehr?

Mit dem Smartphone werden Nutzer immer mehr Funktionen ausführen. Sie werden Finanztransaktionen durchführen, sie werden mit öffentlichen Einrichtungen und in sozialen Netzwerken kommunizieren.

Das hört sich alarmierend an. Ohne Smartphone bin ich kein Mensch mehr.

Der Witz ist doch: Die Daten sind nicht im Gerät, sondern in einem hochsicheren Netz. Wer sein Adressbuch aus Papier verliert, hat Pech. Das elektronische Adressbuch bleibt beim Verlust des Handys erhalten, weil die Daten im Netz liegen.

Die Branche erlebt derzeit einen Boom. Alles wegen der Cloud?

Cloud-Computing spielt eine immer größere Rolle. Es kommen aber andere Faktoren hinzu. Bei der Hardware haben wir in diesem Jahr einen Zuwachs im zweistelligen Bereich. Es gibt ein Plus bei Servern, bei Smartphones und Tablet-PC. Derzeit löst sich ein Investitionsstau auf. Der in der Krise aufgeschobene Austausch von Rechnern in Firmen wird nachgeholt. Das gilt auch für die Anschaffung von Software und die Installation umfangreicher Systeme. Die gesamte IT-Branche wird vermutlich um knapp fünf Prozent wachsen.

Ihr Lobpreis der neuen Technologien erinnert an das alte Versprechen der Branche. Mit IT sollte alles einfacher und komfortabler werden. In der Arbeitswelt hat IT aber vor allem zu mehr Stress und Verdichtung der Arbeit geführt, und viele Jobs sind verschwunden.

Auf der anderen Seite entstehen neue Arbeitsplätze ? siehe Apps-Entwickler. IT hat ganzheitliche Abläufe geschaffen. Sie als Journalist in der Zeitungsproduktion können einen komplexen Prozess komplett kontrollieren, der früher sehr arbeitsteilig organisiert wurde.

Das kann aber auch belasten.

Das Internet macht es uns viel leichter, Job und Privates in Einklang zu bringen. Aber: Das Leben ist kein Kuschelzoo.

Zurück zu den Jobs: Die Cloud-Rechenzentren stehen meistens nicht in Deutschland. Droht ein Jobabbau?

Die großen Anbieter von Clouds sitzen tatsächlich in den USA. Hiesige Unternehmen, die Leistungen aus der Cloud beziehen, brauchen weniger Administratoren, die die Infrastruktur am Laufen halten. Andererseits werden hier Experten benötigt, die beispielsweise betriebswirtschaftliche Software für Unternehmen so umbauen, dass sie für Cloud-Computing geeignet sind. Wir brauchen Experten, die sich um die Sicherheit kümmern. Im Saldo schafft die Branche Jahr für Jahr etwa 10000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Erhöhen diese zentralen Rechenzentren nicht die Gefahr, dass Hacker sich illegal Informationen beschaffen?

Nein. Die Cloud lässt sich sehr viel besser schützen als ein Privat-PC. Ihr Adressbuch wird von Profis bewacht. Sicherheit ist übrigens eine Stärke der deutschen IT-Industrie, hier gibt es große Potenziale für neue Jobs.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie August-Wilhelm Scheer Datensicherheit im Internet bewertet

Apropos Sicherheit. Niemand weiß, was mit den Nutzerdaten in den Rechenzentren von Facebook oder Google geschieht. Mehr Überwachung ist doch dringend nötig.

Zunächst muss jeder selbst entscheiden, welche Daten er preisgibt. Dafür müssen wir ein kritisches Bewusstsein bei jungen Menschen schaffen. Das ist eine wichtige Aufgabe für Eltern und Lehrer. Ich warne aber vor übertriebener Angstmache.

Aber noch einmal: Brauchen wir eine Rechenzentren-Aufsicht?

Es muss sichergestellt werden, dass jeder Nutzer weiß, was mit seinen Daten geschieht. Das 35 Jahre alte deutsche Datenschutzgesetz muss dringend überarbeitet werden. Das Internet kommt da noch gar nicht vor. Wir als Bitkom haben zum Beispiel eine Selbstverpflichtung unterstützt, wonach die Daten Jugendlicher in Internet-Communitys besonders geschützt werden. Da machen die Amerikaner wie Facebook aber nicht mit. Wir haben mit einer globalen Herausforderung zu tun.

Das bedeutet doch, dass die UNO eine internationale Datenschutzkonvention beschließen müsste.

Die gibt’s schon, sie bringt aber nicht viel. Das Problem sind die unterschiedlichen Empfindsamkeiten. Das macht eine Einigung auf dem hohen deutschen Datenschutzniveau sehr schwer. In Amerika ist man etwas großzügiger als bei uns. Wir haben die Erfahrung totalitärer Regime gemacht und sind deshalb sehr sensibel.

Ein positiver Aspekt all der Neuerungen ist, dass IT in bislang fremdes Terrain vordringt, etwa in die Bereiche Energie und Umwelt.

Wir helfen, den Energieverbrauch zu drücken. Wir können beispielsweise Verkehrsströme steuern, um C02-Emissionen zu verhindern. Wir machen Produktionsprozesse effizienter.

Aber jede Google-Anfrage soll eine CO2-Emission von fünf bis zehn Gramm verursachen.

Mag ja sein. Aber generell gilt: Für jede Tonne CO2, die die IT-Branche verursacht, werden anderswo sieben Tonnen CO2 durch verbesserte Prozesse eingespart.

Eine umstrittene Rechnung. Denn die Branche erzeugt Datenverkehr, den es sonst gar nicht gäbe. Wenn Nutzer Fotos durch die Welt schicken oder auf Youtube sich schräge Videos anschauen.

Das räume ich ein. Aber was ist umweltfreundlicher? Sie fahren im Auto zu fünf Reisebüros und nehmen sich zehn dicke Kataloge mit – oder Sie stellen sich Ihre Reise im Netz zusammen? Wir helfen außerdem, viele Probleme der Energiebranche zu lösen.

Was meinen Sie damit?

IT-Systeme sorgen dafür, dass der Strom in Netzen optimal verteilt wird. Diese Aufgabe wird an Bedeutung gewinnen. Elektroautos werden künftig als fahrende Energiespeicher verwendet. Sie laden sich nachts auf und können tagsüber den Strom aus ihren Batterien ins Netz einspeisen. Die gesamte Ladeinfrastruktur funktioniert nur mit anspruchsvoller Software.

Da entsteht ein neues Geschäftsfeld auch für Informations- und Kommunikationstechnik. Aber gehen die Autobauer und die Regierung die E-Mobilität nicht viel zu zaghaft an?

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von China überholt werden. Die Automobilindustrie ist meines Erachtens noch zu zögerlich, weil sie noch zu stark an den Erfolgen ihrer alten Technologie hängt.

Was haben die Autobauer konkret versäumt?

Für Autobauer war die Elektromobilität sehr stark auf Antriebstechnik beschränkt. Die IT-Branche musste hart dafür kämpfen, dass das Thema Infrastruktur bei Elektromobilitätsprojekten der Bundesregierung richtig bedacht wird. Jetzt müssen wir diese Infrastruktur auch sukzessive aufbauen.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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