Lade Inhalte...

Forum Entwicklung „Kinderarbeit ermöglicht Schulbesuch“

Experten werben für einen differenzierten Blick auf die Situation von malochenden Minderjährigen. Kinderarbeit behindert nicht in allen Fällen den Schulbesuch, in vielen Fällen ermöglicht er ihn erst.

Debatte im Saalbau Südbahnhof: Autorin Auma Obama, FR-Redakteur Tobias Schwab, GIZ-Experte Günther Taube und Soziologe Manfred Liebel. Foto: Andreas Arnold

Auma Obama erinnert sich noch gut, wie es war, damals, als sie in Nairobi in die Schule ging. „Ich habe immer gezittert, ob ich rausgeschmissen werde“, erzählt die Kenianerin. Die Eltern mussten Schulgeld bezahlen, und oft reichte das Einkommen dafür nicht. Die Kinder, für die das Geld eine Woche nach Monatsbeginn nicht eingegangen war, durften nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Es sei jedes Mal Stress gewesen, berichtet die heute 54-jährige ältere Halbschwester von US-Präsident Barack Obama, die nach der Kindheit in Kenia 16 Jahre in Deutschland lebte, hier studiert und ihren Doktor gemacht hat. Sie, die inzwischen wieder in Nairobi wohnt und eine Stiftung zur Förderung von Kindern gegründet hat, sagt: „Viele Kinder in Ländern wie Kenia arbeiten, weil das Geld der Familie sonst nicht reicht, um die Schule zu bezahlen.“

Es war ein ganz anderer Blick auf Kinderarbeit, den Obama jetzt auf der Podiumsdiskussion des Veranstaltungsreihe „Forum Entwicklung“ in Frankfurt präsentierte. Kinderarbeit – eigentlich gilt sie, wenn in reichen Ländern die Rede darauf kommt, ja als ein „no go“, steht auf einer Stufe mit Streubomben, Landminen oder Zwangsprostitution.

Das Bild scheint klar: Wenn Kinder in Entwicklungsländern auf Plantagen schuften, Teppiche knüpfen oder als Hausmädchen arbeiten, wenn sie eingespannt werden, damit die Familie finanziell über die Runden kommt, hält sie das von Schule und Ausbildung ab. Doch dass Kinderarbeit umgekehrt auch dazu beitragen kann, dass Schulbildung erst möglich wird – das war neu für viele der rund 180 Zuhörer, die zu der Veranstaltung „Recht auf Arbeit – auch für Kinder?“ gekommen waren. Eingeladen dazu hatten die Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Die UN-Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass es weltweit rund 163 Millionen Kinderarbeiter gibt, die Hälfte davon in ausbeuterischen Jobs. Es geht um Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel in der Elfenbeinküste bei der Kakaoernte helfen, in Kolumbien in Kohleminen malochen oder in Pakistan in Textilfabriken arbeiten.

Doch es gibt auch Kritik an den ILO-Zahlen. Der Berliner Soziologieprofessor und Kinderrechtsexperte Manfred Liebel monierte in der Frankfurter Diskussion nicht nur, dass die Schätzungen „sehr grob“ seien. Die Zahlen für die schlimmsten Formen der Kinderarbeit – gegen die man in der Tat mit aller Konsequenz einschreiten müsse – seien aber auch zu hoch angesetzt. Dadurch werde das Thema „dramatisiert“ und „aufgebauscht“. „Viele Kinder fühlen sich diskriminiert“, sagt Liebel, weil man ihnen das Arbeiten verbieten wolle. Auch er habe in Entwicklungsländern viele Kinder getroffen, die arbeiteten, um zur Schule gehen zu können.

Einschulungsrate steigt

Liebel warb wie Auma Obama dafür, das Thema differenzierter als bisher üblich zu betrachten. Er erzählte aus seiner eigenen Kindheit in Offenbach in den 1950er Jahren. Er, Sohn eines Bäckers, habe selbstverständlich in der Bäckerei der Familie mitgearbeitet. „Es war nicht nur eine Last, sondern hat mir auch Anerkennung und Freiräume verschafft“, sagt er.

Ähnlich seien die Verhältnisse heute in den Entwicklungsstaaten, vor allem auf dem Land. Dass Kinder dort in der Familie oder auf dem Feld mitarbeiten, sei gängige Praxis – und dürfe nicht automatisch abgelehnt werden. Liebel zitierte das Beispiel Boliviens, das mit einem neuen Kinder- und Jugendgesetz ganz neue, ungewöhnliche Weg geht. Darin wird Kinderarbeit nicht pauschal verboten. Stattdessen billigt der Staat den Kindern Rechte und Schutzmechanismen zu, die Ausbeutung und Machtmissbrauch verhindern sollen. So muss der Schulbesuch trotz des Arbeitens möglich sein und eine „gerechte Entlohnung“ erfolgen. Liebel hält das bolivianische Gesetz für wegweisend.

Wie viel noch zu tun bleibt, um den Kindern in armen Ländern den Zugang zum Menschenrecht Bildung und damit zu guten Berufschancen zu ermöglichen, machte in der Diskussion der GIZ-Experte Günther Taube klar. Im afrikanischen Burkina Faso zum Beispiel seien vor zehn Jahren trotz bestehender Schulpflicht nur rund 20 bis 30 Prozent der Kinder zur Schule gegangen. Knapp die Hälfte der Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeitet dort, laut GIZ lebt ein „bedeutender Anteil“ von ihnen als Arbeitsmigranten oder verübt gesundheitsschädliche Arbeiten, etwa in Goldminen. Deswegen müssten, so Taube, neben Hilfen zur Verbesserung des Familieneinkommens („Auch die Frauen sollen Geld verdienen können“) und der Schul-Infrastruktur durchaus auch Maßnahmen gegen Kinderarbeit ergriffen werden.

Die Erfolge können sich sehen lassen. Mit GIZ-Hilfe ist es gelungen, die Einschulungsrate deutlich zu erhöhen – auf bis zu 58 Prozent. „Wenn Kinder zu Hause mithelfen, ist das durchaus nützlich“, kommentierte Taube die Einwürfe von Obama und Liebl, Kinderarbeit nicht generell zu verdammen. Nur: „Es darf nicht so weit gehen, dass kein Schulbesuch mehr möglich ist.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen