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Forum Entwicklung Forschung auch für arme Patienten

Experten fordern beim „Forum Entwicklung“ von Frankfurter Rundschau, hr-info und GIZ eine öffentlich finanzierte Arzneimittel-Entwicklung im Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten.

FR Forum Entwicklung
Auf dem Podium beim Forum Entwicklung: Thomas Gebauer (Medico International), Jutta Reinhard-Rupp (Merck Global Health Institute), FR-Redakteur Tobias Schwab, Schauspieler Götz Otto, Dr. Graeme Bilbe (Drugs for Neglected Diseases Initiative) und GIZ-Gesundheitsexperte Franz von Roenne (von links). Foto: peter-juelich.com

Man nennt ihn den „Medikamentenjäger“ – und in Frankfurt wurde er fündig. Der Brite Graeme Bilbe entdeckte 2005 in den Beständen der alten Hoechst AG einen Wirkstoff, der gegen die in tropischen Ländern ursprünglich weit verbreitete Schlafkrankheit (Trypanosomiasis), die durch die Tsetsefliege übertragen wird, schwere neurologische Schäden auslöst und unbehandelt zum Tod führt. Der zu diesem Zeitpunkt bereits zerschlagene Konzern hatte den Wirkstoff in den 1970er Jahren entwickelt, ihn dann aber wegen mangelnder Profitaussichten nicht als Medikament in den Markt gebracht – die Betroffenen in den Entwicklungsländern hätten es nicht bezahlen können.

Dank der Initiative von Bilbe, der Forschungschef der in Genf ansässigen Non-Profit-Organisation DNDi zur Medikamentenforschung ist, steht das Präparat nun kurz vor der Zulassung. Die Arznei wurde in Zusammenarbeit mit der Pharmafirma Sanofi weiterentwickelt. „Wir sind inzwischen nahe dran an der Eliminierung der Schlafkrankheit“, sagte der Biochemiker und Ex-Pharma-Manager am Dienstag beim „Forum Entwicklung“ zum Thema „Pillen für die Armen“, das von Frankfurter Rundschau, hr-info und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wurde.

Eine Erfolgsgeschichte, die vervielfältigt werden müsste. Denn es gibt neben der Trypanosomiasis noch viele weitere Tropenkrankheiten, die kaum behandelt werden, weil die Pharmakonzerne mangels Kaufkraft der Opfer und fehlender Krankenversicherungen keine Medikamente dafür entwickeln. Es geht um Krankheiten wie Malaria, Elephantiasis oder Flussblindheit, die bei ihren Opfern oft zu lebenslangen Behinderungen führen. Rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung, sind davon bedroht, und rund 1,5 Milliarden leiden aktuell an einer oder mehreren dieser Krankheiten, für die Entwicklungsexperten sogar eine eigene Kategorie gebildet haben – „Neglected Tropical Diseases“ (NTDs), die „vernachlässigten Tropenkrankheiten“. Millionen Menschen in Entwicklungsländern sterben jährlich daran, obwohl sie – zumindest theoretisch – leicht vermeidbar wären.

Dass es Medikamenten-Jäger wie Bilbe braucht, um hier überhaupt Erfolge zu erzielen, ist ein Skandal. Thomas Gebauer, Geschäftsführer der Entwicklungs-NGO „Medico International“, sieht eine Hauptursache für die globale Schlagseite in der Medikamenten-Entwicklung im Patent-System, das es den Pharma-Herstellern erlaube, die Preise zu diktieren, und „riesige Gewinnspannen“ ermögliche. „Geforscht wird nur für zahlungskräftige Menschen“, sagte er auf dem Podium. So würden zum Beispiel teure Krebspräparate entwickelt, aber beispielsweise keine neuen Mittel gegen Formen der multiresistenten Tuberkulose, die in Entwicklungsländern zunehmend auftritt. Viele erkrankte Menschen dort hätten gar kein Einkommen, „deren Kaufkraft ist Null“. Deswegen könne das in den Industriestaaten etablierte System in den armen Ländern nicht funktionieren. Als Alternative empfahl er, eine öffentlich finanzierte Arzneimittel-Forschung aufzubauen, die die entwickelten Wirkstoffe dann frei zugänglich macht. „Wir müssen Druck aufbauen, damit das geschieht“, sagte Gebauer.

Allerdings muss noch mehr passieren, das machten auch die anderen Teilnehmer auf dem Podium deutlich. „Es müssen Mechanismen für die Zugänglichkeit von Medikamenten etabliert werden“, sagte Jutta Reinhard-Rupp, die Leiterin des „Instituts für globale Gesundheit“ des Darmstädter Pharmaherstellers Merck, das sich besonders mit Krankheiten wie Malaria, Bilharziose und der zunehmenden Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen beschäftigt. Sie berichtete von Fällen, wo große Mengen von Medikamenten, die gespendet worden waren, die Patienten gar nicht erreichten, sondern irgendwo in Lagerhallen vergammelten. Außerdem komme es darauf an, auch die sonstigen Lebensumstände der Menschen zu verbessern – etwa durch eine sichere Wasserversorgung und sanitäre Anlagen. „Medikamente alleine reichen nicht“, sagte sie. So habe ihr Institut eine Arznei für Kinder gegen Bilharziose entwickelt, eine tropische Infektionskrankheit, die durch in Seen lebende Würmer-Larven überragen wird. Doch die Wirkung werde zunichte gemacht, wenn die Kinder weiterhin von ihren Eltern mangels Alternative mit Wasser aus diesen Gewässern gewaschen werden.

Hier kann durchaus etwas getan werden, machte der GIZ-Gesundheitsexperte Franz von Roenne klar – mit Aufklärung zur Gesundheitsvorsorge, der Verbesserung der sanitären Situation und gezielten Programmen, um die Strukturen im Gesundheitswesen armer Ländern zu verbessert. Als leuchtendes Beispiel nannte er den mit GIZ-Hilfe erfolgten Aufbau von „regionalen Medikamentenfonds“ im afrikanischen Kamerun, die die Beschaffung, Verteilung und Finanzierung von Medikamenten sicherstellen und der Bevölkerung aktive Mitsprache in den regionalen Generalversammlungen ermöglichen. „Inzwischen hat die letzte von zehn Provinzen im Land das System übernommen“, berichtete von Roenne.

Wie wichtig es indes ist, in den reichen Industrieländern mehr Bewusstsein für die globale Gesundheitslage zu schaffen, machte der „Promi“ auf dem Podium klar: Schauspieler Götz Otto ist nicht nur aus vielen Kinofilmen, darunter „Schindlers Liste“ und der James-Bond-Streifen „Das Morgen stirbt nie“, sowie aus TV-Serien bekannt, sondern auch als Botschafter der afrikanischen NGO „Amref Health Africa“ aktiv. Er erinnerte daran, dass Anfang der 2000er Jahre erst großer öffentlicher Protest in den USA dafür sorgte, dass die Yale-Universität und der Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb das Patent auf ein gut wirksames Aids-Medikament freigaben und so die Behandlungen von Erkrankten auch in Südafrika möglich wurde. „Sonst hätte sich nichts bewegt.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Forum Entwicklung

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