Lade Inhalte...

Forum Entwicklung Den Kaffeebauern bleibt wenig

Die Geiz-ist-geil-Mentalität der Konsumenten schadet den Kaffeebauern. Außerdem gibt es zu viele Zwischenhändler, klagt ein Experte bei einer Diskussionsrunde im Foyer der Frankfurter Rundschau. Diese leiteten einen großen Teil des Geldflusses in die eigenen Taschen um.

Fair un handgemacht: Der Trend geht weg vom Blitzkaffee. Foto: dpa

Draußen vor der Tür gab es natürlich feinen heißen Kaffee, frisch geröstet und zubereitet von Frauen aus Äthiopien und Eritrea. Drinnen im Rundschau-Haus war dann auch von kaltem Kaffee die Rede. Man solle den Tasseninhalt abgekühlt probieren, erklärte ein Fachmann aus dem Publikum, dann erst zeige sich, welche Bohnen wirklich munden.

Die Geschmacksfrage hatte Sarah Wiener aufgeworfen. Die TV-erprobte Köchin, Unternehmerin und Missionarin für „vernünftiges Essen“ war gewissermaßen der Stargast einer Diskussionsrunde, die sich am Donnerstagabend im Foyer der Frankfurter Rundschau mit dem beliebten Heißgetränk beschäftigte.

Und da es sich um eine Veranstaltung der Reihe „Forum Entwicklung“ handelte, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dem Radiokanal Hr-iNFO und der FR getragen wird, ging es in erster Linie um die Arbeitsbedingungen der Erzeuger und die Zustände am Kaffee-Markt, also um den „bitteren Nachgeschmack“, den der Genuss womöglich hinterlässt.

Vielfalt der Geschmacksrichtungen geht verloren

Bei Sarah Wiener allemal, obwohl sie nach eigenem Bekunden „eher Tee-Trinkerin“ ist. Die Problematik, die sie generell der industriellen Verarbeitung von Lebensmitteln anlastet, gelte auch für Kaffee: Die Vielfalt der Geschmacksrichtungen gehe verloren und damit auch die Wertschätzung von Qualität. Sie sei „empört, dass US-Ketten die Kaffee-Kultur versauen“, sagt Wiener und erhält kräftigen Beifall von den knapp 150 Zuhörern.

Viel Applaus auch für Holger Preibisch, den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands, als er die Geiz-ist-geil-Mentalität der Verbraucher geißelt. Kaffee gehöre ebenso wie Butter und Milch zu den „Eckartikeln“, für die vor allem Discounter niedrige Preise aufriefen, um damit für ihr gesamtes Sortiment zu werben. Der Konsument sei „fokussiert auf billig“, meint Preibisch. Rund die Hälfte des gesamten deutschen Kaffee-Absatzes im Lebensmittelhandel laufe über Preisaktionen.

Für die überwiegend kleinen Erzeuger in den weltweit rund 60 Anbauländern entscheidend ist aber der an den Börsen gehandelte Rohstoffpreis. Er unterliegt, wie FR-Redakteur und Moderator Tobias Schwab in der Einführung betonte, extrem starken Schwankungen und stellt damit ein hohes Risiko für die mehr als 125 Millionen Menschen dar, die rund um den Globus ihren Lebensunterhalt mit Kaffee verdienen.

Preibisch führt die hohen Preisausschläge vor allem auch auf Spekulationen von Großanlegern zurück, die ihre reichlichen flüssigen Mittel in Rohstoffe investierten. Nach den „dramatischen Einbrüchen“ vor zehn Jahren sei inzwischen aber ein „gesundes Preisniveau“ erreicht, „von dem alle leben können“. Von den 4,60 Euro, die ein Konsument derzeit für ein Pfund Kaffee in Deutschland zahlt, entfalle mit durchschnittlich 1,80 Euro der größte Teil auf den Einkauf im Erzeugerland, rechnet Preibisch vor.

Viele Farmer, wenige Ankäufer

Davon kommen allerdings nur 30 bis 50 Prozent bei den Kleinbauern an, ergänzt GIZ-Experte Carsten Schmitz-Hoffmann. In Lateinamerika etwa treiben Zwischenhändler, sogenannte „Cojotes“, ihr Unwesen und leiten einen großen Teil des Geldflusses in die eigenen Taschen um. „Die Wertschöpfungskette muss kürzer werden“, fordert Schmitz-Hoffmann denn auch. Die Situation sei vielerorts dramatisch, zumal sich der Kaffee-Anbau in aller Regel auf besonders arme Regionen konzentriere. Die vielen Produzenten befänden sich zudem in einer schwachen Position, weil ihnen weltweit nur wenige Aufkäufer gegenüberstünden.
Die staatliche GIZ will den Bauern unter die Arme greifen. Dabei setzt sie unter anderem auf das Instrument 4 C: „Common Code for the Coffee Community“. Im Rahmen dieser Vereinbarung haben sich Produzenten, Händler und Nichtregierungsorganisationen darauf verständigt, die Nachhaltigkeit der gesamten Wertschöpfungskette zu fördern, Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten und somit die Armut zu bekämpfen. Auf längere Sicht soll 4C-Kaffee raus aus der Nische und größere Marktanteile gewinnen.

Bislang sind es Schmitz-Hoffmann zufolge erst fünf Prozent, weshalb er sich „mehr Enthusiasmus“ von den Konzernen wünsche. Das Problem: Nicht überall, wo 4C draufsteht, ist auch 4C-Kaffee drin. Preibisch betont, dass es sich bei 4C nicht um ein weiteres Qualitätslabel handelt. Davon gebe es ohnehin schon zu viele, was die Verbraucher eher verwirre.

Vielmehr sei der Standard als Einstiegsstufe für mehr Nachhaltigkeit im Massenmarkt zu verstehen. Wer es nachhaltig exklusiv mag, kann sich demnächst am „Sarah Wiener Filter“ delektieren. Die Kaffeemischung werde direkt von Kleinbauern in Guatemala, Kolumbien sowie der Dominikanischen Republik bezogen und zeichne sich der Namensgeberin zufolge durch „gedeckte Karamellnoten“ aus.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum