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Foodwatch Der legale Etikettenschwindel

Irreführende Kennzeichnungsregeln für Lebensmittel machen es den Konsumenten schwer, im Supermarkt durchzublicken. Foodwatch fordert mehr Informationen und mehr Übersichtlichkeit.

„Lebensmittel-Ampel“
Der Plan, EU-weit eine „Lebensmittel-Ampel“ auf Verpackungen einzuführen, wie etwa in Frankreich, ist gescheitert. Foto: afp

Es könnte so einfach sein. Verlässliche Informationen über Herkunft, Zusätze und Inhaltsstoffe von Lebensmitteln, gut erkennbar, leicht lesbar und vollständig, ergänzt durch eine farblich abgestufte Bewertung des Nährwertes – all das ist keine Hexerei. Verbraucher könnten sich auf einen Blick ein Bild vom ernährungsphysiologischen Wert des Produktes machen und bei Bedarf Näheres im (nicht ganz so) Kleingedruckten erfahren.

Sie könnten, aber sie können nicht. Denn die politischen Entscheidungsträger in Brüssel, Berlin und anderen europäischen Hauptstädten haben im vergangenen Jahrzehnt nichts Nennenswertes unternommen, um Lebensmittelinformationen für Konsumenten wirklich zu verbessern.

„Die geltenden Kennzeichnungsregeln machen es Verbraucherinnen und Verbrauchern schwer, im Supermarkt durchzublicken – und ermöglichen es den Herstellern, ganz legal zu tricksen und zu täuschen“, sagt Sophie Unger von Foodwatch. Es ist eine bittere Bilanz, die die Verbraucherschutzorganisation nach zehn Jahren Kampf gegen Etikettenschwindel im Lebensmittelbereich zieht.

Beispiel Lesbarkeit: Ursprünglich hatte die EU-Kommission für die 2014 in Kraft getretene Lebensmittelinformationsverordnung für Informationen zu Zutaten und Inhaltsstoffen eine verbraucherfreundliche Schriftgröße von drei Millimetern vorgesehen. Dies hätte nach Ansicht der Hersteller aber nicht genug „Raum für den Markenauftritt“ gelassen.

Nach jahrelangen Diskussionen und intensiver Lobbyarbeit der Lebensmittelwirtschaft wurden daraus 1,2 Millimeter, bezogen auf das kleine X. Für kleinere Verpackungen gilt sogar eine Mindestgröße von nur 0,9 Millimetern. Damit nicht genug, fehlen Vorgaben zur farblichen Gestaltung der Schrift: Schwarze Buchstaben auf blauem Hintergrund sind zulässig.

Aber sind sie auch lesbar? Selbst hochrangige EU-Vertreter verneinen das. Foodwatch zitiert den zuständigen EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis mit einer erhellenden Aussage vom März dieses Jahres: „Ich kann sie (die Lebensmittelkennzeichnung) nicht lesen, nicht einmal mit meiner Brille. Es ist absolut unmöglich.“ Foodwatch fordert daher eine Mindestschriftgröße von 2,5 Millimetern (bezogen auf das große H) sowie nutzerfreundliche Vorgaben zu Zeilenabstand und Farbkontrast.

Beispiel Nährwert: Großbritannien setzte erstmals 2004 eine „Lebensmittel-Ampel“ auf Verpackungen ein, um mit den Signalfarben Grün, Gelb und Rot den Gehalt an Zucker, Salz, Fett und ungesättigten Fettsäuren deutlich zu machen. Ziel war es, den Problemen Fehlernährung und Übergewicht mit plakativen Basisinformationen entgegen zu treten.

Der Plan, ein solches Ampelsystem EU-weit zu verankern, rief den entschiedenen Widerstand der Lebensmittelbranche hervor, dem erneut Erfolg beschieden war: Im Juni 2010 scheiterte die Ampel im EU-Parlament knapp. Stattdessen muss seit Dezember 2016 auf verpackten Lebensmitteln der Gehalt von Fetten, gesättigten Fettsäuren, Zucker, Salz, Kohlenhydraten und Eiweiß angegeben werden – in besagter Minischrift, auf der Rückseite.

Die Bundesregierung hatte sich das Argument der Lebensmittelwirtschaft zu eigen gemacht, eine Ampel sei unwissenschaftlich und zu undifferenziert. In anderen Ländern wird dies offenbar anders gesehen: In Frankreich wurde Anfang November eine auf freiwilliger Basis (anderes wäre EU-rechtlich nicht zulässig) eine fünfstufige Farbskala zur Nährwertkennzeichnung eingeführt, der sich bereits große Lebensmittelketten wie Intermarché und Leclerc angeschlossen haben. Die von unabhängigen Wissenschaftlern erarbeiteten Bewertungsmaßstäbe wurden von der Weltgesundheitsorganisation WHO bereits in höchsten Tönen gelobt. Auch in Deutschland sollte ein vergleichbares, leicht verständliches Informationssystem eingeführt werden, fordert Foodwatch.

Beispiel Herkunftskennzeichnung: Die Herkunft von Zutaten in verarbeiteten Lebensmitteln muss nicht angeben werden. Versuche des EU-Parlaments, eine Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Milch und Milchprodukte durchzusetzen, scheiterten am Widerstand der Hersteller. Nur für unverarbeitetes Fleisch ist die Herkunftsangabe verpflichtend. Der Clou: Bereits die Zugabe von Salz oder Kräutern macht aus Hackfleisch ein verarbeitetes Lebensmittel. Woher das Hack kommt, muss dann nicht mehr angegeben werden.

Wiederum auf freiwilliger Basis führte Frankreich eine Herkunftsangabe für Fleisch und Milchprodukte in verarbeiteten Lebensmitteln ein. Italien, Griechenland, Spanien und Finnland führten zumindest eine Herkunftskennzeichnung für Milch und Milcherzeugnisse in verarbeiteten Produkten ein. Nach Ansicht von Foodwatch müssten Hersteller grundsätzlich verpflichtet werden, die Herkunft der verwendeten Hauptzutaten anzugeben: Nicht für jedes Blatt Petersilie, aber für Bestandteile, die mehr als 50 Prozent des Lebensmittels ausmachen.

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