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Fleisch-Atlas Tierfabriken statt Hof-Idylle

Deutsche Bauern überschwemmen das Ausland mit Billigfleisch: Die Tiermast nimmt immer stärker industrielle Dimensionen an, immer weniger Betriebe produzieren immer mehr Fleisch.

Glückliche Hühner unter freiem Himmel sind die Ausnahme. Der Alltag der Geflügelmast sieht so aus. Foto: rtr

Der Bauernhof ist ein Sehnsuchtsort. Ferkel spielen unter Apfelbäumen, die Kuh macht Muh und der Hahn kräht auf dem Mist, friedvoll, naturnah, gesund. Die meisten Deutschen wünschen sich eine solche Landwirtschaft. Eine, die das Wohl der Tiere achtet, die Umwelt schont und die guten Gewissens zu Salami, Schnitzel und Bratwurst greifen lässt. Seit Jahren steigt die Nachfrage nach ökologisch erzeugten und regionalen Lebensmitteln, jeder Discounter führt heute Bio-Produkte.

In krassem Gegensatz dazu steht die tatsächliche Entwicklung der Fleischerzeugung hierzulande. Die Tiermast nimmt immer stärker industrielle Dimensionen an. Der am Mittwoch veröffentlichte Fleisch-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt, dass die Zahl der Schweinemast- und Geflügelbetriebe während der vergangenen 20 Jahre drastisch gesunken ist. Zugleich stieg die Gesamtproduktion enorm. Das aber bedeutet: Kleine Betriebe gaben auf, große wurden zu Tierfabriken, Hof-Idyll ade.

Die Böll-Stiftung konkretisiert diesen Trend anhand von Daten des Statistischen Bundesamts. Danach ging die Zahl der Betriebe, die Masthühner halten, zwischen 1994 und 2014 von fast 70 000 auf 4500 zurück. Im gleichen Zeitraum stieg der Jahresausstoß deutscher Hühnerfleischhalter von 342 000 Tonnen auf 972 000 Tonnen. Mithin produziert ein Sechzehntel der einst vorhandenen Betriebe dreimal mehr Fleisch als zuvor. Was das für die Haltungsbedingungen bedeutet, vermag man sich auch ohne Landwirtschaftsstudium vorzustellen. Glückliche Hühner unter freiem Himmel sind sicher die Ausnahme.

Einem ähnlichen Wandel waren Deutschlands Schweinemast-Betriebe unterworfen. Seit 1994 gaben neun von zehn Mästern auf, die Zahl der Betriebe ging auf 27 000 zurück. Unterdessen nahm die jährliche Schweinefleischerzeugung um fast 50 Prozent von 3,7 Millionen Tonnen auf 5,5 Millionen Tonnen zu.

Dass in Bayern und Baden-Württemberg besonders viele Masthuhn- und Schweinhalter vom Markt verschwanden, ist kein Zufall. Denn im Süden finden sich traditionell vor allem Betriebe mit kleinen Flächen, während im Osten und Norden der Republik große Höfe dominieren. Der Konzentrationsprozess wird daher vor allem im Süden sichtbar.

Ein Beispiel: In Mecklenburg-Vorpommern sank die Zahl der Schweinemäster seit 2001 nur um 600, in Bayern betrug das Minus 27 800. Noch augenfälliger sind die regionalen Unterschiede in der Rinderhaltung. Während in den westlichen Bundesländern die Zahl der Rinder-und Milchviehbetriebe nach 2001 um 72 600 zurückging, stieg sie im Osten durch den Bau von Großstall-Anlagen um 6600.

Ein Ende dieser Industrialisierung ist nach Erkenntnissen der Fleisch-Atlas-Autoren nicht in Sicht. Zwischen 2012 und 2015 wurden in 15 Bundesländern mindestens 720 000 neue Stallplätze für Schweine und 10,8 Millionen Plätze für Geflügel beantragt. Die tatsächliche Zahl der Anträge liegt aber noch deutlich höher. Bayern lieferte keine Angaben zu Neuanträgen, und auch der niedersächsische Landkreis Cloppenburg verweigerte Auskünfte. Dabei ist Cloppenburg, neben dem Nachbarkreis Vechta, der wichtigste Standort der deutschen Fleischproduktion.

Während immer mehr Fleisch von immer weniger Landwirten erzeugt wird, sinkt die inländische Nachfrage nach Schnitzel, Bratwurst und Salami seit Jahrzehnten. Der Verbrauch pro Kopf lag 1991 bei 64 Kilogramm, im Jahr 2000 waren es 61 und 2014 noch 60,4 Kilogramm.

Die zusätzliche Fleischproduktion geht daher in den Export. Neben asiatischen und osteuropäischen Märkten spielen dabei auch Entwicklungsländer zunehmend eine Rolle. So wuchsen die deutschen Hühnerfleischausfuhren nach Afrika von 7000 Tonnen im Jahr 2009 auf 48 000 Tonnen fünf Jahre später. Die Nebenwirkungen sind beträchtlich. Für die vielen Kleinerzeuger vor Ort bedeutet die billige Massenware aus dem Norden das Aus.

Auch für die deutschen Mäster birgt die Exportorientierung Risiken, wie der seit Monaten anhaltende Preisverfall für Schweinefleisch auf dem Weltmarkt zeigt. Zudem bleibt Deutschland auf den Umweltschäden der Fleischproduktion sitzen, die zum Beispiel durch das Ausbringen der Gülle verursacht werden.

Die Masse macht’s also nicht immer. Und der Bauernhof? Er bleibt ein Sehnsuchtsort.

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