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Fipronil-Skandal Immer mehr giftige Eier

1. UpdateDer Fipronil-Skandal weitet sich aus: Jetzt sollen bereits zehn Millionen Eier belastet sein. Aldi stoppt den Verkauf.

Niederlande
Im Auftrag der niederländischen Lebensmittelkontrolle wurden am Mittwoch rund eine Million Eier aus Onstwedde zerstört. Huisman Media/dpa Foto: afp

Eigentlich hatte die EU-Kommission Entwarnung gegeben: Die Lage bei den kontaminierten Eiern sei unter Kontrolle, hieß es in Brüssel. Doch nur wenige Stunden später zeigte sich, dass die Situation weiterhin unübersichtlich ist und sowohl von Behörden als auch von der Lebensmittelbranche sehr unterschiedlich eingeschätzt wird.

Am Freitag entschloss sich Aldi zu einem drastischen Schritt: Der Discounter nahm sämtliche Eier aus den Regalen. Dem schlossen sich andere Handelsketten zunächst nicht an. Auch der Bauernverband kritisierte das Vorgehen von Aldi als überzogen. Allerdings wurde inzwischen bekannt, das in Deutschland weit mehr mit dem Insektengift Fipronil belastete Eier aus den Niederlanden verkauft worden sind als bisher bekannt.

Aldi erklärte, es handele sich um eine „reine Vorsichtsmaßnahme“. Man wolle aber für Klarheit und Transparenz sorgen. Aldi verkauft nun nur noch Eier, für die ein Nachweis vorliegt, dass sie negativ auf Fipronil getestet wurden. So verfährt auch Lidl. Die Handelsketten Rewe und Edeka haben alle aus den Niederlanden stammenden Eier aus den Regalen genommen und verkaufen weiterhin Eier der Eigenmarken, die nach Angaben der Firmen ausschließlich aus Deutschland stammen. Der Bauernverband versicherte, in Deutschland sei das Desinfektionsmittel nur in wenigen Betrieben eingesetzt worden. Diese seien bereits Ende Juli sofort gesperrt und überprüft worden.

Fipronil war nach bisherigen Erkenntnissen verbotenerweise in Legehennenbetrieben in den Niederlanden eingesetzt worden. Wie der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) am Freitag sagte, wurden möglicherweise über zehn Millionen belastete Eier in deutschen Supermärkten verkauft. Bisher war die Rede von drei Millionen. Er relativierte zudem die frühere Aussage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), nach der es durch den Verzehr belasteter Eier keine konkrete Gesundheitsgefährdung gebe. Meyer sagte, bei Kindern bestehe beim Verzehr von zwei Fipronil-Eiern am Tag eine „akute Gesundheitsgefahr“.

Inzwischen ist nach Informationen des Magazins „Der Spiegel“ ein Chemikalienhändler aus dem belgischen Weelde ins Zentrum der Ermittlungen gerückt. Belgische und niederländische Fahnder gingen Hinweisen nach, wonach der Händler Patrick R. um den Jahreswechsel in einer Fabrik in Rumänien große Mengen des Tiermedikaments Fiprocid geordert habe, das den gefährlichen Wirkstoff Fipronil enthält.

Über einen Großhändler aus den Niederlanden seien belastete Eier auch nach Schweden gelangt, teilte die dortige Lebensmittelaufsicht mit. Sie sei darüber von der EU-Kommission  informiert worden. 

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisierte Bund und Länder scharf.  „Die Informationspolitik der Behörden ist katastrophal“, sagte Foodwatch-Expertin Lena Blanken der FR. „Wir wissen noch immer nicht, ob noch weitere Eier belastet sind und belastete Eier in anderen Lebensmitteln wie Nudeln oder Kuchen weiterverarbeitet wurden“, beklagte sie. Blanken wies darauf hin, dass das Insektizid durch Erhitzung nicht unschädlich gemacht wird.

Die Expertin zeigte sich wenig überrascht, dass es erneut zu einem Lebensmittelskandal gekommen ist. Die Überwachung der Branche sei unzureichend, es gebe keine systematischen Kontrollen auf verbotene Substanzen in Lebensmitteln, beklagte sie. Zudem seien die zuständigen Behörden nicht richtig vernetzt. „Es dauert in der Regel sehr lange, bis Missstände überhaupt auffallen“, kritisierte Blanken. „Das zeigt auch der aktuelle Fall, bei dem die Behörden viel zu spät reagiert haben und zum Teil widersprüchlich und nicht umfassend informiert haben.“

Als eine der wesentlichen Ursachen für immer neue Skandale nennt Foodwatch ein unzureichendes Haftungsrecht.“ Hersteller und Händler wissen, dass sie für mögliche Gesundheitsschäden bei Verbrauchern nur äußerst schwierig haftbar gemacht werden können“, sagte Blanken. Foodwatch fordert deshalb ein neues Haftungsrecht, um die Unternehmen künftig in die Verantwortung nehmen zu können. „Bisher ist der Handel nicht gezwungen zu testen, was sie überhaupt verkaufen. Sie haben keine Kontrollpflichten“, erklärte Blanken. „Diese brauchen wir aber, um Unternehmen in die Verantwortung zu nehmen, wenn sie ein nicht sicheres Lebensmittel in den Verkehr bringen.“ Dabei gehe es nicht darum, dass jedes einzelne Ei getestet werde. Die Unbedenklichkeit könne vielmehr durch Stichproben festgestellt werden. (mit afp, dpa)

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