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Fintechs Die Pionierzeit ist vorüber

Nach dem Skandal beim Lending Club blicken viele in den USA sehr viel nüchterner auf die Fintech-Branche. Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft wird das aber wohl nicht aufhalten.

20.09.2016 15:39
Sebastian Moll
2014 konnte Renaud Laplanche (dritter von rechts) noch stolz an der Wall Street das Börsendebüt des Lending Club feiern. Foto: rtr

Man hat es nicht offen zugegeben, doch es gab gewiss nicht wenige aus der traditionellen Finanzbranche, die in diesem Frühsommer einen Anflug von Schadenfreude verspürt haben.

Anlass dazu gaben die Nöte des Fintech-Unternehmens Lending Club, bis dato einer der bedeutendsten Player auf dem noch jungen Feld der Online-Finanz. Ende Mai musste Fintech CEO Ranaud Laplanche seinen Hut nehmen, nachdem eklatante Unregelmäßigkeiten in der Kreditbearbeitung der Firma bekannt geworden waren. Der Kreditvermittler hatte Verträge wissentlich fehldatiert und Daten gefälscht. Zudem hatte Laplanche persönliche Kredite bei Firmen aufgenommen, an denen der Lending Club Interesse hatte.

Der Skandal setzte eine Abwärtsspirale in der gesamten Branche in Gang. Die Aktie des Lending Club stürzte ins Bodenlose und zog andere Fintech Firmen mit nach unten. Mitbewerber wie Prosper hatten plötzlich Probleme, Kundschaft zu finden. Die Fintech-Branche, der man noch vor Kurzem zugetraut hatte, die gesamte Finanzwelt auf den Kopf zu stellen, geriet ins Trudeln. Der erste große Fintech-Skandal schien viele jener Vorurteile zu bestätigen, die in der traditionellen Bankenbranche gegen die jungen Firmen gehegt werden. Ihre Geschäftsmodelle erschienen plötzlich alles andere als solide. Die hohen Renditen, die die „Marktstörer“ trotz niedriger Gebühren einfuhren, schienen nicht alleine auf Kosteneinsparungen im Online-Geschäft und schlankeren Firmenstrukturen zu beruhen.

Der Lending Club, dessen neuer Chef Scott Sanborn derzeit hart um das Vertrauen der Kunden ringt, war in vielerlei Hinsicht das Gesicht der Branche. 2006 vom Pariser Anwalt Laplanche gegründet, war die Firma genau zum richtigen Zeitpunkt marktreif. Die Nachwehen der Finanzkrise von 2008, die sich in einer verstärkten Regulierung der Großbanken und sinkenden Zinsen äußerten, boten ideale Start-Voraussetzungen für das Geschäft der Fintech-Unternehmen.

Der Lending Club ermöglicht es Kleinunternehmen, unkompliziert Kredite bis zu 35 000 Dollar aufzunehmen. Die Leistung der Firma besteht darin, Kreditinteressenten mit Anlegern zusammenzubringen – in der Rezession von 2008 ein brilliantes Geschäftsmodell. Die niedrigen Betriebskosten der Online-Plattform, auf der sich beide treffen, erlaubten es dem Lending Club, die Gebühren für Investoren und Kreditnehmer überschaubar zu halten. Das Risiko für den Club selbst war gleich Null. Bis Ende 2015 hatte der Lending Club Kredite für neun Milliarden Dollar vermittelt.

Der Erfolg des Lending Club und ähnlicher Firmen befeuerte das Wachstum im Fintech-Sektor der USA. Binnen fünf Jahren wuchs das Investitionsvolumen in die Start-ups der Branche von 1,8 auf 19 Milliarden Dollar. Zwar macht das über Fintechs vermittelte Kreditvolumen insgesamt nur rund ein Prozent der gesamten Kreditwirtschaft aus. Doch bei klassischen Ratenkrediten haben sich die Fintechs laut Investment-Bank Jeffries bereits zehn Prozent des Marktes gesichert.

Die Lending Club Krise ist wohl ein Zeichen dafür, dass die Pionierjahre vorbei sind. Der Vertrieb von Finanzprodukten über das Internet wächst nicht mehr so ungebremst wie anfänglich, Bauchlandungen wie die des Lending Club mehren sich. Schon zu Beginn des Jahres zogen sich Großinvestoren aus dem Londoner Start-Up Powa zurück, nachdem dessen Verluste nicht mehr einzudämmen waren. Wachstum prägt die Branche zwar noch immer, aber es verlangsamt sich merklich. Mit der Wildwest-Stimmung ist verflogen und mit ihr die Neigung von Geldgebern, „erst zu schießen und dann zu denken“ – wie es ein Analyst der Investmentbank Stifel ausdrückte.

Großbanken vernetzen sich

Die Digitalisierung der Kreditwirtschaft wird das wohl nicht aufhalten. Auch die Vertreter der klassischen Banken setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander. So hat ein Konsortium amerikanischer Großbanken begonnen, sich gemeinsam über digitale Systeme zu vernetzen, um gegen die Start-ups wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu gehört das digitale Zahlungssystem Zelle, das sich das Paypal-System kopiert sowie die Datenbank Concord, die sich der Grundidee der dynamischen Bitcoin-Datenbank Blockchain bedient.

Wie in Europa kooperieren einige Großbanken direkt mit den Start-ups. J.P.Morgan Chase zum Beispiel. Seit Anfang des Jahres vermittelt sie Kleinunternehmen über die Netzfirma On Deck Capital Kredite – so wie der Lending Club das auch getan hat. Der On-Deck-Deal könnte zeigen, wohin sich die Fintech-Branche in Zukunft entwickelt. So prophezeite der Kolumnist Andrew Ross Sorkin in der „New York Times“, dass sich die großen Banken die Start-ups, die einst angetreten waren, sie zu überholen, einfach einverleiben werden. Eine Revolution in der Finanzwelt bliebe damit aus.

Was die Banken sich jedoch nicht leisten könnten, schreibt Sorkin, sei es, den technologischen Wandel zu ignorieren. „Wer glaubt, alles bleibt so, wie es ist“, so Sorkin, „der wird eine herbe Überraschung erleben.“ So ergeht es dem Finanzbranche mit der dritten industriellen Revolution nicht anders, als anderen Branchen. Anders als Medienbranche ist sie vielleicht mächtig genug, den Wandel halbwegs kontrollieren zu können.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Fintech

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