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Fintechs Die Bankfiliale in der Hosentasche

Hunderte Start-ups drängen ins Bankengeschäft. Sie wollen mit Apps herkömmliche Kreditkarten, Geldautomaten und Berater ablösen.

Fintech | Frankfurt
Frankfurt am Main | 15 August 2016 Bei dem Fintech-Unternehmen Ginmon haben die Mitarbeiter keine eigenen BŸros, sondern sitzen zusammen an einem gro§en Tisch in einem Konferenzraum, um zu arbeiten. Hier: Bruce Lee wacht Ÿber den Erfolg. photo © peter-juelich.com [FŸr FR: TAGESSATZ | Veršffentlichung nur in FR Frankfurter Rundschau (Print, FR online, FR ipad), keine Weitergabe, RechteŸbertragung, RechteeinrŠumung, Weiterverkauf, Syndication.] Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Als nach der Finanzkrise von 2008 die Banken weltweit am Pranger standen, da wurde oft ein Ausspruch von Paul Volcker zitiert. Geldautomaten, so hatte der frühere amerikanische Notenbankchef einmal spöttisch bemerkt, seien die „einzige nützliche Innovation der zurückliegenden Jahrzehnte in der Bankenbranche“ gewesen. Ob die Banken tatsächlich so innovationsfeindlich gegenüber ihren Kunden waren, das sei mal dahingestellt. Fest steht, Geldgeschäfte sind inzwischen kein Privileg klassischer Filialbanken mehr. Und das ist vor allem eine Folge der Digitalisierung.

Rund 250 junge Firmen arbeiten allein in Deutschland daran, überall, wo’s um Geld geht, neue technische Antworten für alte Probleme und neue Bedürfnisse im Geldgeschäft zu finden. Die sogenannten Fintechs haben Vergleichsportale und Roboter für die Geldanlage entwickelt, Online-Kreditmarktplätze ins Netz gestellt und Apps entwickelt, die viele einzelne Bankgeschäfte des Alltags einfacher und schneller erledigen helfen, und dies vielfach auch deutlich günstiger als bei der Bankfiliale um die Ecke. Und die Apps machen auch noch Laune.

Roger Barth gehört zu denen, die dieser Spaßfaktor überzeugt hat. Der 31-jährige Schweizer ist im vergangenen Herbst nach Berlin gezogen. Sein Konto hat er bei N26 eröffnet, einem Berliner Start-up, das ein Girokonto auf dem Smartphone anbietet. Eine weitere Bankverbindung unterhält er nur noch zu Hause in der Schweiz.

Fragt man Barth nach den Gründen, dann schwärmt er von der intuitiven Bedienung auf dem Smartphone und der Geschwindigkeit ihrer Anwendungen: In acht Minuten ist das Konto eröffnet, die Kreditkarte folgt mit der Post. Wenn Barth mit seinen Kollegen die Rechnung vom Mittagessen via N26 aufteilt, dann kann er der Überweisung zusehen. „Das geht ruckzuck, bis das Geld wieder auf meinem Konto ist, das macht einfach Spaß“, sagt er.

Barth würde sich selbst nicht zur Generation der Digital Natives zählen, denen das Internet quasi in die Wiege gelegt wurde. Aber in Berlin, wo er Mitgründer des Kunst-Start-ups Artrium ist, nutzt auch er das Smartphone wie ein Schweizer Taschenmesser. Das Gerät sei sein „stetiger Wegbegleiter“, sagt er. Er nutze es permanent, auch für Bankgeschäfte in der U-Bahn. Dass er über N26 von einem kleinen Dispo abgesehen keinen Kredit aufnehmen könnte, von anderen Transaktionen ganz zu schweigen, stört Barth nicht. Ihn freut, wenn N26 neue Funktionen hinzufügt, wie jetzt die automatisierte Geldanlage des Fintechs Vaamo, die er selbst auch schon testet.

Tomas Peeters von der ING Diba bestätigt der Schweizer Jungunternehmer Barth in seiner Einschätzung. „Wir glauben, dass die Filiale der Zukunft in der Hosentasche sitzt“, sagt der Belgier, der bei der Frankfurter Direktbank für die Strategie zuständig ist: „Eine App auf dem Smartphone, idealerweise so einfach und spielerisch zu bedienen, dass Menschen sie gerne benutzen.“ Zwar muss auch Peeters bei der Frage passen, wie das Banking der Zukunft konkret aussehen wird: Doch Service und Einfachheit, wie die Kunden es vom Online-Handel gewohnt sind, das werde künftig auch von den Banken erwartet.

Ein paar dieser Features hat Peeters für seine Bank deshalb schon gekauft: Etwa die vom Fintech Gini entwickelte Fotoüberweisung, die einem das lästige Eintippen der 22-stelligen Iban-Kontonummer erspart. Ein Foto der Rechnung genügt, den Rest erledigt eine Software. Oder die App SmartSecure, die eine sichere Freigabe von Banktransaktionen auf dem Smartphone mit einem Fingerabdruck erlaubt.

Schnell verbreiten sich auch Apps, mit deren Hilfe Bankkunden Konten und Depots einsehen können, die sie bei verschiedenen Geldhäusern unterhalten, anstatt umständlich mit Passwörtern die Kontoadressen einzeln aufzusuchen. Und auch dies war überfällig: Eine Kontowechsel-App, die eigenständig dafür sorgt, dass Daueraufträge zur neuen Bank mitgenommen und Lastschriftenempfänger über die neue Kontoverbindung informiert werden.

Dirk Elsner, der bei der genossenschaftlichen DZ Bank die Entwicklungen der Branche beobachtet, sagt: „Vor zwei drei Jahren galten viele Fintech-Angebote noch als Spielerei. Das hat sich substanziell verändert.“ Welche der Neuerungen in Deutschland sich durchsetzen werden, stehe auf einem anderen Blatt. Die Nutzung von Kreditmarktplätzen etwa, wo online über einen Mittelsmann Kreditnehmer und Anleger zusammengebracht werden, ist im Bereich der Privatkunden weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auch beim Bezahlen mit dem Handy hätte Elsner viel früher mit einem Durchbruch gerechnet.

70 Prozent der Deutschen machen nach einer kürzlich erschienen Studie des Verbandes Bitkom Bankgeschäfte über das Internet. 30 Prozent von ihnen sogar ausschließlich. Nur gut ein Drittel verwendet dazu bisher das Smartphone. Und von ihnen rufen zwei Drittel bisher nur ihren Kontostand über das Handy ab. Überweisungen tätigen erst 13 Prozent derer, die via Smartphone Kontakt mit ihrer Bank haben. Und schaut man sich die Dienste von Fintechs an, so werden sie erst im einstelligen Prozentbereich genutzt.

N26 zumindest wächst: 200 000 Kunden zählt der Smartphone-Kontoanbieter, der erst im Januar 2015 gestartet ist. Gerade erste hat die Firma ihre eigene Bankenlizenz bekommen – und sich kürzlich fast das eigene Geschäftsmodell mit einer Kündigung von 400 Nutzern zerschossen hätte. Die hatten mit ihren Geldabhebungen zu hohe Kosten verursacht. Seither sponsert das Unternehmen nur noch beschränkt die Nutzung eines fremden Geldautomats. Im Internet hatte die Aktion zu einem Shit-storm geführt, einem massenhaften Protest.

Roger Barth kann seine Bank aber verstehen. Er freut sich über die vielen kostenlosen Dienste – das Girokonto, die Kreditkarte, aber auch die vielen kleinen Nettigkeiten: So weist ihm sein Konto aus, wofür er sein Geld ausgibt: Essen, Verkehrsmittel, Miete. Neulich hat ihm sein Konto gemeldet, dass er im Juli 84 Euro bei Starbucks gelassen hat. Da sei vielleicht der ein oder andere Kaffee zu viel gewesen, sagt der Schweizer.

Über die App hat er täglich mit seiner Bank zu tun, wenn auch nicht persönlich. Mit drei Fingerkontakten kann er seine Kreditkarte sperren, die ihm schon einmal gestohlen wurde. Ohne große Aktion sei eine neue gekommen – kostenlos. Das zählt für ihn. Ob sich mit einem solchen Geschäftsmodell Geld verdienen lässt, muss sich noch erst zeigen. Valentin Stalf, Gründer von N26, glaubt daran. In drei Jahren werde das „modernste Bankkonto“ Gewinn abwerfen. Ein bis zwei Millionen Nutzer will er bis dahin haben – in ganz Europa. Fehlende Geldprodukte und Dienste sollen auch Partner beisteuern. Vielleicht ist die Bankenwelt der Zukunft ja ein Baukasten. Mobil wird sie auf jeden Fall.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Fintech

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