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Fintechs „Das macht mir Bauchschmerzen“

Verbraucherschützerin Dorothea Mohn steht den neuen Finanzangeboten im Netz skeptisch gegenüber. Vor allem fehlt ihr die Kontrolle der Anbieter durch die Bafin.

Geldanlage auf dem Handy: Die Zukunft existiert bereits. Foto: peter-juelich.com

Frau Mohn, sind Fintechs Fluch oder Segen für die Verbraucher?
Die Frage ist sicher etwas provokativ und muss differenziert beantwortet werden. Es steckt viel Potenzial und Segen in den Fintechs, aber es kommt eben auf die konkrete Umsetzung an.

Worum geht es da genau?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Anlagebereich: In den klassischen Banken haben wir das Problem, dass es viele Verzerrungen in der Beratung gibt. Die Folge: Verbraucher werden nicht bedarfsgerecht beraten. Ein Riesenproblem. Bei einer automatisierten Anlageberatung müssen die Prozesse stark standardisiert werden. So dass einer Antwort A eines Kunden automatisch die Empfehlung B folgt. Dadurch kann es gelingen, zu einer situationsneutralen und damit bedarfsgerechten Beratung der Verbraucher zu kommen. Die Algorithmen können von der Finanzaufsicht geprüft werden. Eine Kontrolle der Beratung in der Filiale hingegen ist kaum möglich. Es ist also Potenzial für Verbesserungen vorhanden. Aber die Technik kann natürlich auch missbraucht werden.

Die Fintechs versprechen genau das: Wir stellen den Kunden in den Mittelpunkt, nicht die Interessen der Bank, heißt es. Wir bieten guten Service, statt teure Produkte. Inwieweit werden diese Versprechen heute eingelöst?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Auch die stationären Banken versprechen ja, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Wir haben also zweimal genau die gleichen Slogans. Was ich beobachte ist, dass Fintechs im Anlagebereich häufiger kostengünstigere börsengehandelte Fonds (ETF) anbieten, statt teure gemanagte Fonds. In jedem Falle gilt: Die Verbraucher müssen auch bei Fintechs genau hinschauen. Blindes Vertrauen ist weder bei Banken noch bei Fintechs zu raten.

Funktioniert diese individuelle, automatisierte Geldanlage-Beratung denn tatsächlich?
Aus meiner Sicht gibt es bis heute in Deutschland keinen Robo-Adviser, der diesen Namen wirklich verdient hätte. Und hier sind wir an einem neuralgischen Punkt: Für mich entsteht dann ein Problem, wenn ein Fintech dem Verbraucher suggeriert, dass er eine persönliche Empfehlung bekommt, die aber in Wahrheit gar nicht auf ihn individuell zugeschnitten ist. Oder, auch das beobachte ich, es wird eine persönliche Empfehlung gemacht, aber durch einen juristischen Trick wird dafür gesorgt, dass diese Beratung nicht den Wohlverhaltenspflichten und Kontrollen der Finanzaufsicht unterliegt. Das macht mir Bauchschmerzen.

Wie kann man als Verbraucher zwischen einem guten und einem schlechten Angebot unterscheiden?
Es ist noch eine junge Branche und wir haben noch keine systematische Untersuchung dazu gemacht. Auch vor dem Hintergrund, dass es noch keine umfassende automatisierte Geldanlage-Beratung gibt, empfehlen wir, dass sich Verbraucher in Sachen Geldanlage eine Beratung bei einem unabhängigen Honorarberater leisten, der nicht von den Provisionen der Finanzbranche lebt. Die Geldanlage unter Zuhilfenahme von Fintechs ist derzeit nur für Menschen geeignet, die sich wirklich gut auskennen.

Im Internet sitzt man schnell einem Betrüger auf. Gerade bei Neugründungen weiß man nicht, wie seriös sie sind. Braucht es ein System, um Angebote im Netz zu zertifizieren?
Bei den Fintechs sind mir im Anlagebereich noch keine Betrugsfälle bekannt. Aber es fällt auf, dass ein großer Teil dieser Anbieter der Gewerbeaufsicht unterliegt und nicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Sie ist aus meiner Sicht aber die einzige Behörde, die Finanzdienstleister effektiv kontrollieren kann. Bisher fallen jedoch nur wenige Fintechs in ihren Zuständigkeitsbereich. Als Verbraucherschützer wünschen wir uns, dass die Bafin künftig alle Fintechs überprüft, deren Algorithmen und Verbraucherfreundlichkeit.

Die Menschen haben nun auch die Möglichkeit, mit der Hilfe von Fintechs in Firmen zu investieren, etwa in Start-ups oder Familienunternehmen. Worauf muss beim Thema Crowdinvesting geachtet werden?
Wir können vor dieser Art der Geldanlage nur warnen. Für die meisten Menschen ist das viel zu riskant. Darauf müssten die Plattformen eigentlich aufmerksam machen. Sie müssen prüfen, ob eine Investition zum Kunden passt. Allerdings können die Kunden das Geschäft auch dann tätigen, wenn es zu riskant ist. An diesem Verfahren habe ich meine Zweifel. Denn wir bewegen uns hier im Hochrisikobereich, im Bereich des grauen Kapitalmarkts. Diese Produkte sollten aus unserer Sicht gar nicht für den aktiven Vertrieb zugelassen werden. Die sind nur etwas für Profis.

In Zeiten von Niedrigzinsen und hohen Aktienkursen können die Menschen ja durchaus auf die Idee kommen, mal das Crowdinvesting auszuprobieren.
Jemand, der Spielgeld hat, und der hundertprozentig weiß, dass er es schmerzfrei verlieren kann, kann das machen. Alle anderen nicht.

Etwas Ähnliches wie Crowdinvesting ist die Kreditvergabe von Privatperson zu Privatperson. Ist das eine charmante Art, wie sich die Bürger gegenseitig Geld leihen können, oder ist das vor allem riskant?
Kredite von Privatpersonen sind riskant. Dem Geldgeber droht im ungünstigsten Fall der Totalverlust, nämlich wenn der Verbraucher auf der Kreditnehmerseite ausfällt. Anders als bei einer normalen Bank, die dieses Risiko streut, weil sie viele Darlehen in einem Portfolio sammelt und damit verhindern kann, dass Anleger wie Einleger einen Verlust befürchten müssen, trägt hier der Geldgeber je nach Gestaltung einzeln beziehungsweise mit wenigen anderen Verbrauchern das Gesamtrisiko.

Und wie sieht es für Menschen aus, die sich über eine Crowdlending-Plattform Geld besorgen?
Aus Kreditnehmersicht bedeutet das viel Risiko und hohe Zinsforderungen. Wenn man zu dieser Finanzierung greift, weil sie verfügbar oder sogar vermeintlich günstiger ist als bei einem Kreditinstitut, sollte einem dies zu denken geben. Möglicherweise überschätzt man seine eigene Fähigkeit, den Kredit aufzunehmen und auch wieder zurückzahlen zu können.

Wie stark unterscheidet sich das Geschäft mit Privatkrediten von dem der Banken?
Auch bei den Privat-zu-Privat-Angeboten gibt es Bonitätsanalysen und Entgelte. Ein Problem ist jedoch, dass hier sowohl Kreditnehmer als auch Kreditgeber weitgehend auf sich gestellt sind und sich etwa Bonitätsangaben selbst zu erklären haben. Privat-zu-Privat ist jedoch Augenwischerei. Es geht um eine gewerbliche Finanzierungsvermittlung und Gestaltung, bei der auch im Hintergrund aus rechtlichen Gründen immer eine Bank mitzuwirken hat. Daran verdient die Plattform auch, lagert das Geschäftsrisiko aber auf die Verbraucher aus. Es geht hier eben nicht darum, jemandem, den man persönlich gut kennt, zu helfen oder einen Gefallen zu tun. Das Bild der „besseren“ Kreditvergabe „ohne Bank“ verklärt die Lage.

Ist es empfehlenswert, seinen Zahlungsverkehr über das Handy abzuwickeln?
Auch hier gibt es leider keine pauschale Antwort. Im Fokus muss die Sicherheit eines solchen Bezahlvorgangs stehen. Dabei geht es in erster Linie um den Schutz von Daten aber auch um deren Sicherheit. Ein Smartphone ist wie ein Computer. Neugierige oder schädigende Apps können ein Sicherheitsrisiko sein. Eine Zahlungskarte mit Chip hingegen ist auch nur Zahlungskarte, ist dadurch wesentlich schwerer von Fremdsoftware zu übernehmen und kann nicht selbständig eine Internetverbindung aufbauen. Unter Sicherheitsaspekten kann es also besonders smart sein, wenn das eingesetzte Instrument besonders „dumm“ und zu nichts anderem als zum Zahlen zu gebrauchen ist. Den besten Datenschutz erreicht immer noch die Barzahlung.

Wie gut schützt das Gesetz einen, sollte eine App gehackt und Zahlungen damit vorgenommen werden?
Das Recht ist in diesen Fragen schon weiter als Technik und Markt. Niemand muss für Zahlungen haften, die er nicht autorisiert hat. Egal ob im Internet, mit Karte oder Handy.

Welche Auswirkungen wird das Aufkommen der Fintechs auf die Bankenlandschaft haben?
Ich stelle mich schon darauf ein, dass die Fintechs eine starke Konkurrenz zum herkömmlichen Bankengeschäft werden. Das wird aus meiner Sicht auch zu einem Abbau von Filialen führen, eine logische Konsequenz, wenn mehr Geschäft im Internet abgewickelt wird. Der ländliche Bereich wird das als erstes zu spüren bekommen. Daraus erwachsen auch auf Seiten der Verbraucher Probleme. Es wird immer Teile der Bevölkerung geben, die sich im Internet nicht zurechtfinden und von diesen Angeboten überfordert sind.

Steht der Siegeszug der Fintechs bereits fest?
Nein, diese Entwicklung ist kein Selbstläufer. Natürlich spielen auch Themen wie Datenschutz und technische Sicherheit eine Rolle. Ich gehe nicht davon aus, dass das alles reibungslos ablaufen wird. Jede Panne wird Verbraucher zudem zutiefst verunsichern. Wenn es zu großen Datenpannen käme oder Opfer virtueller Überfälle zu beklagen wären, wird man sehen, wie sich Nutzer und Anbieter darauf einstellen.

Interview: Daniel Baumann

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