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Fintech Nur Online-Banking reicht nicht aus

Die Banken blasen zur Aufholjagd, um für Kunden tagtäglich relevant zu bleiben. Nun treiben sie millionenschwere Pläne zur Digitalisierung des Bankwesens voran. Wie Banken Kunden das Leben erleichtern wollen.

Der große Plan: Grafiken und Zeichnungen zum Thema Kapitalmarkt im Fintech Hub der Deutschen Börse. Foto: Peter Jülich

Mit 7000 E-Mails hatte Markus Pertlwieser nun wirklich nicht gerechnet. Erst recht nicht nur mit positiven. Nicht gemeckert sei genug gelobt, heiße es eigentlich im Schwabenland, sagt der Chief Digital Officer bei der Deutschen Bank. Pertlwieser, Anfang 40, hat die Aufgabe, das Geschäft mit den Privat- und Firmenkunden für das 21. Jahrhundert fit zu machen – sprich: zu digitalisieren. Sein Geldhaus steht geschäftlich nicht gut da, die Regulierung und der Niedrigzins machen ihm massiv zu schaffen – und dann sind da noch die Skandale, die nicht vergehen wollen. Da kommt Lob von den Kunden gerade recht, auch wenn es nur um den Finanzplaner geht, ein elektronisches Haushaltsbuch für die Kunden, das kürzlich im Online-Banking freigeschaltet wurde. Und beim Lob blieb es nicht. „Die Kunden haben uns viele Funktionen genannt, die sie gerne zusätzlich hätten“, freut sich der Manager.

Geld wird die Deutsche Bank damit nicht verdienen. „Gewinn“ fällt hier dafür in einer Währung an, die die Kreditinstitute derzeit alle entdecken: Für den Kunden tagtäglich relevant zu bleiben. Denn immer mehr Menschen brauchen für ihre Bankgeschäfte keine Filiale mehr, Banking geht immer mehr mobil und ist längst mehr als ein schlichtes Online-Konto. „Wenn ich als Kunde erst den Service gewöhnt bin, den ich von Amazon, Zalando oder Tripadvisor kenne, dann erwarte ich das auch von anderen Dienstleistern“, sagt Tomas Peeters, Strategiechef der Frankfurter Direktbank ING Diba. „Diese Art von Service fällt vielen Banken heute noch schwer.“

Nicht aber den sogenannten Fintechs – junge Firmen, die vermehrt Teile des Bankgeschäfts zu einer App vereinfachen und damit den etablierten Kreditinstituten Konkurrenz machen. „Nach der Finanzkrise 2008 waren hiesige Banken noch stolz darauf, eine App zu haben, wo ein Filialfinder drin war, während in Südkorea und Australien schon längst Finanzprodukte online abschlussfähig waren“, sagt Dirk Vater, der bei Bain & Company weltweit Banken berät. Deutsche Institute lägen bei der Digitalisierung etwa fünf bis sieben Jahre hinter den führenden Ländern zurück: „Nötig ist ein strategischer Fahrplan, wie man in den nächsten drei bis fünf Jahren das Kerngeschäft digitalisieren will.“

Bei der Deutschen Bank und nicht nur dort arbeiten sie inzwischen nach einem solchen Plan. Wenn man dem Redeschwall von Markus Pertlwieser folgt, dann klingt es wie eine Aufholjagd: Für das iPhone ist eine neue Konto-App am Start, eine für Android-Smartphones folgt demnächst, sie bekommt noch eine Bezahlfunktion für die Supermarktkasse. Noch vor Weihnachten soll es einen E-Safe geben, ein digitales Schließfach, wo die Kunden ihre wichtigen Dokumente sicher auf dem Computer der Deutschen Bank hinterlegen können, gleichfalls die schnelle Kontoeröffnung direkt auf dem Smartphone. Die automatisierte Geldanlage mit dem Robo Advisor wird länger brauchen.

Digitalisierung im Bankengeschäft ist ein Geschäft mit enorm vielen Stellschrauben. Was ist wirklich relevant für die Kunden? Wie macht man digitale Anwendungen funktional und bequem? Wie vertragen sie sich mit den Vorgaben der Regulierer, wie werden sie sicher? Wie baut man sie in das IT-System des Geldhauses ein? Um alle diese Fragen zu lösen, hat der Frankfurter Branchenprimus im Stadtteil Sossenheim eine Digitalfabrik eingerichtet: 400 Mitarbeiter der verschiedensten Abteilungen arbeiten hier zusammen, um Pertlwiesers Pläne in die Realität umzusetzen. Schreibtische haben dort auch die Fintech-Unternehmen, mit denen das Kreditinstitut zusammenarbeitet.

Herausforderung für Sparkassen und Volksbanken

750 Millionen Euro macht die Deutsche Bank bis 2020 für die digitale Zukunft locker. Viele Millionen davon werden in die IT-Infrastruktur fließen, die aus Expertensicht eine Achillesferse vieler Banken ist. Nicht wenige Institute, sagt etwa Bain-Bankenberater Dirk Vater, nutzten zum Teil noch Computersysteme aus den 1970er Jahren. Da könne man smartphonefähige Apps kaum noch anbinden. Mehr noch: Die alten Systeme machen es Banken schwer, mit den Fintechs mitzuhalten. Manche Institute könnten deshalb nur zwei bis drei Mal pro Jahr ein neues Digitalprodukt in ihrem System starten und seien deshalb viel zu langsam, sagt ING-Diba-Strategiechef Peeters: „Nachdem eine Software entwickelt ist, muss sie beispielsweise daraufhin getestet werden, ob die Schnittstellen zu anderen Applikationen funktionieren.“

Sein Institut hat diesen Prozess inzwischen mit viel Geld vollständig digitalisiert. „Das bedeutetet, wir können in einer Nacht das erledigen, wofür Menschen bis zu 30 Tage bräuchten.“ Rein technisch geht es bei der Digitalisierung allerdings um viel mehr als das, was der Kunde sieht. Hinter den Kulissen müssen auch die internen Prozesse vereinfacht werden, damit sie günstiger werden: „Kostensenkungspotenziale durch Digitalisierung wurden in Deutschland noch kaum realisiert“, sagt Bankenberater Vater.

Mit einer weiteren Herausforderung kämpfen unterdessen die Sparkassen und Volksbanken: Wie bringt man die vielen kleinen, nur regional tätigen Institute bei der Digitalisierung gemeinsam voran? Zentrale Projekte seien hier nicht zu machen, räumt Joachim Schmalzl ein, der seit kurzem Digitalisierungsvorstand beim Sparkassenverband DSGV ist. Das Regionalprinzip gelte auch in der digitalen Welt. Will sagen: Jede der 408 Sparkassen entscheide eigenständig, welche Zukunftsideen sie umsetze und welche nicht.

Schmalzls Aufgabe ist deshalb die eines Vermittlers, denn natürlich stoßen nicht nur die einzelnen Sparkassen mit ihren finanziellen Ressourcen an Grenzen. Auch eine App-Kleinstaaterei kann niemand ernsthaft wollen. Und so tüfteln derzeit zehn Großsparkassen an einem reinen Smartphone-Girokonto für den DSGV. Es heißt Yomo und soll schon bald dem Berliner Fintech N26 Paroli bieten, dessen Angebot seit Anfang 2015 aktiv ist.

Bis zum Jahresende wollen die Sparkassen das Angebot, das sie von dem Hamburger Unternehmen Star Finanz entwickeln lassen, fertig und getestet haben. Dann wird es darauf ankommen, welche Sparkassen mitmachen. Scheren einzelne Institute aus, so würde es Yomo in der Region nicht geben – angesichts der grenzüberschreitenden Möglichkeiten, die das Internet sonst bietet, wäre das ein Anachronismus der besonderen Art. DSGV-Vorstand Schmalzl bleibt diplomatisch: „Ich würde mir wünschen, dass das Produkt im nächsten Jahr bei allen 408 Sparkassen zum Einsatz kommt.“

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