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Finanzsystem „Wir erleben derzeit eine Strangulation“

Ökonom Stephan Schulmeister spricht im Interview über übermächtige Märkte und die schweren Mängel des Finanzsystems.

Händler an der Börse in New York
Möglicherweise empfindet kein einziger Anleger „Furcht vor einem Handelskrieg“. Aber er glaubt, die anderen Anleger hätten Furcht und spekuliert daher auf fallende Kurse. Foto: rtr

Zehn Jahre liegt der Höhepunkt der letzten Finanzkrise nun zurück. Heute sieht alles golden aus: Aktien, Immobilien, Anleihen sind in luftige Höhen gestiegen. Das globale Finanzvermögen wächst und mit ihm die Macht der Märkte. Gegen sie – das hat die Euro-Krise gezeigt – kann keine Politik gemacht werden. Sie gelten wieder als Wächter der Stabilität, der hohe Staatsschulden und Managementfehler unbarmherzig bestraft. So scheint es. „Es gibt nicht das Subjekt ‚die Märkte‘, es gibt nur die Vorstellung von diesem Subjekt“, sagt der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister. Durch die Inthronisierung der Märkte würden alle Alternativen zum Verschwinden gebracht. „Fühlen wir uns diesen Mächten unterworfen, dann macht die Frage ‚In welcher Welt wollen wir leben?‘ keinen Sinn mehr. Sie wird utopisch.“

Herr Schulmeister, Sie haben viele Jahre das Geschehen an den Finanzmärkten untersucht. In täglichen Börsenberichten wird uns erzählt, Anleger hätten „Furcht vor einem Handelskrieg“. Dann wieder herrscht an der Börse „Sorge vor einer neuen Euro-Krise“. Anderntags keimt dort „Hoffnung auf eine Einigung mit Nordkorea“. Die Märkte scheinen empfindsame Wesen zu sein.
Furcht, Sorge, Hoffnung – diese Emotionen sind ja nur Bilder. Möglicherweise empfindet kein einziger Anleger „Furcht vor einem Handelskrieg“. Aber er glaubt, die anderen Anleger hätten Furcht und spekuliert daher auf fallende Kurse. Als Händler zählt für mich ja nicht die eigene Einschätzung der Weltpolitik. Sondern meine Einschätzung der Einschätzung der anderen. Die Händler müssen also Erwartungen bilden über die Erwartungen anderer, die wiederum das Gleiche tun. Alle beobachten sich also quasi gegenseitig. Das ist wie ein Spiegel im Spiegel.

Wie kommt dieser Prozess je an ein Ende?
Nehmen wir an, ich bin ein Aktienhändler. Dann kommt die Meldung „Handelskrieg droht!“ Ich selbst denke: Das ist Unsinn. Ich frage mich aber, wie die anderen diese Nachricht verarbeiten. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe mal davon aus, dass die anderen dies als negatives Signal werten. Tun das viele, so können die Kurse tatsächlich sinken. Für einen Wertpapierhändler ist die reale Welt von Wirtschaft und Politik nur eine Quelle von Daten und Informationen, die Trends an den Märkten auslösen, denen er folgen und die er vorausahnen muss.

Das ist schon irrational.
Nicht unbedingt. Was die herrschende Lehre von der Ökonomie nicht versteht, ist, dass der Begriff der Rationalität vom Zusammenhang abhängig ist. Was die Händler an der Börse tun, mag irrational scheinen. Aber vielleicht funktioniert dieses Spiel nach anderen Regeln, als die Ökonomen glauben. In diesem Fall wären die Börsenhändler rational und die Ökonomen irrational, weil sie noch immer daran glauben, dass der Finanzmarkt die Realität von Politik und Wirtschaft widerspiegelt.

Im deutschen Fernsehen wird jeden Abend das Publikum damit vertraut gemacht, was am Tage die Märkte so bewegt hat. Ist das sinnvoll?
Es ist ein Akt der Gegenaufklärung, der Entmündigung. Der Markt oder die Märkte werden zu einem Subjekt, das handelt, das etwas erwartet oder fürchtet. Vor 40 Jahren, als ich studiert habe, gab es eine solche Sprache nicht. Damals war der Mensch das Subjekt und der Markt sein Instrument, etwas zu erreichen. Heute gilt eher der Satz des Ökonomen Hayek: Die Menschen müssen sich den anonymen Kräften des Marktes unterwerfen. 

Hayek argumentierte als Liberaler stets für die Freiheit der Menschen. Wie passt dazu die Aufforderung der Unterwerfung?
Das ist die Paradoxie des Neoliberalismus: Er predigt Freiheit durch Unterwerfung. Die Börsenberichte sind nur ein Teil dieses Systems – ein Teil einer Weltanschauung, in der der Einzelne den Kräften der Märkte ausgeliefert ist und er daher vor der „Tagesschau“ informiert wird, was diese anonymen Mächte heute so getrieben haben und was sie von uns erwarten.

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