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Finanzsystem Die nächste Krise kommt bestimmt

Vor zehn Jahren begann die Finanzkrise. Seither ist viel geschehen, doch wer verspricht, dass das System nun sicher ist, erzählt Märchen. Es gibt keine Sicherheit.

IKB
Wurde ganz am Anfang getroffen: Die IKB meldete am 30. Juli 2007 eine existenzgefährdende Krise. Foto: dpa

Sie ist die wichtigste Person für die globalen Finanzmärkte, ihr Wort lässt Börsenkurse auf und ab tanzen: Janet Yellen. Die Chefin der US-Zentralbank weiß um ihre Bedeutung. Ende Juni übte sie sich daher in Optimismus: Es würde wohl zu weit gehen zu sagen, dass es nie wieder eine Finanzkrise geben wird, sagte sie in London. „Aber ich denke, wir sind heute viel sicherer, und ich hoffe, dass es zu unseren Lebzeiten nicht mehr geschehen wird, und das wird es auch nicht.“ Keine Finanzkrise zu unseren Lebzeiten? Daran glaubt niemand.

Die jüngste große Finanzkrise ist noch nicht lange her. Vor zehn Jahren erreichten die ersten Beben Deutschland: Am 30. Juli 2007 meldete die Düsseldorfer Bank IKB eine existenzgefährdende Krise. Die Bank hatte in US-Hypothekenkredite mit geringer Qualität – sogenannte Subprime-Kredite – investiert und sich damit verspekuliert. In aller Eile wurde unter der Führung der Staatsbank KfW ein milliardenschweres Rettungspaket geschnürt – es sollte nicht das letzte sein. Damit wurde eine Kettenreaktion auf dem deutschen Bankenmarkt abgewendet.

Anfang der globalen Finanzkrise

Doch das war nur der Anfang der globalen Finanzkrise, die ihren Höhepunkt im September 2008 erreichte, als die US-Investmentbank Lehman Brothers unterging. In den Folgemonaten pumpten die Regierungen Hunderte von Milliarden in den Finanzsektor, gaben Garantien und Eigenkapital und verhinderten so den großen Zusammenbruch. Die gestiegenen Staatsschulden bleiben bis heute als Erbe dieser Aktionen.

Seitdem ist viel unternommen worden, um den Finanzsektor stabiler zu machen. Die Kontrollen sind strenger, die Banken müssen mehr Risikopuffer vorhalten, die Bewertung von Kreditrisiken wird verschärft reguliert. Der Finanzsektor mag sicherer geworden sein. „Keine große Krise zu unseren Lebzeiten“ ist dennoch eine haltlose Prognose.

Das Vorhersagen eines Crashs gehört ohnehin nicht zu den Stärken von Ökonomen. Im Mai 2007 sagte US-Notenbankchef Ben Bernanke, er erwarte, dass die „Probleme im Subprime-Sektor kaum Folgen für die übrige Wirtschaft oder das Finanzsystem haben werden.“ Noch Ende 2007 sah der Industrieländerclub OECD „keine dramatischen Auswirkungen“.

Im Februar 2008 versicherte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU), er sehe bloß „Sonderprobleme“ der USA, von denen Deutschland verschont bliebe. „Wir haben unser Haus in Ordnung.“ Ein Irrtum. Die Krise fraß mit der WestLB die einst zweitgrößte Bank Deutschlands ebenso wie den größten Immobilienfinanzierer des Landes, Hypo Real Estate. Die Commerzbank musste durch eine Teilverstaatlichung gerettet werden. 

Das Desaster der Wirtschaft bedeutete auch ein Desaster der Wirtschaftswissenschaft. „Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?“, fragte Queen Elizabeth II. im November 2008 persönlich auf einer Veranstaltung der London School of Economics. 

Der versammelte Sachverstand blieb ihr eine Antwort schuldig. Erst Monate später schickten die renommiertesten Professoren der Königin einen Brief: „Ihre Majestät, es war ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen.“

Was Krisen so unberechenbar macht: Keine gleicht der anderen. Anfang der 80er-Jahre versanken die Entwicklungsländer in einer Schuldenkrise, 1987 stürzte die US-Börse ab, Mitte 1997 brach von Thailand ausgehend die Asienkrise aus, die Brasilien und Russland mit sich riss. Anfang des Jahrtausends platzte in den Industriestaaten die Technologieaktienblase, 2007 war der US-Immobilienmarkt Kern des Bebens – und 2010 wurde die Euro-Schuldenkrise geboren. 

„Die finanzielle Instabilität ist unumkehrbar“, sagt der französische Ökonom Patrick Artus von der Bank Natixis. Denn der Finanzsektor beruht auf Spekulation. Banken geben Kredite, mit denen Staaten und Unternehmen ihr Wachstum vorantreiben. Sie leihen Arbeitnehmern, die sich Häuser und Wohnungen kaufen, Geld. Diese Schulden werden anschließend an den Börsen gehandelt – als Anleihen oder verbriefte Kredite. Zusammen mit Aktien bilden sie den Großteil des Weltfinanzvermögens, das der Internationale Währungsfonds auf knapp 400 Billionen Dollar taxiert. Dem steht eine Weltwirtschaftsleistung von etwa 75 Billionen gegenüber. 

Der Wert des Finanzvermögens beruht auf Erwartungen – dass die Kredite bedient werden, dass Aktien Erträge abwerfen. Die Finanz-Billionen repräsentieren damit vorweggenommenes Wachstum: Hoffnung. Und die kann enttäuscht werden.

Derzeit scheint die Lage stabil. Die Weltwirtschaft wächst. Die Inflation ist niedrig. Die Gewinne der US-Banken nähern sich wieder dem Rekord von Anfang 2007. Doch laut dem berühmten US-Ökonomen Hyman Minsky ist es gerade die Stabilität, die Instabilität produziert. In guten Zeiten, so seine Theorie, wird mehr Kredit vergeben, das treibt das Wachstum an, fördert den Optimismus, der weitere Kredite nach sich zieht. Irgendwann beschleichen die Anleger Zweifel, sie ziehen Kredit zurück, erste Pleiten nähren den Pessimismus – und damit setzt sich die Kettenreaktion in Gang. Der „Minsky-Moment“ ist da.

Wie vor zehn Jahren, als der Markt wackelte, auf den es ankommt: der Interbankenmarkt, auf dem sich die Kreditinstitute täglich bis zu 450 Milliarden Dollar liehen. Zieht dort Misstrauen ein, wird der Kreditzirkel unterbrochen und das System steht vor dem Abgrund, weil alle Gläubiger ihre Forderungen eintreiben wollen und die Schuldner nicht zahlen können. Finanzkrisen sind daher unvorhersehbar. „Spekulationsblasen erkennt man erst, wenn sie geplatzt sind“, sagte dereinst US-Notenbankchef Alan Greenspan.

Auch die Praktiker des Geschäfts bei Banken, Börsen und Wertpapierhäusern wissen, dass der nächste Crash kommt. Nur spielt das für sie keine Rolle – so wie für die meisten Menschen das Wissen darum, dass sie dereinst sterben werden. „Solange die Musik spielt, muss man tanzen“, erklärte Mitte 2007 der Chef der US-Großbank Citigroup, Charles Prince. Solange die Kurse steigen, muss man dabei sein.

Die nächste Finanzkrise wird wahrscheinlich bereits vorbereitet. Doch aus welcher Richtung wird sie kommen? Der australische Ökonom Steve Keen sieht die Verschuldung Chinas als Hauptgefahr. Auch die hoch bewerteten Immobilienmärkte könnte es treffen. Andere sehen die Euro-Zone auseinanderbrechen. Heißes Thema ist derzeit auch der US-Verbraucher: Konsumenten-, Auto- und Studienkredite haben Rekordhöhen erreicht. Die US-Haushalte sind heute höher verschuldet als vor zehn Jahren. Wo auch immer die nächste Bombe explodiert – es wird eine Überraschung sein. „Eine Krise hat in der Regel dort ihren Ursprung, wo man es nicht erwartet“, sagte Europas oberste Bankenaufseherin Daniele Nouy.

„Wir sind heute sehr viel besser aufgestellt“, sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble. Das stimmt. Allerdings nicht gut genug, um eine neue Krise auszuschließen. Und nicht so gut wie möglich. Die Banken haben heute mehr Notfallreserven – aber immer noch zu wenig. Die Kontrolleure haben mehr Vollmachten, sind aber angesichts der Komplexität des Systems oft überfordert. Die Kreditinstitute können weiter ihre Risiken kleinrechnen. Es gibt keine Finanztransaktionssteuer, die den Finanzsektor schrumpfen lassen könnte. Viele Banken sind noch immer zu groß und damit systemgefährdend. 

Die nächste Krise wird also kommen, und ein weiteres Mal zwei politisch brisante Fragen aufwerfen: Wer hat schärfere Regulierung verhindert? Und wer muss zahlen?

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