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Finanzplatz Brexit-Banker favorisieren Frankfurt

Frankfurt liegt im Rennen um den neuen europäischen Finanzplatz nach dem Brexit wohl vorne. Dennoch warnt die Chefsvolkswirtin der Helaba vor Selbstgefälligkeit.

Finanzplatz Frankfurt
Für viele nicht nur bei Sonnenuntergang ein sehenswerter Anblick: die Frankfurter Skyline. Foto: rtr

Der Finanzplatz Frankfurt ist im Standortwettbewerb um Brexit-bedingte Zuwanderungen nach Einschätzung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) in der „Pole-Position“. „Wie bei der Formel 1 kann sich das aber auch in jeder Runde wieder verändern“, sagte Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud. „Selbstgefälligkeit ist also nichts, was man tun sollte.“ Zumal sich die Zahlen der aus London möglicherweise abwandernden Bankenjobs nach Frankfurt im Vergleich zum Euro-Clearing eher gering ausnehmen. Denn die Abwicklung von auf Euro lautenden Derivaten ist mit Zehntausenden Jobs und Milliarden Euro der eigentliche dicke Fisch, den es zu fangen gilt.

„Die Verlagerung beim Clearing ist ein ganz wesentlicher Faktor“, sagte Traud. „Diese Frage ist noch offen.“ Das eigentlich Entscheidende sei dabei, welcher Gerichtsbarkeit es unterliege. Die Londoner wollen es am liebsten gar nicht hergeben und wenn, dann am ehesten nach New York. Es gebe neben London nur ein Finanzhub, das alle auf 17 Währungen laufende Geschäfte zentral und effizient abwickeln könne, und zwar den Big Apple, betonte Xavier Rolet, Chef der Londoner Börse LSE, zu der das Clearinghaus LCH gehört, schon vor Monaten im „Telegraph“. Von einer Separierung des Euro-Derivategeschäfts hält er demnach aus Effizienzgründen nichts. Brüssel will es aber in London überwachen oder ab 2019 in die EU verlagern.

Dass die Deutsche Börse derweil noch mit den Ermittlungen gegen sie und ihren Chef Carsten Kengeter zugange ist, dürfte Frankfurt als möglichen Standort für das Geschäft nicht helfen. Kengeter sei zwar gut vernetzt, könne aber in London nicht so stark auftreten wie gewohnt, hieß es aus Kreisen. „Wenn die Franzosen es schaffen, sich nach vorn zu schieben, dann wird der Wettbewerb schwieriger“, sagte Traud. Denn Paris buhlt auch um das Geschäft.

Wenngleich die Helaba neben der Verlagerung des Euro-Clearings auch die der Europäischen Bankenaufsicht in ihrer Finanzplatzstudie wegen der bestehenden Unklarheit nicht inkludiert hat, ist sie für Frankfurt dennoch optimistisch. „Wir erwarten, dass mindestens die Hälfte der aus London abwandernden Finanzjobs nach Frankfurt verlegt wird“, sagte Traud am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie in der Mainmetropole. „Dies entspricht über einen Zeitraum von mehreren Jahren mindestens 8000 Mitarbeitern. In der Community kursieren aber schon weitaus höhere Zahlen, die nicht unrealistisch sind.“

Mehr Banker für Frankfurt 

Bis Ende 2019 sei mit einem Beschäftigungsanstieg von mindestens vier Prozent auf rund 65  000 Mitarbeiter in den Frankfurter Bankentürmen zu rechnen. „Und das, obwohl parallel die Konsolidierung am heimischen Bankenmarkt anhält“, sagte Traud. Damit wäre die Zahl der Beschäftigten in der Frankfurter Finanzbranche wieder so hoch wie vor knapp zehn Jahren kurz nach Ausbruch der Finanzkrise. Der Lobby-Verband Frankfurt Main Finance rechnet mit dem Zuzug von rund 10 000 Bankern.

15 international tätige Großbanken haben bislang angekündigt, dass sie wegen des Brexits Arbeitsplätze von der Themse an den Main verlagern wollten. So haben sich gleich vier japanische Institute für das deutsche Finanzzentrum entschieden. Goldman Sachs will seine Mitarbeiterzahl in Frankfurt von rund 200 mehr als verdoppeln. Die Citigroup will am Main das Broker-Dealer-Geschäft in Frankfurt ausbauen, wie die FR zuerst berichtet hatte.

Während sich die Konsolidierung vor allem für 2017 und 2018 abzeichne, werde sich der Brexit-Zuwachs in Frankfurt wohl erst ab 2018 richtig bemerkbar machen, so die Helaba. Im Schnitt erwarten Beobachter, dass pro Bank 200 bis 300 Jobs aus London abgezogen werden.

„Das ist eine Riesenchance für Big Ffm, wir sollten nicht klein-klein denken“, sagte Traud. Die Helaba hat die räumliche Abgrenzung von Greater London auf das Gebiet rund um Frankfurt übertragen und so Big Ffm kreiert. Und: „Wenn die Zahl der Bankbeschäftigten steigt, wird es auch eine Zunahme von Jobs im Dienstleistungssektor geben“, sagte Traud.

Ein Nachteil Frankfurts sei, dass es von sich selbst schlecht rede. Dabei liege die Mainmetropole im Ranking der lebenswerten Städte deutlich vor seinen Wettbewerbern Amsterdam, Luxemburg, Dublin und Paris. Frankfurt mausert sich eben in vielerlei Hinsicht zum „Hottie“.

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