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Finanzkrise Der ungesühnte Skandal

In der Krise bedienten sich die spanischen Sparkassen am Geld ihrer Kunden – kein Verbrechen, sagen nun Richter.

Ich werde Ihnen etwas gestehen“, erzählte die spanische Fernsehmoderatorin Mamen Mendizabal am Freitag ihren Zuschauern. „Meine Großeltern lebten in einem Heim. Mein Großvater war schon nicht mehr klar im Kopf. Der Filialdirektor nahm sie in einem Taxi mit zur Bank, verkaufte ihnen die Vorzugsaktien und fälschte außerdem die Unterschrift meiner Großmutter. Wenn das für den Richter Andreu kein Betrug ist, dann helfe Gott.“

Fernando Andreu, von dem Mendizabal sprach, ist Untersuchungsrichter an Spaniens Nationalem Gerichtshof, der sich mit Fällen organisierter Kriminalität befasst. Fünf Jahre lang ermittelte er in einem der größten Finanzskandale, die Spanien in den vergangenen Jahren erlebt hat: dem Verkauf sogenannter Vorzugsaktien an Hunderttausende ahnungslose Sparkassenkunden. 

Das Geld haben die meisten von ihnen irgendwann wiederbekommen. Doch die Verantwortlichen für das Milliardendesaster sind straffrei geblieben. So hat es Richter Andreu entschieden. Er könne keinen „vorgefassten, orchestrierten Plan“ erkennen, um die Kunden zu betrügen, schrieb er in seinem dieser Tage veröffentlichen Beschluss. 

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, dass Spanien aus einem langen glücklichen Traum erwachte: Dem Traum, in einem ewig prosperierenden Land zu leben, das bald zu den ganz großen, starken Volkswirtschaften dieser Welt gehören würde. Die Droge, die diesen Traum ermöglichte, waren niedrige Zinsen, die einen unhaltbaren Immobilienboom befeuerten. 2008 platzte die Blase.

Die Banken, vor allem aber die Sparkassen, konnten einen Großteil ihrer sorglos vergebenen Kredite nicht wieder eintreiben. Sie brauchten frisches Eigenkapital. Sie gaben Vorzugsaktien aus, die trotz ihrem Namen keine besonderen Vorzüge besitzen. Also beschwatzten sie ihre treuen Kunden: Hohe Verzinsung! Kein Risiko! Jederzeit verfügbar! Das Geschäft brummte. „1,3 Milliarden Euro!!!!!“, schrieb ein euphorischer Mitarbeiter dem damaligen Chef der Caja Madrid, Miguel Blesa, in einer Mail im Mai 2009. „Historische Rekordplatzierung an einem einzigen Tag.“

Viele Kunden wussten nicht, was sie da kauften. Es gibt Dutzende Geschichten von geprellten Anlegern, die keine Ahnung von Geldgeschäften hatten, von Analphabeten, die mit einem Fingerabdruck zeichneten, von Alzheimer-Patienten, von Alten, von Filialdirektoren, die selbst nicht verstanden, was sie da verkauften. 

Das Kapital, das sich die Sparkassen so erschlichen hatten, verdampfte. In einem Verzweiflungsakt fusionierte die Caja Madrid 2010 mit sechs anderen Sparkassen zu einem neuen Geldhaus, Bankia, das zwei Jahre später mit mehr als 20 Milliarden Euro Steuergeld gerettet werden musste.

Heute ist Bankia wieder ein einträgliches Institut, wenn auch nicht einträglich genug, um den Großteil des Staatsgelds zurückzahlen zu können. Die mit den Vorzugsaktien um ihre Ersparnisse geprellten Bankia-Kunden erstritten vor Gericht insgesamt 1,7 Milliarden Euro ihrer Einlagen zurück, weitere 1,1 Milliarden Euro gab Bankia vor zwei Jahren nach einem Schiedsverfahren aus – insgesamt konnten drei Viertel der Vorzugsaktienkäufer, rund 170.000 Anleger, nachweisen, dass sie von ihrer Sparkasse des Vertrauens betrogen worden waren.

Dass niemand für diesen Skandal strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird, wollen die Kläger beim Nationalen Gerichtshof nicht einsehen. Einer der klagenden Verbände hat Rechtsmittel gegen die Entscheidung von Richter Andreu eingelegt.

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