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Financewatch-Chef im Interview "David hat Goliath besiegt"

Die Organisation Finance Watch versteht sich als "Greenpeace der Finanzindustrie". Ein Gespräch mit ihrem Chef Thierry Philipponnat über gefährliche Zockereien und die mächtige Bankenlobby.

23.07.2011 16:59
Foto: AFP

Monsieur Philipponnat, die Organisation Finance Watch wurde gegründet, um der Finanzbranche auf die Finger zu schauen. Das ist ein Kampf wie David gegen Goliath, oder?

Wir mögen den Vergleich, weil David Goliath ja besiegt hat. Wir sind eine kleine Organisation, die zwölf Kräfte einstellen will, während die Finanzlobby in Brüssel rund 700 Leute aufbietet. Die verfügen, grob geschätzt, über 350 Millionen Euro pro Jahr, wir über zwei Millionen.

Klingt, als stünden die Chancen für David nicht besonders gut.

Wir fühlen uns gar nicht so schwach. Hinter den zwölf, die wir sein werden, stehen 57 Mitglieder, von denen wiederum 40 große Organisationen sind: NGO, Gewerkschaften, Forschungsinstitutionen, Verbraucherverbände und Interessenvertretungen von Kleinanlegern. So repräsentieren wir buchstäblich Hunderte Millionen von Europäern. 17 unserer Einzelmitglieder verfügen über intime Kenntnisse der Finanzmärkte. Wenn Sie das alles in Betracht ziehen, dann sind wir schon nicht mehr so klein und können eine Menge durchsetzen. Und ich bin überzeugt, auch mit zwei Millionen Euro kann man ganz interessante Dinge tun.

Was wollen Sie erreichen?

Erstens wollen wir auf hohem Niveau Finanzmarktexpertise liefern. Alles, was wir an Forschungsergebnissen zusammentragen und erarbeiten, wird auf unserer Website frei zugänglich sein. Eine glaubwürdige, kompetente und professionelle Analysequelle, die unabhängig von der Finanzwirtschaft Informationen über Banken und Finanzfragen bietet. Zweitens wollen wir das, was wir erarbeitet haben, auch an die Entscheider in den Brüsseler Institutionen herantragen. Da setzt unsere Lobbyarbeit ein. Wir wollen, dass Gesetzgeber und Experten bei jedem Gesetz das öffentliche Interesse im Auge behalten.

Das klingt abstrakt....

.... ist aber ganz konkret. Wir haben gerade unser erstes Positionspapier über ungedeckte Credit Default Swaps oder CDS veröffentlicht. Das sind jene Instrumente, die Wetten auf den Preis von staatlichen Anleihen erlauben. Ungedeckt sind sie, wenn der Spekulant die Anleihe selbst nicht besitzt. Vor rund drei Monaten lehnte der zuständige Ausschuss im Europaparlament ungedeckte CDS generell ab. Einige Tage danach argumentiert die Finanzwirtschaft, ein Verbot von ungedeckten CDS würde die Schulden der ohnehin angeschlagenen Staaten erhöhen und so den Steuerzahlern höhere Lasten aufbürden. Finance Watch hat den Nachweis erarbeitet, dass dieses Argument völlig falsch ist. Ein klassischer Fall: Firmen, die von CDS profitieren, tarnten ihr privates Interesse als öffentliches. Dabei präsentieren sie sehr technische Argumente und die Entscheider haben oft weder Zeit noch Vorkenntnisse, das zu durchschauen. Sie brauchen Unterstützung. Die liefern wir und stoßen so Debatten an.

Hat es schon Reaktionen aus der Finanzwirtschaft auf die Gründung von Finance Watch gegeben?

Ich habe in der Tat eine Reihe von Anrufen aus der Bankenwelt bekommen. Der Grundtenor war, es ist gut, dass ihr zur Debatte beitragt. Aber ich mache mir keine Illusion: Die richtigen Auseinandersetzungen wird es bei der Diskussion über Sachfragen geben, wie bei den CDS.

Sie haben im Herzen des Finanzkapitalismus gearbeitet. Jetzt wollen Sie ihren früheren Kollegen kritisch auf die Finger schauen. Keine gradlinige Karriere, oder?

Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert, nicht unbedingt mit dem Vorsatz, ins Finanzgeschäft einzusteigen, sondern eher weil ich an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen interessiert war. Dann habe ich im Finanzsektor angefangen. Es war eine sehr motivierende Atmosphäre, flache Strukturen, ich war jung, es gab fördernden Druck – da passierte viel...

Trotzdem haben Sie die Seiten gewechselt. Warum?

Zehn Jahre lang habe ich mir keine besonderen Gedanken über meine Arbeit gemacht. Erst mit der Zeit habe ich begriffen, dass Banken- und Börsengeschäfte starke Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft haben – manchmal durchaus negative. Denken Sie an die Finanzkrise. Ich habe viele kritische Texte über den Banken- und Finanzsektor gelesen, und ich fand die Kritik oft berechtigt. Gleichzeitig erkannte ich, dass die Art, wie sie formuliert und vermittelt wurde, keine Chance hatte, von den Akteuren in der Finanzwelt gehört zu werden.

Warum nicht?

Die Kritiker wussten oft nichts von den technischen Vorgängen. Deshalb wurden sie in der Fachwelt nicht ernst genommen. Ihre Kritik verpuffte. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man es schaffen kann, sich in der Branche Gehör zu verschaffen.

Fehlte den Bankenkritikern die Professionalität, die es in der Umweltbewegung früh gab?

Ja. Nehmen Sie Greenpeace: Die haben Experten der Nuklearwirtschaft und -technologie, die auf Augenhöhe mit den Vertretern der Industrie sprechen können und von denen ernst genommen werden. Viele Kritiker der Finanzinstitutionen sind so weit noch nicht. Finanzfragen werden schnell sehr technisch. Zum einen, weil es in der Natur der komplizierten Sache liegt. Zum anderen aber auch, um Außenstehenden den Zugang zu den Themen zu verstellen. Je technischer Sie reden, desto mehr sorgen sie dafür, dass Außenstehende nicht mehr mitkommen.

Wann haben Sie der Branche den Rücken gekehrt?

2006. Ich will die Branche nicht verteufeln, aber ich erkannte, dass meine Arbeit nicht das war, was ich wollte. Sie war oft genug problematisch – etwa wenn ich an Finanzierungskonzepten für Waffengeschäfte bastelte. Ich habe mich Amnesty International zugewandt, da war ich schon lange Mitglied. Nach kurzer Zeit hatte ich dort die Verantwortung für den französischen Finanzsektor. Nach drei Jahren konnten wir erreichen, dass die französischen Geldinstitute die Finanzierung von Firmen aufgegeben haben, die Streumunition herstellten. Später wurde ich in die Geschäftsführung von Amnesty gewählt, wo ich Erfahrungen im Management solcher Organisationen sammeln konnte. Dann begann die Sache mit Finance Watch.

Der Anstoß dazu kam aus dem Europäischen Parlament. Wieso?

Das Parlament hat mittlerweile viel Einfluss bei der Finanzmarkt-Gesetzgebung in Europa. 22 Abgeordnete machten im vergangenen Jahr auf ein Dilemma aufmerksam: Sie wurden förmlich belagert von Lobbyisten der Finanzwirtschaft, die ihre Entscheidungen beeinflussen wollten. Sie vermissten Argumente, die nicht von der Finanzbranche lanciert waren. Deshalb riefen sie zu einer Organisation auf, die ihnen eine andere Sicht auf die Dinge vermitteln sollte. Dem schlossen sich nach kurzer Zeit weitere 88 EU-Parlamentarier und schließlich Abgeordnete aus ganz Europa an – und zwar aus dem gesamten politischen Spektrum.

Haben die Parlamentarier Einfluss auf die Organisation?

Nein. Sie sind keine Mitglieder. Sie haben das Verdienst, Finance Watch auf den Weg gebracht und die sechsmonatige Gründungsphase finanziert zu haben.

Ist Ihnen der Wechsel vom Saulus zum Paulus leichtgefallen?

Nein, das war nicht immer einfach, denn ich geriet ja in eine völlig andere Welt. Wo ich hinkam, wurde ich nicht sofort als „einer von uns“ akzeptiert, sondern zunächst eher misstrauisch beäugt.

Wie haben Sie das Misstrauen überwunden?

Bei Amnesty haben beide Seiten schnell gemerkt, dass es sehr effizient sein kann, wenn Menschen aus verschiedenen Richtungen und Ursprüngen zusammenfinden. Ich glaube, in den Organisationen muss man wegkommen vom simplen Gut-Böse-Schema: Wir sind gut, ihr seid die Schurken. Erstens stimmt das so nicht, zweitens ist das kindisch und drittens bringt es nichts. Die Welt ist differenzierter.

Haben Sie noch Kontakt mit Kollegen aus dem früheren Leben?

Oh ja, mit vielen. Eine Reihe von ihnen hat mich angerufen, nachdem ich bei Finance Watch eingestiegen bin und gefragt, was ich da mache. Ihre erste Reaktion war dann immer ungläubiges Staunen, aber sie waren schnell der Meinung, dass es Sinn macht, sich mit den gesellschaftlichen Wirkungen des Finanzsektors zu beschäftigen.

Die betrachten Sie nicht als Gegner?

Nein. In den Statuten von Finance Watch steht ganz klar, dass das Sammeln von Kapital und Finanzdienstleistungen für die Gesellschaft von essenzieller Bedeutung sind. Deshalb sind wir keine Gegner von Banken und Finanzinstitutionen. Unser Ziel ist, sie so zu organisieren, dass ihre Wirkung für die Gesellschaft nur positiv ist.

Interview: Werner Balsen

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