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Fehltage Daimler belohnt gesunde Mitarbeiter

Der Autokonzern Daimler zahlt künftig jedem Mitarbeiter ohne krankheitsbedingte Fehltage eine Belohnung von 200 Euro pro Jahr. Der Betriebsrat ist einverstanden.

Schaffe, schaffe, Auto baue: Daimler-Mitarbeiter schrauben im Werk Sindelfingen die Mercedes S-Klasse zusammen. Foto: rtr

Gesunde Beschäftigte sind für die Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: Im vergangenen Jahr gingen der deutschen Wirtschaft krankheitsbedingt rund 543 Millionen Arbeitstage verloren. Nach Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) summierte sich der Wert der krankheitsbedingten Arbeitsausfälle im Jahr 2014 auf 57 Milliarden Euro. An einer Minimierung der Fehltage haben die Firmen also ein vitales Interesse.

Um dieses Ziel zu erreichen, führt die Daimler AG in Absprache mit dem Gesamtbetriebsrat zum 1. Januar 2017 eine Anwesenheitsprämie für die rund 170 000 Konzern-Beschäftigten in Deutschland ein: Mitarbeiter, die innerhalb eines Kalenderquartals keinen einzigen Tag krankheitsbedingt fehlen, erhalten 50 Euro. Bei einem Fehltag gibt es noch 30 Euro, darüber hinaus entfällt die Prämie. „Damit wollen wir unsere Belegschaften motivieren, noch mehr auf ihre Gesundheit zu achten und gesund zu bleiben“, erläutert Daimler-Sprecherin Sabrina Schrimpf.

Der Anwesenheitsbonus sei Teil eines umfassenden Gesundheitskonzepts mit kostenlosen werksärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, gesundem Kantinenessen und jährlich wechselnden Informationskampagnen zu Diabetes, Herz-Kreislauf- und anderen Zivilisationserkrankungen. „Für die Daimler AG hat der langfristige Erhalt der Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter höchste Priorität“, heißt es in einer Unternehmensmitteilung zum Thema.

Ob allerdings die Anwesenheitsprämie dem hehren Gesundheitsziel wirklich dient, ist umstritten. Fachleute bezweifeln den Nutzen und sehen eher Risiken für die Beschäftigten. „Finanzielle Anreize können Arbeitnehmer veranlassen, trotz einer Erkrankung am Arbeitsplatz zu erscheinen. Im Einzelfall kann das zu einer anhaltenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen“, warnt der Präsident des Verbands deutscher Betriebs-und Werksärzte (VDBBW), Wolfgang Panter. Aus medizinischer Sicht betrachtet Panter Anwesenheitsprämien „mit großer Skepsis“.

Für weitaus zielführender hält der Arbeitsmediziner Prämien, mit denen gesundheitsförderndes Verhalten belohnt werde. Wenn Firmen Boni für die erfolgreiche Teilnahme an Rauchentwöhnungskursen, Bewegungstrainings und Ernährungsberatungen ausschütteten, wäre dies zu begrüßen und in jedem Falle einer Anwesenheitsprämie vorzuziehen, betont der VDBW-Präsident.

Offenbar hegt auch der Gesamtbetriebsrat von Daimler Zweifel am gesundheitsförderlichen Effekt der Prämie. Die Stellungnahme der Arbeitnehmervertretung kommt jedenfalls alles andere als euphorisch daher. „In Abwägung der Interessen haben wir uns letztlich entschieden, für die Einführung des Gesundheitschecks den Anwesenheitsbonus befristet in Kauf zu nehmen“, sagte Betriebsratschef Michael Brecht anlässlich der Einigung mit der Unternehmensleitung. Das klingt eher nach zähneknirschendem Deal, denn nach vorbehaltloser Zustimmung. Auch Brechts ausdrücklicher Hinweis auf die zweijährige Begrenzung der Anwesenheitsprämie deutet in diese Richtung.

Dass Daimler so sehr an der Prämie interessiert ist, hängt mit den aus Unternehmenssicht überaus positiven Erfahrungen zusammen, die man während einer dreijährigen Pilotphase an den Standorten Bremen, Kassel und Stuttgart-Untertürkheim sammeln konnte. Die Fehlzeiten gingen dort messbar zurück. Einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ zufolge wurde dies allerdings um den Preis erreicht, dass sich Beschäftigte trotz Erkrankung zur Arbeit einfanden. Damit hätte die Prämie in genau der Weise gewirkt wie von Arbeitsmediziner Panter befürchtet.

Völlig neu ist die Idee von Anwesenheitsboni im Übrigen nicht. In zahlreichen Branchen finden sich Unternehmen, die solche Anreize probehalber eingeführt haben. Mal zahlte ein rheinischer Nahverkehrsbetrieb seinen Mitarbeitern bis zu 500 Euro, wenn sie weniger als sechs Tage pro Jahr krankheitsbedingt fehlten. Mal gewährte ein Düsseldorfer Immobilienbüro für null Fehltage ein ganzes Monatsgehalt zusätzlich. Die Münchner Bestseller GmbH gewährte einzelnen Mitarbeitern gar 1500 Euro pro Quartal, wenn sie keinen Tag der Arbeit fernblieben. Auch in der württembergischen Logistikbranche sind Anwesenheitsprämien bekannt.

Zu den Wirkungen solcher Anreize liegen systematische Untersuchungen bisher nicht vor. Experten gehen von einem Rückgang um vier bis sechs Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr aus. Dies entspräche etwa einem Drittel jener 15,4 Fehltage, die Berufstätige wegen Krankheit im Jahr 2015 durchschnittlich zu Hause blieben. Umgerechnet auf die von der Baua geschätzten Kosten von 57 Milliarden Euro ergäbe sich mithin ein hübsches Sümmchen, das die Unternehmen einsparen könnten – und zwar auch noch nach Abzug der Kosten für die Anwesenheitsprämie.

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