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Fahrradhersteller Peter Wicht „Jetzt radelt auch der Banker“

Peter Wicht, Chef des ostdeutschen Fahrradherstellers Mifa, spricht im Interview über den Reiz von E-Bikes, Löhne am Existenzminimum und Subventionen für Autobauer.

11.08.2012 11:16
Räder über Räder: allesamt produziert beim ostdeutschen Fahrradhersteller Mifa. Foto: dpa/dpaweb

Am Eingang zum Mifa-Gebäude in Sangerhausen hängen alte Fahrrad-Modelle an der Wand, die auf diese Weise die mehr als 100-jährige Werks-Tradition dokumentieren. Auf den Reifen der Räder ist keine Luft mehr, die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen. „Herzlich willkommen bei Mifa“ steht auf einem simplen Konferenz-Schild. Irgendwie stellt man sich den Sitz eines börsennotierten Unternehmens anders vor. Für Peter Wicht, alleiniger Vorstand von Mifa, dem hierzulande absatzstärksten Fahrradhersteller, sind solche Äußerlichkeiten, nicht so wichtig. Er ist ein Macher, dessen Augen dann leuchten, wenn es um technische Details geht, um automatische Lackierungen und um effiziente Fertigung, mit der man die Konkurrenz aus Asien übertrifft. Mehr als jedes vierte in Deutschland produzierte Rad kommt von Mifa.

Herr Wicht, gibt es neue Sprüche über Mifa?

Nein, nichts Neues gehört.

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Wer Mifa fährt, fährt nie verkehrt, weil Mifa überhaupt nicht fährt. Bekommen Sie den alten Kalauer noch oft zu hören?

Klar. Aber das sind doch Sprüche aus DDR-Zeiten, damit haben wir nichts mehr zu tun.

Haben Sie deswegen die Marke Mifa aus Ihrem Sortiment verbannt? Auf Ihren Rädern steht jetzt zum Beispiel FunLiner oder McKenzie. Dabei hat Mifa doch eine lange Tradition.

Verbannt ist nicht richtig. Die Marke Mifa macht nur einen relativ kleinen Teil der Produktion aus. Wir haben uns auf die Massenproduktion für große Handelsketten und Baumärkte ausgerichtet, als wir Mitte der 90er-Jahre das Unternehmen übernahmen. Die wollen eigene, exklusive Marken haben. Hätten wir damals nur auf den Namen Mifa gesetzt, wäre das schiefgegangen.

Warum?

Die Vorgängerfirma hatte zwei Jahre nach der Übernahme aus dem Treuhand-Bestand spektakulär Pleite gemacht. Dadurch war der Name belastet. Und im Osten wollte man ohnehin eher Neues aus dem Westen kaufen.

Mifa hat im vergangenen Jahr weit über 600.000 Räder abgesetzt. Wie schafft man es, im Hochlohnland Deutschland, Anbieter aus Fernost zu schlagen?

Über gute Qualität und gute Preise. Preise spielen in unserem Segment eine ganz entscheidende Rolle.

Wie wird man preiswerter?

Über eine stark automatisierte Fertigung. Sie sehen bei uns die einzige Anlage weltweit, in der vollautomatisch die Speichen eingebaut werden. Wir haben eine vollautomatische Verpackung für die fertigen Räder. Auch das sehen Sie in dieser Form sonst nirgendwo auf diesem Planeten. Das gleiche gilt für die Versorgung der Montage mit Einzelteilen.

Gibt es die Wettbewerbsfähigkeit nur, weil Sie Stundenlöhne unter 8,50 Euro zahlen?

Ich wollte immer beweisen, dass man Fahrräder in großen Mengen auch in Deutschland bauen kann und nicht aus China importieren muss. Und dass man hier auch Arbeitsplätze halten kann.

Mit Niedriglöhnen, die nahe am Existenzminimum liegen.

Wir geben hier im Jahresdurchschnitt immerhin 600 Menschen Arbeit und Einkommen. Dazu kommen etliche Saisonarbeiter. Wenn es uns darum ginge, vor allem die Lohnkosten zu drücken, dann könnten wir die Fabrik sofort ins Ausland verlagern. Andere Hersteller haben längst getan. Aber das will ich nicht, weil auch die Leute in Deutschland Geld verdienen müssen, um beispielsweise Räder von Mifa kaufen zu können.

Im Frühjahr haben Sie Grace übernommen, ein Berliner Start-up-Unternehmen, das E-Bikes auch für die Daimler-Tochter Smart entwickelt hat. Eine neue Nische im Geschäft oder der neue große Trend?

Mit dem E-Bike entwickelt sich gerade etwas völlig Neues. Das ist kein Moped, aber auch kein bloßes Fahrrad mehr. Das ist Radfahren mit Rückenwind. Sie sind völlig relaxed auf so einem Rad.

Also doch eher ein Rad für den, der den Berg nicht mehr hochkommt?

Das war es bis vor wenigen Jahren. Aber der Kult entwickelt sich gerade, das belegen Statistiken des deutschen Zweirad-Industrie-Verbandes sehr eindeutig. Der Absatz hat sich allein in den letzten beiden Jahren glatt verdoppelt.

Beim Radfahren will ich mich doch anstrengen, abstrampeln, und mich nicht von einer Batterie fahren lassen.

Sind Sie schon mal mit einem E-Bike gefahren?

Nein.

Machen Sie es! Hinterher ist jeder begeistert. Sie lassen alle anderen an der Kreuzung stehen, Sie schnurren jeden Berg hoch. Das ist der Hammer!

Also kein kurzer Boom, kein Marktsegment, das klein bleibt?

Auf keinen Fall! Und zwar nicht deswegen, weil es immer mehr Ältere gibt, die Rad fahren wollen und den elektrischen Schub gern nutzen. Sondern, weil die Jüngeren das E-Bike entdecken. Das Smart E-Bike von Grace ist Lifestyle, das ist cool! Allein durch die Präsenz im Markt wird das E-Bike sich immer besser verkaufen. Die Einstellung zum E-Bike ändert sich.

Das kann dauern.

Glaube ich nicht. Vor ein paar Jahren war es in den Großstädten noch für viele undenkbar, dass sie mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Es musste das Auto sein. Das hat sich völlig geändert. Jetzt kommt auch der Banker oder der Politiker angeradelt. Aber die wollen nicht verschwitzt im Büro erscheinen und erst mal duschen gehen. Dafür ist ein E-Bike die ideale Lösung.

Wenn die Städte für das Fahrrad genug Platz und Sicherheit bieten.

Das wird zwangsläufig so werden. Der Verkehrskollaps ist in manchen Metropolen längst da. Die Städte wollen die Autos aus der Innenstadt fernhalten. Es muss Alternativen zum Auto geben. Das E-Bike ist eine. Der Bedarf an diesen Rädern wird mächtig steigen.

Der Anteil der E-Bikes an allen verkauften Rädern in Deutschland lag letztes Jahr bei etwa sieben Prozent. Wo wird er 2020 liegen?

Der Branchenverband prognostiziert langfristig einen Marktanteil von bis zu 18 Prozent. Meines Erachtens ist das sogar eher konservativ geschätzt.

Die E-Bikes sind aber ziemlich teuer.

Die Preise werden sicherlich noch nach unten gehen, wenn sich die Batterien verbessern, wenn größere Serien produziert werden.

Die Elektromobilität wird gefördert. Hätten Sie auch gern Subventionen für E-Bikes?

Ich bin immer ein Gegner von Subventionen gewesen, weil der Markt entscheidet, was sich durchsetzt.

Die Autobranche ist sich nicht zu schade, nach Subventionen zu rufen.

Die Autoindustrie hat natürlich größeres Gewicht, mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen. Also gut, machen wir eine Ausnahme: Wenn wir mit Elektroautos den Kohlendioxid-Ausstoß wirklich deutlich senken, dann kann man das fördern. Aber es kann nur eine eng begrenzte Maßnahme sein. Schließlich kommt das Geld vom Steuerzahler.

Was halten Sie von der Nationalen Plattform Elektromobilität?

Es ist schade, dass die wirklich grünen Unternehmen nicht eingeladen sind.

Sie reden vom Fahrradhersteller Mifa?

Natürlich. Wir sind nicht dabei.

Was wollen Sie dort?

Ist das kein Thema, wenn wir mit unseren E-Bikes Autoverkehr überflüssig machen, Emissionen mindern? Nur mal ein Beispiel für Kosten: Wenn man mit dem E-Bike in der Stadt 100 Kilometer fährt, kostet das vielleicht 20, 30 Cent beim Strom. Mit einem Mittelklasse-Auto kostet das mindestens zwölf Euro an Sprit, also das Sechzigfache. Da wäre es genauso sinnvoll, das E-Bike zu fördern, nicht nur das Elektroauto. Es wäre auch viel billiger.

Das E-Bike hat allerdings auch einen entscheidenden Nachteil: Es hat keinen Kofferraum.

Solche Transporträder werden kommen, zumindest in Großstädten. In Holland sind sie stark nachgefragt. In Deutschland haben wir die Post damit ausgestattet.

Ist die Politik zu sehr auf die großen Konzerne fixiert?

Es sieht manchmal so aus. Die Politik muss auch auf den Mittelstand, auf die vermeintlich Kleinen schauen. Die sind der Kern der Wirtschaft. Wir haben aber kein Geld für große Lobbyarbeit.

Schlägt die Euro-Krise auf Ihr Geschäft durch?

Im Absatz nicht. Im ersten Quartal haben wir den Umsatz um mehr als sieben Prozent im Vergleich zum starken Vorjahresquartal auf fast 40 Millionen Euro gesteigert. Das lag wesentlich an den E-Bikes. Wir erwarten jetzt ein gutes Geschäftsjahr 2012. Allerdings macht uns der Euro Sorgen. Wir kaufen in Dollar ein. Je niedriger der Euro-Kurs in Dollar ist, umso teurer wird für uns der Einkauf.

Und die Unsicherheit in der Euro-Zone?

Wenn die Unsicherheit anhält, was mit dem Euro und der Staaten-Union passiert, und die sich bei den Verbraucher festsetzt, könnte es Probleme geben. Aber die hätten wir dann nicht allein.

Ein Problem hatten Sie aber im April im Unternehmen, als in einer Nachtschicht wegen der Löhne spontan gestreikt wurde.

Es wurde nicht gestreikt. Die Bänder standen zwei Stunden still. Es gab ein Missverständnis. Es ging darum, dass Saisonkräfte aus Polen angeblich besser bezahlt würden als einheimische Arbeiter. Das stimmt aber so nicht: Die polnischen Arbeiter erhielten eine Pauschale für Transport und Unterkunft, deswegen lag ihr Bruttogehalt höher. Das haben wir geklärt.

Die Aktion hatte Sie immerhin veranlasst, 150 Euro jedem Beschäftigten im Monat mehr zu zahlen.

Ja, und damit sind wir an eine absolute Schmerzgrenze gegangen. Ich würde jedem gern mehr zahlen, aber das Geld muss erst einmal in einem harten Umfeld verdient werden. Wir müssen weiter investieren. Ich will die Firma stärker machen, ich will weg vom Schema eines reinen Billiganbieters. Mit den E-Bikes und der Übernahme der Grace haben wir hier auch bereits erste Schritte getan. Unsere Aktionäre haben seit dem Börsengang 2004 übrigens auch noch keinen Euro Dividende gesehen.

Multimillionär Carsten Maschmeyer, der den umstrittenen Finanzdienstleister AWD gründete und kürzlich als Großaktionär bei Ihnen eingestiegen ist, wird das verschmerzen können. Wie stark gibt er Ihnen jetzt im Unternehmen die Richtung vor?

Gar nicht. Ich bin mir aber sicher, ein Carsten Maschmeyer steckt kein Geld in eine Sache, von deren Erfolg er nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Das Gespräch führte Matthias Loke.

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