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Fahrrad-Navigation Mit Bike Citizens durch die Stadt

Was inzwischen in fast jedem Auto zum Standard gehört, erobert jetzt auch den Fahrradlenker: Navis weisen den Weg durch die Stadt. Die App Bike Citizens will darüber hinaus Menschen fürs Radfahren begeistern und zu besseren Fahrradwegen beitragen.

07.08.2015 14:31
Daniel Kortschak
Die Smartphone-App "Bike Citizens" weist Radfahrern den Weg durch die Großstadt. Foto: Bike Citizens

„In 100 Metern rechts abbiegen“ – „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen“. Ohne diese Kommandos kommt heute kaum mehr ein Autofahrer aus, Navigationsgeräte gehören längst selbst bei vielen Kleinwagen zur Ausstattung. Auch immer mehr Fahrradfahrer vertrauen inzwischen auf die Hilfe von elektronischer Navigation. Neben eigenen Wander- und Fahrradnavis ist auch das Smartphone ein nützlicher Begleiter auf dem Weg durch den Großstadtdschungel. Die App Bikecitizens ist eine dieser elektronischen Helfer.

Produziert wird sie von einem Startup in Graz, das Daniel Kofler und Andreas Stückl 2011 gegründet haben. „Die beiden Fahrradboten waren zu einer internationalen Meisterschaft unterwegs. Dabei haben sie festgestellt, dass sie zwar in der eigenen Stadt die besten Routen für Radfahrer kennen, nicht aber im Ausland“, erklärt Kerstin Oschabnig von Bike Citizens im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Speziell auf Stadtradler zugeschnittene Apps gab es damals nicht.

Deshalb nahmen die beiden die Sache selbst in die Hand: Auf der Basis von Open Street Maps programmierten sie einen Routenplaner speziell für Radfahrer. Dabei nutzten sie ihre Kontakte in der gut vernetzten Fahrradbotenszene. „Die Fahrradboten sind täglich viele Kilometer in ihrer Stadt unterwegs und kennen natürlich die besten und schnellsten Routen“, so Oschabnig.

Bike Citizens navigiert Radfahrer wie ein Auto-Navi durch inzwischen mehr als 200 Städte in Europa. Auf dem Handy wird die Route grafisch dargestellt, eine Stimme gibt klare Anweisungen: „In 100 Metern rechts abbiegen. Gegen die Einbahn!“ – „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen! Auf Radweg!“

Keine aktive Datenverbindung nötig

Die Karten können vorab auf das Smartphone geladen werden, deshalb ist während der Fahrt keine Datenverbindung nötig, das spart vor allem im Ausland Roaminggebühren. Dass die App wirklich ohne Datenverbindung funktioniert, zeigt der FR-Test mit einem iPod touch: Im dicht verbauten Stadtgebiet, wo eine Vielzahl von Drahtlosnetzwerken dem Gerät Orientierung bietet, navigiert Bike Citizens auch auf dem iPod zuverlässig durch die Gassen. Das fehlende GPS sorgt allerdings manchmal für kurze Verzögerungen bei der Standortbestimmung und am Stadtrand verliert der iPod schnell die Orientierung.

Probleme, die mit einem Smartphone mit GPS nicht auftreten. Die Ortung ist präzise, die Navigation läuft ohne Rucken. Wie bei allen Navis sollte man sich allerdings nicht blind auf die Ansagen verlassen: Zwar kennt Bike Citizens sehr viele Fahrradstreifen, Kreisverkehre und Verkehrsbeschränkungen. Ab und an entgeht der freundlichen Stimme aber doch ein Abbiegeverbot oder eine nicht für Radfahrer freigegebene Einbahnstraße.

Rücksicht nimmt die App auch auf verschiedene Radlertypen: In den Einstellungen kann man wählen, ob man lieber gemütlich über ruhige Nebenstraßen und Fahrradwege oder möglichst schnell ans Ziel kommen will, die Standardeinstellung bietet einen Kompromiss zwischen Schnelligkeit und Sicherheit. Auch die Art des Fahrrades kann voreingestellt werden: Wählt man etwa die Option Rennrad, vermeidet die App bei der Navigation Strecken mit holprigem Untergrund.

Neben der Navigation zu bestimmten Adressen und wichtigen Punkten wie Theatern, Bahnhöfen und Freizeiteinrichtungen bietet die App auch für jede Stadt Sightseeing-Touren an, kurze Texte erklären dann die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke. Und will man einmal ohne Navigation durch die Stadt radeln, lässt sich Bike Citizens auch einfach als Fahrradcomputer verwenden.

Die App richtet sich an Alltagsradler in der Stadt und ist deshalb auf urbane Ballungsräume beschränkt. Für eine ausgedehnte Überlandtour ist Bike Citizens also nicht geeignet. Trotzdem muss man nicht befürchten, direkt an der Stadtgrenze die Orientierung zu verlieren: Bei jedem Stadtpaket ist auch ein großer Teil des Umlands dabei, das Frankfurt-Paket reicht etwa bis Seligenstadt, Darmstadt, Mainz und Friedberg.

Die App selbst ist kostenlos, die einzelnen Städtepakete kosten jeweils 4,99 Euro. Manche Städte sind dank einer Kooperation mit den Stadtverwaltungen auch kostenlos, etwa Bremen, Wien oder Graz. Seit kurzem gibt es zudem die Option „Cycle to free“: Wer in einer Stadt innerhalb von 30 Tagen 100 Kilometer radelt, bekommt das Städtepaket geschenkt.

Heatmap für bessere Fahrradwege

Auch bei einem weiteren neuen Projekt setzt Bike Citizens auf die Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen: Heatmap registriert die Anzahl und die Geschwindigkeit der Radfahrer im Straßennetz. Dazu kann jeder Nutzer der Bike-Citizens-App seine Fahrtstrecken aufzeichnen und über das mobile Datennetz oder WLAN hochladen. Die Daten werden dann anonymisiert ausgewertet und auf Wunsch den Verkehrsplanern zu Verfügung gestellt.

So könnten Engstellen erkannt und beseitigt werden oder etwa Ampelschaltungen optimiert werden, erklärt Kerstin Oschabnig von Bike Citizens: „Der Community-Gedanke ist uns sehr wichtig. Wir wollen die Alltagsradler miteinander vernetzen. Je größer die Masse, desto mehr kann sie erreichen. Es geht dabei um gezielten Einfluss auf eine fahrradfreundliche Stadtplanung. Je mehr Menschen dabei mitmachen, desto besser und genauer sind die Daten. Das führt dann im Idealfall zu besseren Radwegen und dadurch wieder zu mehr Radfahrern in den Städten.“

Angst vor Überwachung muss dennoch niemand haben: Die Aufzeichnungsfunktion der App lässt sich einfach abschalten. Bei den von Heatmap ausgewerteten Routen werden außerdem die ersten und letzten rund hundert Meter der Fahrt automatisch ausgefiltert und auch längere Fahrtpausen werden nicht registriert.

Praktische Smartphone-Halterung

Doch was nützt die beste Navi-App, so lange eine entscheidende Frage nicht beantwortet ist: Wie kommt eigentlich das Smartphone aufs Fahrrad? Zwar gibt es im Zubehörhandel inzwischen viele verschiedene Halterungen. Doch die sind oft kompliziert zu montieren, kosten viel Geld und passen nur für bestimmte Handymodelle.

Gründe genug für die Leute von Bike Citizens, eine einfachere und trotzdem praktische Lösung zu finden: Unter dem Namen „Finn“ vermarkten sie eine reißfeste Silikonschlaufe, die so gut wie alle gängigen Smartphone-Modelle zuverlässig am Fahrradlenker befestigt.

Besonders praktisch ist die schlanke und leichte Halterung auf Reisen: Steigt man etwa am Bahnhof auf ein Mietfahrrad um, hat man mit „Finn“ und dem Smartphone gleich das Navi parat. Wer "Finn" im Fachhandel oder über die Internetseiten von Bike Citizens kauft, bekommt einen Gutschein für ein Städtepaket seiner Wahl dazu.

Neben der App für unterwegs bietet Bike Citizens auch einen Fahrrad-Routenplaner im Internet an. Zusätzlich zur klassischen Streckenplanung von Punkt zu Punkt kann man sich mit dem Tool „5 Minutes by Bike“ anzeigen lassen, welche Ziele man von einem bestimmten Punkt in einer Stadt aus innerhalb von fünf oder zehn Minuten erreichen kann. Auch das soll, so die Idee der Bike-Citizens-Macher, die Menschen dazu animieren, bei der Bewältigung der alltäglichen Wege noch öfter als bisher aufs Fahrrad zu steigen.

Bei Bike Citizens stehen die Zeichen ebenfalls weiter auf Wachstum: Vor kurzem hat das Startup ein Büro in Berlin eröffnet, neben dem wichtigen deutschen soll von dort aus auch der polnische Markt bearbeitet werden, wo die Gründer noch viel Potenzial sehen. Am anderen Ende Europas hat Bike Citizens schon Fuß gefasst: Seit einigen Wochen sind alle größeren Städte in Großbritannien für die App verfügbar.

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