Lade Inhalte...

Fackelmann Wieder „Made in Germany“

Alexander Fackelmann besitzt eines der größten Unternehmen für Haushaltswaren. Vor 20 Jahren verlegte er einen Großteil der Produktion nach China. Nun kehrt er zurück nach Deutschland. Er ist nicht der einzige.

25.06.2013 12:13
Maxim Leo
Der berühmteste Fackelmann: Mützenträger Axel Schulz. Foto: dpa

Die Heimkehrer sind in Halle 6 versammelt. Sie waren lange weg, hatten sich im Süden von China niedergelassen, weil das Leben in Deutschland zu teuer geworden war. Niemand hat damit gerechnet, sie je in dieser Gegend wiederzusehen. Die Sache schien endgültig und unumkehrbar zu sein. Die Globalisierung hatte die Welt verändert, sie mussten gehen. Und nun sind sie also wieder da.

Die Heimkehrer sind echte Klassiker. Da ist zum Beispiel die Fliegenklatsche mit elastischem Rasterblatt, die so ähnlich auch schon in den Sechzigerjahren hier am Stammsitz von Fackelmann in Hersbruck bei Nürnberg hergestellt wurde. Oder der Schlitzwender aus ABS-Kunststoff, mit dem man panierte Steaks in der Pfanne umdrehen kann und der in dieser Saison auch in der Trendfarbe Violett angeboten wird. Oder die weißen Abfluss-Siebe, die in fast jedem deutschen Haushalt zu finden sind.

Der Champion der Halle 6 ist allerdings die hundertmillionenfach verkaufte Zahnstocher-Box mit Spendeloch. Rundes Unterteil aus schwarzem PVC, durchsichtiger Deckel, gefüllt mit 190 Zahnstochern, beidseitig gespitzt. Jahrzehntelang wurde diese Box hier in Franken gefertigt. Ende der Neunzigerjahre verlagerte Fackelmann die Produktion nach Pingdi Yangjiang in der Nähe von Macau. Der Standort Deutschland und die Zahnstocher-Box mit Spendeloch passten nicht mehr zusammen. Weil, sehr vereinfacht ausgedrückt, der Standort zu teuer und die Box zu billig war.
Alexander Fackelmann hat ein kantiges Haupt und sanfte Augen. Er ist 56 Jahre alt und seit einer kleinen Ewigkeit alleiniger Eigentümer und Chef eines der weltweit führenden Herstellers von Haushaltswaren. Fackelmann macht 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr und beschäftigt 3500 Mitarbeiter an 35 Standorten in Europa, Asien und Australien. Er ist ein Mann, für den der Begriff Weltwirtschaft ganz konkret seinen Alltag beschreibt.

Vom Pendel der Geschichte

Fackelmann steht in der Halle 6 vor der voll automatisierten Kunststoffspritzmaschine, in der Unterteil und Deckel der Zahnstocher-Box gepresst werden. Die Plastikteile kullern auf ein Band, fallen in einen Behälter und werden später von Heimarbeitern aus dem Unterfränkischen Land befüllt und zusammengesetzt.

Die Zahnstocher kommen nach wie vor aus China, weil die Holzpreise in Europa zu hoch sind. Noch zu hoch sind, sollte man wohl sagen. Fackelmann hebt an, den Zusammenhang zwischen der Weltwirtschaft und der Zahnstocher-Box zu erklären, die nun wieder zu Hause angekommen ist. Irgendwann wird er bei den Griechen und den Römern angekommen sein. Er wird vom Pendel der Geschichte sprechen, das mal zur einen und mal zur anderen Seite schwingt.

Aber der Reihe nach und noch mal in die Neuzeit zurück. Das heißt, etwa in die Mitte der Neunzigerjahre. Damals hatte Fackelmann schon einen Teil der Fertigung seiner etwa viertausend Haushaltsprodukte nach Osteuropa und China verlagert, und es stellte sich die Frage, ob es richtig wäre, Deutschland ganz zu verlassen. „Nichts währt ewig“ und „Wenn es um die Existenz der Firma geht, muss man zu allem bereit sein“ – das waren so die Sätze, die damals in den Krisensitzungen des Vorstands fielen.

Wenn Alexander Fackelmann nur die Bilanzzahlen betrachtet hätte, dann wäre er wohl nicht umhingekommen, den großen Schnitt zu machen. Das Geschäft in Deutschland brachte zu kleine Gewinne oder gar Verluste, was an den hohen Personalkosten lag, aber auch an den niedrigen Verkaufspreisen, die von der Konkurrenz verdorben wurden. Der Konkurrenz, die verstärkt im billigen Ausland produzierte.

„Wir haben das damals durchgerechnet, wir hätten unseren Gewinn erheblich steigern können, wenn wir hier alles abgewickelt hätten“, sagt Fackelmann. Er sieht auf einmal nachdenklich aus, als spüre er noch einmal den Gefühlen nach, die ihn in diesen Jahren hin- und hergerissen haben. Einerseits liegt es nicht in der Tradition der Fackelmanns, um jeden Preis Profit zu machen. Andererseits durfte er seine Firma nicht durch Zaudern gefährden.

Am Ende entschied ein Gedanke, der weitab der ökonomischen Logik lag: „Wissen Sie, ich bin Deutscher, mein Herz schlägt hier, meine Wurzeln sind hier. So schöpfe ich meine Kraft. Wenn ich es mir einigermaßen leisten kann, bleibe ich bei meinen Wurzeln.“

Trotzdem verlor der deutsche Stammsitz mit den Jahren an Bedeutung. Anfang 2000 erzielte Fackelmann bereits zwei Drittel seines Umsatzes im Ausland. Von den damals noch 4500 Mitarbeitern waren nur noch 750 in Deutschland beschäftigt. Es sah auch lange nicht so aus, dass sich dieser Trend noch mal umkehren würde. Fackelmanns Wurzeln wurden immer schwächer.

„Aber dann erreichte das Pendel seinen Scheitelpunkt und schlug in die andere Richtung zurück“, sagt er. Weil in Osteuropa und in China dieselbe Entwicklung begann, wie sie in Deutschland in den Fünfzigerjahren stattgefunden hatte. Der Wirtschaftsboom verändert die Gesellschaft. Die Menschen wollen etwas abhaben vom neuen Reichtum. Die Löhne steigen, die sozialen Errungenschaften nehmen zu. Gesetze zum Umweltschutz und zur Arbeitssicherheit kommen. Die Billig-Länder werden immer teurer.

Seit ein paar Jahren steigen in China die Löhne jährlich um etwa zwanzig Prozent. Streiks, Aufstände und soziale Unruhen verunsichern die Unternehmer. Der Wettbewerb mit Europa und den USA führt zu Handelsbeschränkungen und Strafzöllen. Und halbwegs geschultes Personal ist kaum noch zu finden. Ließ Fackelmann Mitte der Neunzigerjahre in China noch sehr viel manuell produzieren, weil Arbeitskräfte so gut wie gar nichts kosteten (und verdienten), wurde die Fertigung später zunehmend automatisiert. Arbeitskräfte wurden systematisch durch Maschinen ersetzt – wie früher in Deutschland.

Bauern aus der Nähe von Würzburg

Diese Entwicklung hat das globale Gleichgewicht verändert. Auf einmal ist der Standort Deutschland wieder konkurrenzfähig geworden, weil alles, was voll automatisiert aus einer Maschine herausfällt, hierzulande zu den gleichen Kosten produziert werden kann wie in den einstigen Billiglohnländern. Deshalb sind die Zahnstocher-Box mit Spendeloch, die Fliegenklatsche und der Schlitzwender jetzt wieder Made in Germany.

Fackelmanns Geschäftsberichte machen deutlich, wie heftig das Pendel mittlerweile zurückschlägt. Im Berichtsjahr 2011 wurden in der gesamten Gruppe tausend Beschäftigte entlassen. Allerdings ausschließlich in China. In Deutschland blieb die Mitarbeiter-Zahl konstant.
Gleichzeitig nahm die Zahl der hier hergestellten Artikel um zwanzig Prozent zu. Seit diesem Jahr, sagt Alexander Fackelmann, findet fünfzig Prozent der gesamten Wertschöpfung des Unternehmens wieder in Deutschland statt. „Ich bin heilfroh, dass wir die Fertigung hier nie aufgegeben haben.“

Dieser Trend zurück zu „Made in Germany“ ist überall im Land zu beobachten. Eine im vergangenen Dezember veröffentlichte Studie vom Verband Deutscher Ingenieure (VDI) geht davon aus, dass mehr als ein Viertel aller ins Ausland abgewanderten deutschen Unternehmen mittlerweile wieder zurück sind. Die meisten der etwa 400 Gesellschaften geben als Gründe für ihre Rückkehr an, sie hätten im Ausland Qualitätsprobleme in der Fertigung gehabt und seien zudem in ihrer Flexibilität eingeschränkt gewesen. Durch die Rückverlagerung der Produktion entstehen laut der VDI-Studie jedes Jahr etwa zehntausend Arbeitsplätze in Deutschland.

Fackelmann ist ein Familien-Unternehmen, eine dieser typischen deutschen Mittelstandsfirmen, die heute mehr als je zuvor das ökonomische Fundament des Landes bilden. Unter den Rückkehrern sind viele solcher Unternehmen, die vor fünfzehn Jahren ganz oder teilweise ins Ausland gingen. „Keiner von uns hat das gerne gemacht. Es ging auch nicht um Profitsteigerung, es ging ums Überleben“, sagt Alexander Fackelmann. „Um das Erbe der Familie.“

Seine Familie, das waren ursprünglich Bauern, die ihre Höfe in der Nähe von Würzburg hatten. Großvater Fackelmann ging in den Zwanzigerjahren in die Stadt und gründete einen Eisenwarenhandel in Nürnberg. 1948 übernahm Sebastian Fackelmann, der Vater von Alexander. Der baute eine Handelsvertretung für Eisen- und Haushaltswaren auf. Sie wohnten in einem vierstöckigen Haus im Stadtzentrum. Unten hatte der Vater seine Firma, in der Beletage wohnte die Familie, im dritten und vierten Stock betrieb die Mutter ein Hotel Garni. Als Kind spielte Alexander Fackelmann am liebsten Büro. Mit alten Akten vom Vater und einer ausrangierten Schreibmaschine saß er im Kinderzimmer und führte ein Fantasie-Imperium.

Mit achtzehn bekam Alexander Fackelmann den alten Opel Kadett seiner Mutter, und der Vater bot ihm an, neben dem Studium als Vertreter für die Firma zu arbeiten. Zu den für alle Mitarbeiter geltenden Bedingungen. Er reiste übers Land und verkaufte und verdiente ziemlich schnell um die achttausend Mark im Monat. Der Vater sah es mit Freude und Grausen. „Er hatte Angst, dass mir das Geld zu wichtig wird“, sagt Alexander Fackelmann. In der Familie ging es nämlich nie ums Geld, immer nur um die Firma. Um das Werk der Generationen, das es zu bewahren und zu mehren galt. Dieser Geist hat immer alles bestimmt. Und er wirkt offenbar bis heute fort.

Man sieht das, wenn man nach Hersbruck kommt, wo Fackelmann seit 1957 seinen Hauptsitz hat. Hersbruck ist ein fränkisches Dorf, eingerahmt von geschwungenen Äckern, auf denen die Maispflanzen kniehoch stehen. Unspektakulärer kann kaum ein Firmensitz gelegen sein. Grau verkleidete Werkshallen stehen aneinandergereiht in der Landschaft. In einer dieser Hallen ist die Verwaltung untergebracht und damit auch der Firmenchef. Fackelmann hat hier einen verglasten Verschlag, der aussieht wie ein unbeheiztes ICE-Wartehäuschen. Es gibt in dieser Firma kein Empfangsgebäude, keine repräsentativen Räume. Es genügt, wenn die Dinge funktionieren.

Fackelmanns Vater musste als Jugendlicher in den Krieg und hatte deshalb nur so eine Art Notabitur absolvieren dürfen. Deshalb konnte er kein Englisch und deshalb nahm er seinen Sohn manchmal mit, wenn er auf lange Reisen ging. Mit fünfzehn kam Alexander Fackelmann so zum ersten Mal nach Japan, Hongkong und Taiwan. Der Vater traf Geschäftspartner, der Sohn übersetzte. Zuerst kaufte Fackelmann nur Vorprodukte in Fernost. Später verkaufte er dort auch. 1987 hatten sie ihre erste Fabrik in der Freihandelszone Shenzhen.

Von Deutschland verzaubert

In den Jahren danach kamen weitere Fabriken dazu. Fackelmann sah China wachsen und Deutschland schrumpfen. Er spürte in Asien den unbändigen Willen nach Wachstum und Aufschwung. Es gab Zeiten, Ende der Neunzigerjahre, da war sich Fackelmann nicht mehr sicher, ob Deutschland den Aufsteigern überhaupt noch etwas entgegensetzen kann. „Deutschland war Europas kranker Mann. Wie sollte der mit den Tigern kämpfen?“

Der Umschwung, da ist sich Fackelmann sicher, kam erst mit der Agenda 2010 von Kanzler Gerhard Schröder. „Das war ein Befreiungsschlag, das hat uns wieder wettbewerbsfähig gemacht.“ Seitdem sinken die Lohnstückkosten in Deutschland. Seitdem müssen aber auch viele deutsche Arbeitnehmer für Hungerlöhne arbeiten. „Besser als Nichtbeschäftigung zu finanzieren“, sagt Fackelmann. „Wenn es diesen Schnitt nicht gegeben hätte, sähe dieses Land heute sehr viel trauriger aus.“

Gleichzeitig begannen in China die Probleme. Es gab soziale Unruhen, weil immer deutlicher wurde, wie das gewaltige Wachstum das Land zerstört. Fackelmann erzählt, dass auf dem Fensterbrett seines chinesischen Büros auf einmal eine dicke Rußdecke lag. Dass die Sonne wochenlang vom Smog verdeckt blieb. Das erinnerte ihn an seine Kindheit in Nürnberg. Da war sein Fensterbrett auch immer schwarz, wenn gerade eine Dampflok vorbeigefahren war. China beschreitet denselben Weg wie Deutschland nach dem Krieg. Es ist dieselbe Geschichte, nur viel schneller. Viel gieriger. Und noch viel erfolgreicher.

So kommt Fackelmann dann übrigens auch auf die Römer zu sprechen, die den Griechen die Macht entrissen, als die zu bequem und satt geworden waren. Und was passierte mit den Römern? Auch sie wurden dekadent und fielen den hungrigen Germanen zum Opfer. Und jetzt sind eben die Chinesen wieder dran, die ja schon mal Jahrhunderte lang die Weltwirtschaft beherrschten. Dass sich Deutschland gerade wieder ein wenig vom Verlorengegangenen zurückholt, wird den mächtigen Trend nicht aufhalten können. Es gibt eben die großen und die kleinen Pendel.

Jedes Mal, wenn Fackelmann von einer längeren Asienreise nach Deutschland zurückkommt, ist er wie verzaubert. „Es ist alles so schön, so friedlich, so verlässlich und geregelt hier. Auch das sind wichtige Faktoren für einen Standort. Man begreift ihre Bedeutung erst so richtig, wenn man es mal anders gesehen hat.“ Letztes Jahr hat Alexander Fackelmann in Hersbruck ein neues Logistikzentrum eingeweiht, und er hat gerade noch mal Land dazu gekauft, weil das Betriebsgelände zu klein geworden ist und er bald neue, wahrscheinlich grau verkleidete Hallen bauen will.

Im kommenden August wird Fackelmanns Tochter im Unternehmen anfangen. Sie ist 27 Jahre alt, hat Marketing in London studiert. Es heißt, sie spreche Chinesisch.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum