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EZB-Politik Was, wenn Draghi die Zinsen erhöht?

Lautstark wird die Europäische Zentralbank beschuldigt, die Sparer zu „enteignen“. Welche Folgen aber hätte es, wenn die EZB die Zinsen wieder anheben würde? Eine Bank hat das Szenario durchgerechnet.

Für viele Deutsche eine Reizfigur: EZB-Präsident Mario Draghi. Foto: dpa

Die Europäische Zentralbank wird seit Wochen mit Kritik überhäuft, besonders in Deutschland. Banker, Bundesbanker, Politiker, sogar der Bundesfinanzminister rügen ihre Niedrigzinspolitik. Personalisiert in Form ihres Chefs Mario Draghi wird die EZB beschuldigt, die deutschen Sparer zu „enteignen“ und ihre Altersvorsorge zu ruinieren. In den vergangenen sechs Jahren, errechnet die DZ Bank, seien den Sparern hierzulande 260 Milliarden Euro an Einnahmen entgangen – dank Draghis Zinssenkungen.

Was aber würde passieren, wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen wieder anhebt? Patrick Artus von der französischen Großbank Natixis hat sich den Spaß gemacht, die Folgen durchzurechnen, die eine Erhöhung des Zinsniveaus auf Staaten, Haushalte und Unternehmen in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und die Euro-Zone als Ganzes hätte. Seine grobe, aber aufschlussreiche Berechnung zeitigt das erwartbare Ergebnis: Gläubigern wie deutschen Sparern bringen höhere Zinsen zunächst zwar mehr Ertrag. Die Schuldner jedoch rutschen immer tiefer in die roten Zahlen. Nicht nur drohte den Regierungen in Spanien, Italien und Frankreich die Insolvenz, auch französischen und italienischen Haushalten sowie Unternehmen in vielen Euro-Ländern.

Steigen die EZB-Zinsen wieder auf normales – also früher übliches – Niveau, so bedeutet dies laut Artus, dass die Rendite auf zehnjährige deutsche Staatsanleihen von derzeit 0,2 wieder auf drei Prozent klettern würde. Für zehnjährige Kredite müsste der französische Staat dann wieder 3,5 Prozent zahlen, der italienische 4,8 statt derzeit 1,4 Prozent. Entsprechend würde die Schuldenlast auch für die privaten Haushalte und Unternehmen in der Euro-Zone schwerer werden. Für sie stiegen die Zinsen im Durchschnitt um 1,3 bis 1,8 Prozentpunkte.

Massenpleiten und Insolvenzen

Angesichts bereits hoher Schulden, niedriger Inflation und geringem Wirtschaftswachstum schlagen höhere Zinsen voll durch – schließlich sind Zinsausgaben nach den Sozial- und Militärausgaben der größte Haushaltsposten von Regierungen. Unter den betrachteten Staaten wäre es allein Deutschland, das trotz höherer Zinsen auf Dauer solvent bleiben könnte. Bei den privaten Haushalten wären es lediglich jene in Deutschland, Spanien und der Euro-Zone als Ganzes, die höhere Zinsen verkraften könnten. Und bei den Unternehmen blieben nur die spanischen und die italienischen in der Summe dauerhaft zahlungsfähig.

Massenpleiten und Insolvenzen im Zuge höherer Zinsen würden letztlich auch den Gläubigern und Sparern nicht gut bekommen. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn haben jedoch kürzlich argumentiert, diese Pleiten könnten die Markt bereinigen – nicht überlebensfähige Banken und Unternehmen gingen unter, was die Wirtschaft letztlich stärke. Zudem zwängen höhere Zinsen hoch verschuldete Euro-Staaten dazu, sich endlich zu reformieren.

Das jedoch wäre – vorsichtig gesagt – ein riskantes Experiment. Denn höhere Zinsen würden das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum weiter deutlich belasten. „Stößt man die gesamte Euro-Zone zurück in eine Rezession und Frankreich in eine Deflationsspirale, dann wäre schon sehr die Frage, ob daraus wachstumsfreundliche Reformen entstehen oder doch nicht eine ganz andere Form der Revolution“, mahnt Holger Schmieding, Ökonom der Berenberg Bank mit Blick auf die Anti-Euro-Bewegungen in Europa.

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