Lade Inhalte...

EZB Der Euro-Retter

Es gibt kaum einen besseren Kenner der Währungsunion als Klaus Regling. Der Chef des Europäischen Rettungsfonds ist ein heißer Anwärter auf den Posten des Präsidenten der EZB. Das Schicksal des Euro hängt ohnehin schon an seiner Überzeugungskraft.

Klaus Regling könnte Nachfolger des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet werden. Foto: dpa

Der Taxifahrer am Gare du Luxembourg schüttelt den Kopf. „European Financial Stability Facility? Noch nie gehört.“ Aber die Straße, die Avenue John F. Kennedy draußen am Kirchberg, wo außer den Banken auch die EFSF residiert, die kennt er. Und los geht es zu Klaus Regling, dem Chef des Europäischen Rettungsfonds. Denn nichts anderes verbirgt sich hinter dem Wort-Ungetüm European Financial Stability Facility, kurz EFSF. Angesichts der 440 Milliarden Euro, die der Fonds von den Euro-Mitgliedsstaaten an Garantien besitzt, wird der Taxifahrer hellhörig: „440 Milliarden Euro? Muss ein großes Gebäude sein! Nur welches?“

Nachdem er zweimal die lange Avenue abgefahren ist und zusätzlich die Taxi-Zentrale um Rat gebeten hat, ist das Ziel erreicht: ein unscheinbarer Seiteneingang eines Büro-Komplexes.

Genauso unscheinbar geht es rauf in den zweiten Stock. Die Räumlichkeiten sehen eher nach Auszug als nach Neubeginn aus: An den Wänden erkennt man die Umrisse von abgehängten Bildern, die Leder-Möbel sind gebraucht. Euro-Retter Klaus Regling hatte in den ersten Monaten seit Gründung des Fonds im Juni Wichtigeres zu tun, als sich ein repräsentatives Büro einzurichten. Deshalb bat er den Vormieter, einfach alles stehen zu lassen.

Nach diesem ersten Eindruck überrascht es nicht, den 60-jährigen Spitzenbeamten und Finanzexperten Regling in der Küche anzutreffen, ohne Jackett, aber mit Krawatte, am Kaffeeautomaten. Hat er keine Sekretärin? Doch, zwei. Natürlich.

Low-key nennen die Briten einen solch unprätentiösen Auftritt. Dabei hätte Regling allen Grund, etwas dicker aufzutragen. Denn zum einen bekleidete der Volkswirt in den vergangenen 35 Jahren hochrangige Positionen beim Internationalen Währungsfonds, im Finanzministerium, kurze Zeit gar bei einem Hedgefonds und später in der EU-Kommission. Zum anderen gibt es kaum einen besseren Kenner der Währungsunion, der sie gleichzeitig so stark geformt hat. Deshalb hat der Mann, der einst als Generaldirektor der EU-Kommission die blauen Briefe an die Regierung Schröder verschickte, viel klarer als andere Verantwortliche in Deutschland die Euro-Krise erkannt – und sehr früh verantwortungsvolle Lösungen vorgeschlagen.

Und schließlich hängt das Schicksal des Euro an Reglings Überzeugungskraft. Knapp 200 der wichtigsten Anleger hat er in den vergangenen zehn Wochen getroffen. Sie wollen von ihm nicht nur wissen, warum sie die Anleihen des EFSF kaufen sollen, mittels derer erstmals im Januar Geld an Irland fließen soll. Die Geldverwalter wollen vor allem wissen, wie sicher der Euro noch ist. Als langfristige Investoren haben sie keine Lust, das Geld einem Währungsraum anzuvertrauen, der dem Untergang geweiht ist.

Mit ihren Fragen und Sorgen sind sie bei Regling richtig. In der politischen Top-Etage Deutschlands gibt es keinen größeren Euro-Fan. „Was wäre nach der Attacke auf das World Trade Center, was nach der Lehman-Pleite wohl los gewesen, hätten wir den Euro nicht gehabt?“, fragt er rhetorisch. Die Turbulenzen an den innereuropäischen Währungsmärkten hätten dem Wachstum der Realwirtschaft geschadet, die Unsicherheit erhöht. Gerade die exportabhängigen Deutschen seien mit dem Euro gut gefahren, ist sich Regling sicher. Und deshalb gibt es auch allen Grund zum Kämpfen, für den Euro.

Und da Deutschland nun mal der Garantiegeber letzter Instanz ist, wenn es um den Zusammenhalt der Währungsunion geht, gibt es für den Rettungsfonds international kein besseres Aushängeschild als den Deutschen, der als Vater des Stabilitätspaktes gilt seit er unter Finanzminister Theo Waigel Mitte (CSU) der 90er Jahre die Paragrafen formulierte, die Euroland koordinieren sollten.

Die Ironie der Geschichte ist, dass sein Stabilitätspakt versagt hat. Er sollte genau das verhindern, weshalb nun der Rettungsfonds gebraucht wird: dass deutsche oder spanische Steuerzahler den irischen aus der Patsche helfen müssen. Regling löffelt nun die Suppe aus, die die Deutschen mit ihrer Konstruktion der Währungsunion dem Rest Eurolands eingebrockt haben. Sie haben mit der D-Mark als Pfand alle Versuche der Franzosen ins Leere laufen lassen, neben die Europäische Zentralbank eine Art Wirtschaftsregierung zu setzen. Damals.

Doch Regling ist ehrlich und lernfähig. „Es war ein Fehler, dass wir vor allem auf die Staatsfinanzen geschaut haben“, gibt er heute zu. Die EU-Kommission hätte ein breiteres Spektrum makroökonomischer Variablen überwachen müssen – und damit neben der staatlichen auch die private Verschuldung. Damit ist er nicht mehr weit von der französischen Idee einer Wirtschaftsregierung entfernt. Als Pragmatiker steht er im jüngsten Euro-Streit eher auf der Seite des Luxemburger Premiers Jean-Claude Juncker als auf Seiten der Regierung in Berlin. Eine Euro-Anleihe müsse zumindest geprüft werden, meint Regling.

Dieser ideologiefreie Einsatz für den Euro macht den schmächtigen Spitzenbeamten in immer mehr Hauptstädten populär. So ist es kein Wunder, dass die Franzosen schon ganz vernehmbar „Klaus Regling“ flüstern, wenn es um die Nachfolge für den Posten des EZB-Präsidenten geht, auf dem noch bis Ende Oktober Jean-Claude Trichet sitzt. Kaum jemand bestreitet, dass die Deutschen an der Reihe sind. Doch der inoffizielle Kandidat der Regierung, Bundesbank-Präsident Axel Weber, ist höchst umstritten.

Gut möglich also, dass der Name Regling in einem Jahr nicht nur Wirtschaftsexperten und Euro-Investoren ein Begriff ist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen