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Eurovegas - ein Las Vegas in Europa Kasino oder Kapitalismus

Der US-amerikanische Spielbankbetreiber Sheldon Adelson will vor den Toren Madrids seinen Traum vom „Eurovegas“ verwirklichen. Spaniens Politiker rollen ihm den roten Teppich aus: Sie ändern die Gesetze und senken Steuern.

Auf dieser Fläche soll das Glücksspielwunderland entstehen –- und abertausende Arbeitsplätze bieten. Jesús Bartolomé von der Bürgerinitiative „Eurovegas No“ hofft immer noch, dass es nicht soweit kommt. Foto: Martin Dahms

Mit einem Mal liegt die Stadt hinter uns und die grüne Natur vor uns. Eine Grenze wie mit dem Lineal gezogen. Der Verkehrslärm verstummt, stattdessen hört man Vögel zwitschern. In der Ferne erheben sich die Gipfel der Sierra de Gredos, davor fast nichts als grüne Wiese, vereinzelte Bäume und ein einsamer Feldweg. „Landschaftlich ist das vielleicht nicht besonders eindrucksvoll“, sagt Jesús Bartolomé, der sich auf einen kleinen Hügel gestellt hat, um das Gelände zu überblicken. „Aber am Wochenende kommen Radfahrer und Spaziergänger. Eine Stadt wie Alcorcón braucht auch Erholungszonen.“ Diese hier wird es wohl nicht mehr lange geben. An ihrer Stelle sollen bald Hotels und Spielkasinos in die Höhe wachsen: Eurovegas, ein Las Vegas in Europa.

Jesús Bartolomé will sich die glitzernden Wolkenkratzer auf der grünen Wiese am Rande Alcorcóns, einer 170 000-Einwohner-Stadt im Südwesten Madrids, noch nicht einmal vorstellen. Er lacht darüber wie über eine ziemlich absurde Idee. „Hinter dem Projekt stecken doch eher spekulative Interessen. Kann sein, dass sie mit den Bauarbeiten anfangen. Aber ich glaube nicht, dass sie besonders weit kommen werden.“ Der Wunsch mag der Vater seiner Skepsis sein. Bartolomé, ein 33-jähriger Geschichts- und Erdkundelehrer, ist Sprecher der Bürgerinitiative „Eurovegas No“ in Alcorcón. Er und seine Mitstreiter können dem geplanten Kasinokomplex in ihrer Heimatstadt beim besten Willen nichts Gutes abgewinnen.

Doch das Sagen haben Andere. Und die wollen Eurovegas. Um fast jeden Preis. Eurovegas treibt die Spanier schon fast zwei Jahre lang um. Im November 2011 gaben die spanische und die Madrider Regionalregierung der Öffentlichkeit preis, dass sie seit einiger Zeit in Verhandlungen mit dem US-amerikanischen Kasinobetreiber Las Vegas Sands stünden. Der hatte den Spaniern ein verlockendes Angebot gemacht: Man wolle, nach guten Geschäften in den USA, Macao und Singapur, nun nach Europa expandieren. Genauer: nach Spanien. Den Politikern gefiel die Idee. Glücksspiel ist in Spanien nicht verboten, und in Zeiten der Krise sind alle Investoren hoch willkommen. Las Vegas Sands ist allerdings nicht irgendein Investor. Sondern einer, der es sich erlaubt, Bedingungen zu stellen.

Eine ganze Stadt der Spiele

Doch zunächst einmal legten die US-Amerikaner einen gewaltigen Köder aus: Sie planten nicht einfach ein neues Kasino, sondern eine ganze Stadt der Spiele. Eben ein europäisches Las Vegas. Sechs Kasinos mit mehr als 1000 Spieltischen und 18 000 Geldspielautomaten, zwölf Hotels mit 36 000 Betten, drei Golfplätze, sieben Theater, zehn Konzertsäle mit bis zu 15 000 Sitzplätzen, ungezählte Restaurants, Bars und Cafeterien für 50 000 Gäste. Zahlen, die einem den Schluckauf nehmen, wie man in Spanien sagt. Geschätzte Investitionssumme: 17 Milliarden Euro. Der neue Berliner Flughafen sieht mit seinen erwarteten Kosten von 5 Milliarden Euro klein dagegen aus.

Was den spanischen Politikern aber Tränen des Glücks in die Augen trieb, waren die erwarteten Arbeitsplätze. Die Arbeitsplätze! An die sechs Millionen Spanier suchen zurzeit einen Job, und nun wollte endlich einer kommen und Arbeit bringen. Wie viel? Las Vegas Sands ließ die Boston Consulting Group eine Studie erstellen, deren Ergebnisse nur für den Hausgebrauch gedacht waren, aber dann doch unter die Leute gebracht wurden: Eurovegas werde 164 000 Arbeitsplätze schaffen und für noch einmal 97 000 indirekt Beschäftigte sorgen. Jeder dritte Arbeitslose in der Region Madrid käme in Lohn und Brot.

Dem Charme solcher Versprechen ist kaum zu widerstehen. So wenig, dass auch Katalonien im Nordosten Spaniens um die Gunst der Männer aus Las Vegas zu werben begann. Vergeblich. Im Februar dieses Jahres legte sich das US-Unternehmen fest: Alcorcón, 20 Autominuten von der Madrider Innenstadt entfernt, sei der Standort der Wahl. Madrids Regionalpräsident, Ignacio González, platzte fast vor Freude: Alcorcón werde sich zum „größten Kongresszentrum Südeuropas, Nordafrikas und des Nahen Ostens und außerdem zu einer kulturellen Referenz ganz Europas“ entwickeln, verkündete der konservative Politiker. Für Bescheidenheit war an diesem Tag kein Platz.

So viel Begeisterung kann der Madrider Wirtschaftswissenschaftler Carlos Sánchez Mato nicht teilen. „Das grundsätzliche Problem von Eurovegas ist, dass es kein liberales, sondern ein interventionistisches Projekt ist.“ Will sagen: Ohne die tatkräftige Unterstützung des spanischen Staates würde Sheldon Adelson, der schwerreiche Hauptanteilseigner von Las Vegas Sands, nicht daran denken, in Spanien zu investieren. Wie liefe das normalerweise in einer Marktwirtschaft? „Ein Investor kommt, legt Geld hin, baut Hotels und geht ein Risiko ein“, erklärt Sánchez Mato. „Er fordert keine Gesetzesänderungen, und er gewinnt oder verliert. Das ist der Kapitalismus. Aber so ist in diesem Falle nicht.“

Maßgeschneiderte Gesetze

In diesem Falle lassen sich Adelson und Las Vegas Sands die Gesetze von Spanien für ihre Bedürfnisse maßschneidern. Wobei der Wettstreit um Eurovegas zwischen Katalonien und Madrid den Kasinobetreibern gerade recht kam. „Ähnlich wie bei einer Versteigerung“, sagt Sánchez Mato, konnten sie zuschauen, welche der beiden Regionen ihnen am Ende die besseren Bedingungen bieten würde. Madrid erwies sich als besonders willfährig. Dessen Regionalparlament verabschiedete kurz vor dem vergangenen Jahreswechsel ein „Gesetz über fiskalische und administrative Maßnahmen“, das Eurovegas, ohne es beim Namen zu nennen, den roten Teppich ausrollt. Sechs Wochen später gab Las Vegas Sands seine Entscheidung für Alcorcón bekannt.

Eine der Gesetzesänderungen zugunsten von Eurovegas war die Senkung der Steuer auf Geldspielumsätze in Madrider Kasinos: von 45 auf 10 Prozent. Es war nicht das einzige Steuergeschenk für Sheldon Adelson. Ebenfalls seit Ende Dezember letzten Jahres erlaubt es der spanische Staat den Gemeinden, ihre Grunderwerbsteuer-, Gewerbesteuer- und Grundsteuersätze für „Aktivitäten von besonderem Interesse“ um bis zu 95 Prozent gegenüber dem Normalsatz zu reduzieren. Alcorcón will von dieser Möglichkeit zugunsten von Eurovegas Gebrauch machen.

Schließlich ist Madrid auch noch bereit, Las Vegas Sands im Fall der Fälle die Mühen des Grunderwerbs abzunehmen. Die 10 Quadratkilometer Natur im Norden Alcorcóns sind ein appetitliches Stück Land: eine der wenigen zusammenhängenden Freiflächen im Süden Madrids, von allen Seiten gut über Autobahnen erreichbar, ohne unter besonderem Schutz zu stehen. Es gab hier schon Pläne für ein Villenviertel, für ein Trainingszentrum des Fußballclubs Atlético de Madrid, für ein Industriegebiet oder für Wohnblockbebauung, berichtet Jesús Bartolomé von „Eurovegas No“. All diese Projekte seien „aus wirtschaftlichen Gründen gescheitert.“

Grund und Boden wird notfalls enteignet

Eurovegas soll auf keinen Fall scheitern, und deshalb hält die Madrider Regionalregierung noch ein Bonbon für Sheldon Adelson parat. In ihrem „Gesetz über fiskalische und administrative Maßnahmen“ hat sie sich die neue juristische Figur des „Integrierten Entwicklungszentrums“ ausgedacht, wiederum maßgeschneidert für Las Vegas Sands: Wer ein Projekt vorweisen kann, das einen „relevanten, effektiven und dauerhaften Anstoß für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung“ der Region gebe, wird dafür mit allen denkbaren administrativen Erleichterungen belohnt. Die Erleichterungen gehen so weit, dass der Staat, im Namen des Privatinvestors, den nötigen Grund und Boden enteignen kann. Las Vegas Sands verhandelt gerade mit den Grundbesitzern in Alcorcón, zum größten Teil Immobilienfirmen, über einen angemessenen Preis für die 750 Hektar Land – drei Viertel der vorhandenen Fläche –, dies es für die Entwicklung Eurovegas‘ vorrätig halten möchte. Doch die potenziellen Verkäufer wissen: Sollten sie sich nicht mit dem Kasinobetreiber einigen, droht ihnen die Enteignung.

Viel weiter konnte die spanische Politik Las Vegas Sands nicht entgegenkommen. So empfindet es offenbar auch das Unternehmen von Sheldon Adelson. Ende Juli, nach fast zwei Jahren diskreter Verhandlungen, hat es der Madrider Regionalregierung nun eine detaillierte Beschreibung seines Projektes Eurovegas überreicht, unter dem Titel: „Ein machbarer Traum“.

Den US-Amerikanern ist es offenbar ernst, was einige Oppositionspolitiker in Madrid schon zu bezweifeln begannen. Das einzige übrig gebliebene Hindernis scheint zurzeit noch die spanische Anti-Tabak-Gesetze zu sein: Adelson hat klar gemacht, dass es kein Eurovegas geben wird, wenn in seinen Kasinos nicht geraucht werden darf. Der 80-jährige Milliardär hat von den Spaniern schon so viele Zugeständnisse erhalten, dass es daran wohl auch nicht mehr scheitern wird. Ministerpräsident Mariano Rajoy soll ihm die Gesetzesänderung jedenfalls bereits mündlich zugesagt haben.

Jesús Bartolomé kann es noch nicht fassen: so viel Fügsamkeit, nur damit Spanien sein eigenes Las Vegas bekommt. „Glücksspiel ist doch kein Grundbedürfnis“, sagt er kopfschüttelnd. „Es bewegt Geld. Aber es schafft keinen neuen Wohlstand.“ Sheldon Adelson dürfte das anders sehen.

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