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Europäische Zentralbank Die Bank der Reichen

Im Kampf gegen Krise und Konjunkturflaute feuern die großen Zentralbanken der Welt aus allen Rohren. Die expansive Geldpolitik begünstigt vor allem Wohlhabende. Selbst Fed-Chefin Yellen sorgt sich wegen der Umverteilung.

Draghi, President of the European Central Bank (ECB) waits for the start of the European Banking Congress in the Old Opera house in Frankfurt
Ganz locker in der Geldpolitik: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank. Foto: REUTERS

Früher galten Zentralbanken als unanfechtbare Autoritäten. Denn sie waren die Hüter des Geldwerts, die Wahrer der Stabilität. Doch durch die Finanzkrise hat ihr Ruf gelitten, vor allem der der Europäischen Zentralbank (EZB). Mit ihrer Politik schüre sie die Gefahr von Übertreibungen an den Finanzmärkten, heißt es, zudem seien ihre Maßnahmen ohne Nutzen für die Konjunktur. Nun wird ein dritter Vorwurf erhoben: Die Politik der Zentralbank helfe nur den Reichen. „Der Zusammenhang von Geldpolitik und Ungleichheit wurde bislang ignoriert“, gibt auch EZB-Banker Yves Mersch zu. „Das könnte sich ändern.“

Im Kampf gegen Krise und Konjunkturflaute feuern die großen Zentralbanken der Welt aus allen Rohren. Über Zinssenkung, Kreditvergabe und Ankäufe von Wertpapieren haben sie riesige Summen in die Welt gepumpt. So ist die Bilanzsumme der Notenbanken der USA, Japans, der Schweiz, Großbritanniens und der Euro-Zone zusammen seit Krisenbeginn um rund 7000 Milliarden Dollar gestiegen.

Die EZB wird noch eins drauflegen. Denn die Inflationsrate in der Euro-Zone liegt weit unter dem Ziel der Zentralbank von knapp unter zwei Prozent. Um Kreditvergabe, Konjunktur und Inflation anzutreiben, will die Euro-Zentralbank in den nächsten Monaten Wertpapiere über Milliarden Euro kaufen und damit Geld in die Märkte leiten. „Wir werden tun, was wir tun müssen, um die Inflation und die Inflationserwartungen so schnell wie möglich zu erhöhen“, kündigte EZB-Präsident Mario Draghi Ende November an. Schon auf ihrer heutigen Sitzung könnte die Zentralbank weitere Maßnahmen ankündigen.

Der Effekt der EZB-Politik auf die Realwirtschaft ist bislang enttäuschend. Die Konjunktur bleibt flau. Ganz anders an den Finanzmärkten: Dort hat das billige Geld zu einem Boom geführt. Dank offensiver Zentralbankpolitik haben die Börsenindizes in den USA, Japan und der Euro-Zone in den vergangenen drei Jahren um 50 bis 100 Prozent zugelegt. In Europa gebe es eine „Draghisierung der Märkte“, kommentiert Holger Fahrinkrug von der Vermögensverwaltung Meriten.

Und das hat Auswirkung auf Verteilung und Ungleichheit. „Da die Geschäftsbanken die zusätzliche Zentralbankliquidität überwiegend in die Finanzmärkte leiten, kommt es zu Umverteilungseffekten zugunsten privilegierter Einkommensschichten“, schreibt Gunther Schnabl von der Uni Jena in der Zeitschrift „Wirtschaftsdienst“.

Im Klartext: Die Geldpolitik nutzt den Reichen. Denn erstens profitieren von dem Wertpapierboom nur jene, die Vermögen haben. Und diese Vermögen sind sehr ungleich verteilt. Laut Bundesbank gehört den reichsten zehn Prozent der Deutschen fast 60 Prozent des gesamten Netto-Vermögens. Und nur etwa zehn Prozent der Deutschen besitzen überhaupt Aktien. Insofern verschärft die Zentralbankpolitik eine Ungleichheit, die bereits besteht.

Zweitens: Die niedrigen Zinsen machen sichere Sparanlagen unrentabel. Mit kurzfristigeren Anlagen verlieren Sparer abzüglich Inflation sogar Geld. Dies sind jedoch genau jene Investments, „die oft von der risikoscheuen Mittelschicht gehalten werden“, erklärt Schnabl.

Reiche hingegen treffen die Mini-Zinsen nicht so sehr. Denn sie können auf lukrativere, riskantere Anlagen ausweichen. „Nur wer ein größeres Vermögen hat und daher höhere Risiken eingehen kann, kann höhere Renditen erzielen“, sagt Gustav Holtkemper, Chef der Vermögensverwaltung bei der Commerzbank. „Die soziale Kluft wächst dadurch.“

Diese Kluft besorgt inzwischen auch Janet Yellen, Chefin der US-Zentralbank. „Wir müssen uns fragen, ob dieser Trend noch mit den Werten übereinstimmt, auf denen die Geschichte unserer Nation beruht.“ Allerdings weist die US-Zentralbank auch auf gegenläufige Verteilungs-Effekte ihrer Geldpolitik hin. So entlasten sinkende Zinsen die Schuldner und belasten die Gläubiger, was die Ungleichheit mindert. Zudem stützt das billige Geld die Konjunktur und den heimischen Arbeitsmarkt, wovon gerade die unteren Einkommensschichten profitierten. Und wenn durch die Entwicklung auch die Hauspreise steigen, nützt dies auch der Mittelschicht.

Insgesamt, so resümiert EZB-Direktor Mersch, „scheint unkonventionelle Geldpolitik die Ungleichheit zu erhöhen, auch wenn das schwierig zu quantifizieren ist“. Aufgabe einer Zentralbank sei allerdings die Sicherung der Preisstabilität. „Die Nebeneffekte auf die Vermögensverteilung müssen daher toleriert werden“, sagte er kürzlich in Zürich und schickte die Warnung hinterher. „Allerdings sollten sie keinesfalls zu lange anhalten.“

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