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EU-Fangquote Notfallplan für die letzten Fische

EU-Kommissarin Damanaki stellt in Brüssel ihre Reformpläne vor. Geringere Fangmengen und kleinere Flotten sollen die Überfischung der europäischen Gewässer verhindern.

13.07.2011 17:42
Werner Balsen
Der Hunger der Möwen schadet dem Fischbestand nicht. Foto: dapd

,Nur Fische: Die einzige Dekoration im Büro von Oliver Drewes sind Poster mit den Fischen aller europäischen Meere. „Am besten finde ich das hier“, sagt der Sprecher von Maria Damanaki und fingert ein weiteres Plakat aus der Schublade. Es bildet zunächst 27 Fischarten ab, die es „einst“ im Überfluss gab in den europäischen Küstengewässern. „Raten Sie mal, wie viele davon übriggeblieben sind“, heißt es auf dem zweiten Teil des Posters. Dort sind mit dem Hering, der Makrele und dem Seelachs nur noch drei Spezies genau abgebildet, alle anderen 24 nur noch in alarmroten Umrissen zu erkennen. „Bringt sie zurück!“

Genau das hat sich Fischereikommissarin Damanaki vorgenommen. Die 59-jährige Griechin will die Fischereipolitik der Union grundlegend verändern, die – so heißt es auch in offiziellen EU-Dokumenten – „versagt“ hat. Denn im Durchschnitt sind drei Viertel der europäischen Fischbestände überfischt. Im Atlantik und in der Nordsee sind es mehr als zwei Drittel, im Mittelmeer sogar 82 Prozent.

„Die haben keine Ahnung.“ Lorenz Marckwardt ist skeptisch. „Wenn man den Brüsseler Zahlen glaubt, gibt es fast schon keine Fische mehr im Meer“, sagt der Vorsitzende des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein und winkt ab. „Dem ist aber nicht so.“ Er steht am Kai von Heiligenhafen, vor dem Restaurant der Fischereigenossenschaft. Ihm wäre es „lieb, wenn das natürliche Schwanken der Bestände nicht ständig als Überfischung dargestellt“ würde.

Wahrscheinlich braucht Damanaki den Verbandsfunktionär Marckwardt nicht, um zu erkennen, wie dick das Brett ist, das zu bohren sie sich vorgenommen hat. EU-Fischereipolitik, das ging jahrelang so: Die Fachminister aus den 27 Mitgliedstaaten treffen sich einmal im Jahr und verhandeln über die Höchstfangmengen. Vor ihnen liegen Vorschläge von Wissenschaftlern für Fangquoten der einzelnen Arten. Die sind so berechnet, dass sie den Fischern auf lange Sicht einen höchstmöglichen Ertrag garantieren, im Augenblick freilich kann das den Fischern wehtun. Und jedes Jahr ignorieren die Minister, meist aus kurzfristigen politischen Erwägungen heraus, die Empfehlungen. Auch Fischer sind Wähler, vor allem in Südeuropa haben sie Gewicht. Im Mittel der vergangenen acht Jahre lagen die beschlossenen Quoten um 47 Prozent höher als von den Meeresbiologen gefordert.

Damit soll Schluss sein, wenn es nach Damanaki geht. Sie will die Fangmengen strikt an den wissenschaftlichen Empfehlungen orientieren und sie so bis 2015 auf ein Niveau bringen, das die Bestände nie in Gefahr bringt. Auf dieses Ziel haben sich alle EU-Staaten schon vor neun Jahren verpflichtet, „es dann aber leider vergessen“, merkt die Kommissarin mit leichter Bitterkeit an. Die Konsequenz ihres Vorschlags: Geringere Fangmengen und kleinere Flotten.

In Heiligenhafen profitieren Kapitäne wie Christian Gnewuch und John Much von dem, was die deutsche Ministerin Ilse Aigner (CSU) in Brüssel gegen den Rat der Forscher herausholt. Die beiden haben ihre Schiffe zusammengelegt, um die Quoten besser ausschöpfen zu können. „Vor 30 Jahren hatten wir in Heiligenhafen noch 40 Kutter, jetzt sind drei davon übrig geblieben“, sagt der 49-jährige Much, während sein 40-jähriger Kompagnon die „Glaube“ südöstlich von Fehmarn in die Mecklenburger Bucht steuert. Auch Much ist überzeugt: „Es ist genug Fisch da, wir könnten die Quote für die „Glaube“ (420 Tonnen Dorsch) verdoppeln.“ Die Erfahrungen der Fischer sollen in Zukunft stärker Gehör finden, so will es die Kommissarin. Ein Kernpunkt ihrer Reform, die sie heute in Brüssel vorstellt, heißt Regionalisierung: Sie will viele Details – Fangverbote, Maschenweite der Netze und zulässige Motorleistung der Kutter – regional festlegen lassen.

Als Abfall über Bord

Damit ist Much einverstanden. Überhaupt: Er begrüßt, dass es eine gemeinsame Fischereipolitik gibt. Die erlaubt ihm, auch in dänischen und schwedischen Gewässern seine Netze auszuwerfen und seine Ladung in dortigen Häfen zu löschen. „Aber“, sagt er und zieht sein Ölzeug über, um das Netz ins Wasser zu lassen, „was die beim Discard vorhaben, das halte ich für problematisch.“

Discard beschreibt den Rückwurf der Beifänge, einen der größten Skandale der aktuellen EU-Fischereipolitik. Mehr als sieben Millionen Tonnen ungewollt gefangene Fische werden weltweit jedes Jahr als Abfall über Bord der Fangschiffe geworfen. Das ist auch eine Folge der bestehenden Regeln: Jedes Fischerboot hat eine bestimmte Fangquote, deren Einhaltung streng überwacht wird. Haben Much und Gnewuch neben dem Dorsch, auf den sie in der Ostsee aus sind, noch zentnerweise Schollen im Netz, werden die auf ihre Quote angerechnet. Das heißt, sie dürfen weniger Dorsch anlanden, an dem sie aber mehr verdienen. Da ist die Versuchung groß, den ungewünschten Beifang über Bord zu entsorgen. Dieser Rückwurf von weniger wertvollen Arten soll künftig tabu sein.

„Bei einem Discardverbot muss ich alles vermarkten können“, sagt Much, während er beobachtet, wie das Netz ins Wasser gelassen wird. Da ist der Mann, dem tagtäglich auf See der Wind um die Nase weht, gar nicht weit weg von der Kommissarin in ihrem klimatisierten Büro im Brüsseler Berlaymontgebäude. Das schrittweise Verbot von Rückwürfen soll mit Strategien einhergehen, die den Absatz unpopulärer Fischarten fördern. Der Handel mit Quoten – ein weiterer Vorschlag – soll dazu dienen, den Rückwurf einzuschränken. Einige Staaten, wie Großbritannien, Dänemark oder die Niederlande, erlauben bereits, dass die Fischer die ihnen zugeteilten Fangmengen untereinander handeln. Damanaki will den nationalen Quotenhandel überall in der EU erlauben – nicht zuletzt auch um die Alterssicherung von Fischern zu stärken. Einschränken will sie dagegen die EU-Förderung für Fischer und auch Mitgliedstaaten, die sich nicht an die Regeln halten. Für sie sollen Subventionen tabu sein.

Auf der Glaube hält sich der Fang in Grenzen. Gnewuch hat die Menge schon nach Heiligenhafen gemeldet. Möglich, dass nachher ein Kontrolleur am Kai steht, um die Angaben zu prüfen. Much hat sein Ölzeug weggehängt. Während in der Ferne die Fehmarnsundbrücke in Sicht kommt, lehnt er sich an die Reling. „Was immer die beschließen“, sagt er und schiebt seine Sonnenbrille ins Haar, „wir wollen einfache und klare Regeln. Denn wenn es kompliziert wird, gibt viele Möglichkeiten zu tricksen.“ Er grinst und fügt hinzu: „Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“

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