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Ernährung Mit Steuern gegen das Übergewicht

Die Hälfte der Deutschen bringt zu viel auf die Waage - mit schweren Folgen für die Gesundheit. Ein Ökonom zeigt, wie sich das ändern ließe.

Zucker auf dem Teller
Besonders zucker- und fetthaltige Lebensmittel könnten mit einem allgemeinen Steuersatz von 19 Prozent belegt werden. Wird Zucker zugesetzt, könnten gar 29 Prozent fällig werden. Foto: imago

Es handelt sich um ein wahrhaft dickes Problem. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist nicht mehr der Mangel an Nahrung das weltweit größte Ernährungsrisiko, sondern Überernährung. Naturgemäß sind vor allem Wohlstandsgesellschaften davon betroffen. So ist die Hälfte der Deutschen übergewichtig, ein Viertel krankhaft fettleibig.

Sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft sind die Folgen gravierend: Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes, bestimmte Krebsarten, neurogenerative Krankheiten und die Überlastung des Bewegungsapparates treten deutlich häufiger auf und führen dazu, dass adipöse Personen im Schnitt rund zehn Jahre früher sterben als Normalgewichtige.

Mindestens drei Viertel der vorzeitigen Todesfälle in Deutschland sind laut DDG auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen. Allein die Folgekosten durch Diabetes mellitus vom Typ II, der fast ausschließlich auf ungesunde Lebensgewohnheiten zurückgeht, beziffert die DDG auf jährlich 35 Milliarden Euro. „Es muss etwas geschehen, da sind sich alle Experten einig“, sagt DDG-Experte Dietrich Garlichs.

Bleibt die Frage, was denn zu geschehen habe. Schließlich versuchen Gesundheitspolitiker seit Jahrzehnten, mit Informationen und Aufklärungskampagnen den Trend zu mehr Zucker, Fett und Salz zu stoppen. Allerdings geht die Wirkung dieser Maßnahmen gegen Null. „Der Ansatz gilt wissenschaftlich längst als gescheitert“, sagt Garlichs. Stattdessen nehmen Experten nun einen ebenso einfachen wie wirkungsvollen Hebel in den Blick, der zuträgliche Ernährungsgewohnheiten fördern könnte: den Preis. Eine Studie des Hamburger Gesundheitsökonomen Tobias Effertz zeigt, dass mit unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen für gesunde und weniger gesunde Lebensmittel die Adipositas-Zunahme nicht nur gestoppt werden könnte, der Anteil krankhaft fettleibiger Menschen in Deutschland würde sogar um rund ein Zehntel sinken.

Effertz hat auf Grundlage internationaler Beobachtungs-Studien zum Einfluss von Lebensmittelpreisen auf das Verbraucherverhalten mehrere Szenarien mit unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen durchgerechnet und ist zu überaus ermutigenden Ergebnissen gelangt.

29 Prozent Mehrwertsteuer auf Limonaden

Besonders effektiv erscheint ein Modell, bei dem frisches Obst und Gemüse vollständig von der Mehrwertsteuer befreit werden. Auf „normale“ Lebensmittel wie Nudeln, Brot, Fleisch, Milch und Fisch würde der bisher für Lebensmittel generell geltende Steuersatz von sieben Prozent erhoben. Mit dem allgemeinen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent würden besonders zucker- und fetthaltige Lebensmittel belegt, mit 29 Prozent alle Getränke, denen Zucker oder Zuckerersatzstoffe zugesetzt werden.

Dadurch würden gesunde Erzeugnisse billiger als heute, ungesunde teurer. Um die unterschiedlichen Steuerbelastungen und gesundheitlichen Risiken auf einen Blick erkennbar zu machen, plädiert der Wissenschaftler für eine Kennzeichnung mit den Ampelfarben Grün, Gelb und Rot, wobei besonders bedenkliche Produkte mit einem Rot PLUS markiert werden könnten.

Die Folgen wären laut Effertz bemerkenswert: Der Anteil adipöser Männer würde um bis zu 12,5 Prozent sinken, der Rückgang bei den Frauen wäre etwa halb so hoch. Im Schnitt würden stark übergewichtige Männer bis zu 3,25 Kilogramm verlieren, Frauen sogar bis zu fünf Kilo. Damit verknüpft wären reduzierte Folgekosten von sieben Milliarden Euro pro Jahr. „Solche Effekte können mit keinem anderen Präventionsinstrument erreicht werden“, betont Effertz.

Das sehen zahlreiche Fachgesellschaften genauso: Die Forderung nach einer abgestuften Mehrwertsteuer wird unter anderem von der Deutschen Adipositas Gesellschaft, der Deutschen Diabetes Stiftung, der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und der Uni Kiel unterstützt.

Dass steuerbedingte Preiserhöhungen das Konsumverhalten beeinflussen können, zeigen nicht nur Erfahrungen im Ausland, sondern etwa auch die massiven Steuererhöhungen auf Tabak und Alkopops in Deutschland. Nach Einführung einer Sonderabgabe 2004 brach der Absatz der Limo-Schnaps-Gemische schlagartig ein.

Aus medizinischer Sicht besonders effektiv wäre die gestaffelte Mehrwertsteuer auch deshalb, weil über den Verkaufspreis gerade jene Schichten erreicht würden, die sich Aufklärungskampagnen und Gesundheits-Appellen in der Regel entziehen: Menschen mit geringer Bildung und niedrigen Einkommen. Sie sind viermal so häufig von Diabetes Typ II betroffen wie Angehörige gehobener Schichten.

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