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Erdüberlastung Leben von der Substanz

Der Erdüberlastungstag ist erreicht: Seit heute sind die nachhaltig nutzbaren Ressourcen für dieses Jahr verbraucht. Umweltschützer prangern den Raubbau an der Natur an.

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin lassen es Umweltaktivisten zum Erdüberlastungstag knallen. Foto: dpa

Wenn die Menschen die natürlichen Ressourcen ihrer Erde für künftige Generationen bewahren wollen, dürften sie von diesem Dienstag an nicht mehr Auto fahren. Sie dürften bis Ende Dezember kein Warmwasser mehr verbrauchen, keine Fische mehr fangen und kein Fleisch mehr essen. Denn seit Montag ist die Belastungsgrenze der Erde erreicht, die nachhaltig nutzbaren Ressourcen für das laufende Jahr verbraucht, wie Umweltschützer ausgerechnet haben. Sie erklärten den 8. August zum sogenannten Erdüberlastungstag. Das Datum ermittelt die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Global Footprint Network jedes Jahr aufs Neue.

Dadurch zeigt sich, dass die ökologische Grenze des Planeten immer weiter überschritten wird. Im Jahr 2000 fiel der Erdüberlastungstag noch auf den 1. Oktober, im vergangenen Jahr auf den 13. August. „Das Limit ist überschritten“, sagte Celia Zoe Wicher von der Jugendorganisation des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). „Wir leben ab heute für den Rest des Jahres allein auf Kosten der Jungen und künftiger Generationen.“ Global betrachtet bräuchte die Menschheit mit ihrer derzeitigen Lebens-und Wirtschaftsweise rund 1,6 Erden, um den Bedarf an Ressourcen und Flächen nachhaltig zu decken.

Noch düsterer fällt die Bilanz für Deutschland aus. Weil die Bundesbürger wegen des hohen Wohlstands mehr konsumieren als die meisten Menschen etwa in Afrika oder Asien, überstrapaziert die Bundesrepublik die biologischen Grundlagen des Landes noch deutlicher. Wenn sich der deutsche Lebensstil überall durchsetzen würde, wären dafür 3,1 Planeten erforderlich. Bei einem weltweiten Konsum und Lebensstil wie in den USA wären sogar 4,8 Erden nötig – bei einem Leben wie in Indien dagegen nur 0,7.

Das Konzept haben zwei Forscher an der kanadischen University of British Columbia Anfang der 1990er Jahre entwickelt. Sie verglichen den Verbrauch an natürlichen Ressourcen mit der Fähigkeit der Erde, Ressourcen wieder aufzubauen und Abfälle und Emissionen aufzunehmen. Beispiel Kohlendioxid: Indem sie Öl, Gas, Holz und Kohle verbrennen, feuern die Deutschen, US-Amerikaner, Chinesen und Kongolesen den Treibhauseffekt an. Gleichzeitig aber binden die Wälder das klimaschädliche Gas, ebenso nehmen die Ozeane bestimmte Mengen auf. Aus der Differenz ergibt sich der ökologische Fußabdruck durch CO2, den größten einzelnen Verursacher der Umweltbelastungen. Beispiel Ackerland: Für die Herstellung von Lebensmitteln, Fasern wie Baumwolle, Tabak oder Kautschuk beanspruchen die Menschen riesige Flächen. Die Äcker sind aber nur im begrenzten Umfang in der Lage, sich zu regenerieren.

Die Methode zur genauen Ermittlung des Erdüberlastungstages ist fachlich umstritten. So kritisierte Greenpeace-Experte Jürgen Knirsch bereits vor geraumer Zeit die unklare Datengrundlage und fachliche Schwächen. Doch fraglich ist, ob es tatsächlich auf eine hundertprozentig exakte Berechnung ankommt. Denn Umweltverbänden dient der Erdüberlastungstag vor allem als Mittel, um die Überbeanspruchung der biologischen Kapazitäten des Planeten fassbar und greifbar zu machen. Entscheidend ist aus ihrer Sicht die Tendenz – und die ist eindeutig: Weil die Bevölkerung rund um den Globus weiter wächst und der Lebensstandard vor allem durch den rasanten Aufholprozess von Schwellenländern wie China zunimmt, schreitet der Raubbau an der Natur immer schneller voran.

Deutsche keine ökologischen Vorbilder

Daher nutzen mehrere Umweltverbände den Erdüberlastungstag, um in Berlin für ein anderes Wirtschaftsmodell zu protestieren. „Wir müssen endlich einen Weg finden, in den natürlichen Grenzen unseres Planeten zu leben und zu wirtschaften“, sagte Eberhard Brandes, Vorstand der Naturschutzorganisation WWF.

Unterstützung dafür signalisierte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Sie forderte von der Landwirtschaft und dem Verkehrssektor ein Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit. „Mit der Energiewende zeigen wir, dass eine Entwicklung möglich ist, die die Belastungsgrenzen unserer Erde respektiert“, betonte die Sozialdemokratin. Allerdings steht auch die Umweltpolitik der Bundesregierung bei den Ökoverbänden in der Kritik. Sie sehen bei der Energiewende und im Klimaschutz große Defizite.

Anders als die meisten Deutschen von sich selbst glauben, gehen sie international nicht als Vorbilder in Sachen Ökologie durch. Dies liegt auch an dem weit überdurchschnittlichen Lebensstandard, der einen hohen Ressourcenverbrauch mit sich bringt. „Wer mehr Geld hat, verbraucht meist mehr Energie und Ressourcen“, fasste kürzlich das Umweltbundesamt (Uba) eine selbst erstellte Studie zusammen. „Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen“, erklärte Uba-Präsidentin Maria Krautzberger. Gerade diese „Big Points“ beeinflussten die Ökobilanz am stärksten. „Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine gute Mülltrennung wiegen das nicht auf.“ Dagegen belasteten Menschen aus einfachen Verhältnissen, die ein eher geringes Umweltbewusstsein zeigten, die Natur weniger. Sie können sich zwar nicht den High-Tech-Herd mit den besten Energiewerten leisten. Dafür fliegen sie aber auch nicht mehrmals im Jahr in die Ferne oder zu den Verwandten in einer anderen deutschen Stadt. Noch stärker gilt dies für die vielen Armen in anderen Ländern und Kontinenten.