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Erdogan-Dynastie „Die Türkei steht vor einer gewaltigen Pleitewelle“

1. UpdateErdogan ist in Bedrängnis: Die Lira verliert immer weiter an Wert, Analysten warnen vor einem Komplettabsturz der türkischen Wirtschaft.

Türkei
Präsident Erdogan will der Inflation mit niedrigen Zinsen den Garaus machen. Foto: rtr

Mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist es ein bisschen wie mit US-Präsident Donald Trump. Alles hoffen, dass er dieses eine Mal rationale Entscheidungen trifft – und dann kommt es doch so, wie die Pessimisten fürchteten. Die Quittung der Märkte für die neue dynastische Regierung des mit quasi-diktatorischen Vollmachten ausgestatten Präsidenten erfolgte unmittelbar nach seinen ersten Ansagen zur Wirtschaftspolitik: ein jäher Absturz der türkischen Lira, die ein neues Rekordtief gegenüber dem Dollar erreichte. Nach kurzer Erholung setzte sich der Abwärtstrend wieder fort. Analysten warnen vor einem möglichen Komplettabsturz der türkischen Wirtschaft.

Vor den türkischen Wahlen am 24. Juni hatten die Akteure der internationalen Finanzmärkte Beteuerungen türkischer Spitzenökonomen ernst genommen, wonach die islamistische AKP-Regierung in Ankara nach dem Urnengang die Unabhängig

keit der Zentralbank stärken und zu orthodoxen Wirtschaftstheorien zurückkehren werde. Die Anleger setzten darauf, dass der marktfreundliche bisherige Vizepremier und Wirtschaftslenker Mehmet Simsek diese Position wieder einnehmen würde. Er hatte Ende Mai eine drohende Finanzkrise abgewendet, indem er Erdogan überzeugte, eine massive Leitzinserhöhung der Zentralbank zuzulassen und damit die Lira zu retten, die seit Jahresbeginn etwa 20 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar einbüßte.

Zum Entsetzen der Finanzwelt ernannte Erdogan vor zwei Wochen aber seinen 40-jährigen Schwiegersohn Berat Albayrak zum neuen Superfinanzminister und Chef der türkischen Wirtschaftspolitik. In der Sekunde der Nominierung sackte die Lira um mehrere Prozentpunkte ab. Noch tiefer ging die Talfahrt kurz darauf, nachdem sich Erdogan wieder öffentlich zu seiner unorthodoxen Wirtschaftstheorie bekannt hatte, wonach sinkende Zinsen die rasende Inflation mit 15,4 Prozent dämpfen könnten. „Ich glaube, wir werden in der nächsten Zeit die Zinssätze fallen sehen“, zitierte ihn die Hürriyet. In Wahrheit gelten hohe Zinsen als klassisches Instrument zur Inflationsbekämpfung.

Der Abwärtstrend stoppte nur zwei Punkte vor der psychologisch wichtigen Grenze von fünf Lira für einen US-Dollar. In letzter Sekunde hatte der neue Finanzminister Albayrak interveniert und über die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu „eine effektivere Zentralbank als je zuvor“ und eine „einstellige Inflationsrate“ versprochen. Die Anleger reagierten zwar erleichtert - aber nur kurzzeitig. Sie vertrauen Albayrak nicht. Sie glauben auch nicht, dass er sich gegen seinen Schwiegervater durchsetzen kann. Der Lirakurs sank gegenüber dem Dollar auf 4,80 Punkte und nähert sich damit erneut der 5-Lira-Marke.

Die Türkei benötigt Milliarden von Dollar an ausländischen Kapitalzuflüssen, um das riesige Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, das sich im Mai um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 5,89 Milliarden US-Dollar oder 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht hat. Angesichts der neuen, völlig auf Erdogan zentrierten Verwaltung dürfte es aber sehr schwer sein, solche Investitionen anzulocken. So dekretierte er kurz nach seinem Amtseid zum Beispiel, dass in Zukunft ausschließlich er selbst die Spitzenfunktionäre der Zentralbank ernennen werde. Und nur nach einem internationalen Aufschrei nahm der seinem Schwiegersohn unterstellte Kapitalmarktrat (SPK) vergangene Woche ein Dekret zurück, mit dem Insiderhandel an der Istanbuler Börse erlaubt wurde.

Ein furchteinflößendes Konzept

„Erdogans neue Dynastie macht die Türkei für Investoren unbrauchbar“, urteilte der Bloomberg-Kolumnist Marcus Asworth. „Für Anleger ist es vermutlich am besten, sich fernzuhalten.“ Erdogans Versprechen niedrigerer Zinsen, niedriger Inflationsraten und einer stärkeren Lira seien „Traumland-Ökonomie“. Noch schlimmer seien seine Ankündigungen, wonach auch Privatbanken „die Bürde zu schultern“ hätten. Unmittelbar danach hätten Anleger massiv türkische Bankaktien abgestoßen, denn damit habe Erdogan Furcht vor Kapitalkontrollen geschürt – „ein furchteinflößendes Konzept für ein Land mit einem so gewaltigen Leistungsbilanzdefizit, das so stark auf Auslandsinvestitionen angewiesen ist“.

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