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Erdöl Chávez macht sich stark

Dank der größten Ölreserven wächst der Einfluss von Venezuelas Präsident Hugo Chávez im Ölkartell der erdölexportierenden Länder. Venezuela zieht an Saudi-Arabien vorbei und hat damit das größte Erdöl-Reservoir der Welt.

23.07.2011 17:39
Frank Thomas Wenzel
Foto: REUTERS

Es ist ein zäher, braun-schwarzer und keineswegs wohlriechender Stoff. Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat damit aber einen riesigen politischen Erfolg gefeiert. Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) hat jetzt Vorkommen von extrem schwerem Öl in dem lateinamerikanischen Land zu den gesicherten Reserven gezählt. Venezuela ist damit quasi offiziell der Staat mit dem größten Reservoir am weltweit wichtigsten Rohstoff. Bislang stand Saudi-Arabien an der Spitze. Damit wächst der Einfluss von Chávez im Ölkartell.

Völlig offen ist indes, ob damit auch der Wohlstand des lateinamerikanischen Landes gemehrt werden kann. Denn mit den Reserven ist das so eine Sache. Erstens weiß niemand wirklich genau, wie groß die Vorräte sind. Hinter den von der Opec veröffentlichten Zahlen stecken komplexe Hochrechnungen.

Da gibt es allerlei Möglichkeiten, an den Zahlen zu drehen. Hinzu kommt, dass die Daten in der Regel von den Förderländern selbst erhoben werden, die ein Eigeninteresse an großen Reserven haben. In Venezuela hat es eine beinahe wundersame Vermehrung der Reserven gegeben, sie haben sich seit 2006 mehr als verdreifacht. Hinzu kommt, dass es große Unterschiede in der Güte des Öls gibt und dass die Kosten für die Förderung weit auseinandergehen. Deshalb wird in der Ölbranche in sichere, wahrscheinliche und mögliche Reserven unterschieden. Aber dafür gibt es keine einheitlichen Kriterien.

Was die Opec jetzt in Venezuela als „gesichert“ anerkannt hat, ist Erdöl im Gebiet des Orinoco-Flusses, das Experten auch als „teerartig“ beschreiben. Es soll Ölsand in Kanada ähnlich sein. Diese Vorkommen seien seit längerem bekannt, betont Steffen Bukold vom Forschungs- und Beratungsbüro Energy-Comment. Ihre Förderung ist aber extrem aufwendig, kann bis zu 100 Dollar je Fass (159 Liter) kosten. Ein Verfahren besteht darin, heißen Dampf ins Erdreich zu pumpen, um den zähen Stoff zu verflüssigen.

Der Aufwand könnte sich aber angesichts der aktuellen Preise und unter der Annahme steigender Notierungen rentieren. US-Leichtöl der Sorte WTI kratzte gestern an der Marke von 100 Dollar pro Fass. Die europäische Referenzsorte Brent kostete deutlich mehr als 117 Dollar.

Insbesondere US-Experten bezweifeln aber, dass Venezuela das Know-how hat, um den Orinoco-Teer auszubeuten. Chávez hat Multis wie Exxon-Mobil aus dem Land getrieben, weil sich der Staat die Mehrheit an Töchtern westlicher Ölfirmen gesichert hat. Seit dem Jahr 2000 ist die Förderung in dem Land um ein Viertel gesunken. Derzeit sind es noch 2,9 Millionen Fass pro Tag – zum Vergleich: Saudi-Arabien schafft 8,2 Millionen Fass.

Die US-Energiebehörde schätzt, dass Chávez jährlich drei Milliarden Dollar in seine Ölindustrie pumpen muss, allein um die Produktion aufrecht zu erhalten. Bukold gibt allerdings zu bedenken, dass es in Venezuela „ein halbes Dutzend“ neuer Projekte von russischen und chinesischen Unternehmen gebe, die sich insbesondere mit der Förderung des superschweren Öls am Orinoco beschäftigen würden.

Nach Ansicht Bukolds ist schon allein die Heraufsetzung der Reserven durch die Opec für das mittelamerikanische Land immens wichtig, weil es damit innerhalb der OPEC nicht nur politisch an Macht gewinnt, sondern auch mehr fördern darf. Denn es gilt das Prinzip: je größer die Reservoirs, desto höher die Förderquote. Zugleich wird damit innerhalb des Kartells die Fraktion der Hardliner gestärkt, die deutlich steigende Ölpreise wollen. Auf der anderen Seite steht vor allem Saudi-Arabien, das schon die aktuellen Preise für zu hoch hält und eine weitere Verteuerung zumindest bremsen will – damit das Ölzeitalter noch möglichst lange dauert.

Insider vermuten, dass jetzt der Wechsel an der Top-Position bei den Öl-Reserven nur unter Zustimmung der Saudis möglich war. Denen dürfte die Meldung über die neuen Kapazitäten in Venezuela und damit über ein größeres Angebot ganz recht sein. Denn dies könnte den Markt beruhigen sowie die Preise stabilisieren.

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