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Entwicklungshilfe Kampf gegen Armut und Elend

Vor 60 Jahren begründete Harry S. Truman in seiner Antrittsrede die Entwicklungshilfe. Der US-Präsident wollte die Ausbreitung des Kommunismus verhindern. Von Philipp Lepenies

20.01.2009 00:01
PHILIPP LEPENIES
Zuhörer bei Präsident Trumans Antrittsrede 1949. Foto: Getty

An einem kalten Januartag vor 60 Jahren hielt der amerikanische Präsident Harry S. Truman seine Antrittsrede vor dem Kapitol in Washington. Damals veränderte er nicht die Welt, wohl aber das Weltbild. Seine Rede gab das Startsignal für die internationale Entwicklungshilfe.

Truman sprach von der Armut und dem Elend, in dem über die Hälfte der Menschen auf der Welt lebte. Gleichzeitig betonte er, dass die Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte das notwendige Wissen besaß, um dieses Elend zu bekämpfen.

Er forderte die entwickelten Staaten und die Vereinten Nationen auf, diese Kenntnisse einzusetzen, um die Situation in den unterentwickelten Ländern zu verbessern. "Unterentwickelt" war dabei das entscheidende Stichwort.

Davor war das Wort "entwickeln" von der britischen Kolonialverwaltung verwendet worden. Entwicklung hieß zunächst die Nutzung von Bodenschätzen und anderen natürlichen Ressourcen. Blieben diese Ressourcen ungenutzt, galt ein Land als unterentwickelt.

Später bezeichnete der Begriff auch die in den Kolonien lebenden Menschen. Ihnen wollten die Kolonialherren die "Segnungen" ihrer eigenen Zivilisation zu Teil kommen lassen wollten.

In der Charta des Völkerbundes wurden die Staaten, denen die ehemaligen deutschen Kolonien übertragen wurden, verpflichtet, die dortigen Völker "zu entwickeln", ohne das Wort genau zu spezifizieren. Die Idee der Entwicklung war also 1949 nicht neu.

Neu war, dass US-Präsident Truman die Begriffe Unterentwicklung und Entwicklung außerhalb des kolonialen Kontextes benutzte. Die nachkoloniale Welt souveräner Staaten teilte er in zwei Gruppen ein: die Entwickelten auf der einen Seite, die Unterentwickelten auf der anderen.

Dieser Zweiteilung der Welt lag der Gedanke zu Grunde, dass den weniger entwickelten Staaten die Möglichkeit zugestanden wurde, sich genauso zu entwickeln wie die weiter fortgeschrittenen Länder. Und die Entwickelten sollten den Unterentwickelten aktiv dabei helfen.

Dass Truman die Entwicklungshilfe genau zu diesem Zeitpunkt propagierte, war kein Zufall. Die Sorge um das Wohlergehen anderer Staaten war nicht der entscheidende Anlass für den US-Präsidenten. Vielmehr war Entwicklungshilfe ein willkommenes Instrument, um die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Ganz im Sinne der Truman-Doktrin zur Eindämmung des sowjetisch-kommunistischen Machtbereichs, war Entwicklungshilfe eine heiße Waffe im Kalten Krieg.

Zwei Jahre zuvor hatte sich Großbritannien mit der Bitte an die Vereinigten Staaten gewandt, Griechenland und der Türkei zu Hilfe zu kommen. In Griechenland drohten in einem Bürgerkrieg die Kommunisten die Macht zu übernehmen, in der Türkei erhob die Sowjetunion Anspruch auf die Dardanellen.

Da Großbritannien so kurz nach dem Krieg nicht in der Lage war, in diesen Gebieten einzugreifen, ersuchte man die USA um Hilfe. Allerdings wollten auch die Amerikaner eine militärische Intervention vermeiden. Stattdessen schnürten sie ein wirtschaftliches Hilfspaket, das beide Länder in ihrem Wiederaufbau und Fortschritt unterstützen sollte.

Der Erfolg dieser Maßnahme sowie die positiven Erfahrungen, die mit dem Marschall-Plan in Westeuropa gemacht wurden, ließen in den USA die Idee reifen, in Zukunft möglichst viele lokale Konflikte in der Welt durch Wirtschaftshilfe einzudämmen.

Einflussreich für das Entstehen der Entwicklungshilfe zu genau jenem Zeitpunkt waren außerdem die noch junge keynesianische Wirtschaftstheorie sowie das neue Konstrukt des Bruttoinlandsprodukts, das sich im Laufe des Krieges als Planungsinstrument in der Rüstungsproduktion bewährt hatte.

Ökonomen glaubten, Strategien zu besitzen, um Entwicklung aktiv zu fördern. Entwicklungshilfe umfasste dabei gezielte Industrialisierungsprogramme. Die Entwicklungserfolge wurden anhand des Wirtschaftswachstums und des Pro-Kopf-Einkommens gemessen.

Kurz nach Trumans Rede veränderte sich die Weltbank in Washington. Von einer Institution, deren Aufgabe die Hilfe beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Staaten war, wandelte sie sich zu einer Welt-Entwicklungsorganisation.

Daneben entstanden in den Folgejahren eine Vielzahl weiterer internationaler und nationaler Organisationen, deren Ziel es war, Entwicklungshilfe zu leisten. Es bildeten sich die neuen Berufe des Entwicklungshelfers, des Entwicklungsexperten und des Beraters heraus, die es in dieser Form vorher nicht gegeben hatte.

Seit ihrer Unabhängigkeit sind die meisten Entwicklungsländer, besonders in Afrika, von diesen Experten und ihren wechselnden Entwicklungsstrategien abhängig. Die internationale Entwicklungsindustrie beschäftigt Abertausende Menschen auf der ganzen Welt. Milliarden an Euro werden jährlich vergeben.

Die Vorstellung davon, was "entwickelt" heißt, mag sich im Zeitverlauf differenziert haben. Wie zu Trumans Zeiten aber, gelten ein Wirtschaftswachstum und ein gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen als untrügliches Zeichen für Entwicklungsfortschritte. Entwicklungshilfe mag nicht mehr der Eindämmung des Kommunismus dienen. Ohne politische Hintergedanken wird sie dennoch nicht geleistet.

In seiner Rede zeichnete Präsident Truman ein Bild, das bis heute den Blick der Industriestaaten auf den Globus bestimmt. Vor mehr als einem halben Jahrhundert entschieden einige wenige Länder, nach welchen Kriterien ein Land als entwickelt oder als weniger entwickelt zu gelten hat.

Sie bestimmten, wem es zu helfen gilt und wer Helfer ist. Auch wenn nicht länger mehr von "unterentwickelten Ländern", sondern von Entwicklungs- und Partnerländern die Rede ist, gehen Industrienationen immer noch stillschweigend davon aus, dass Gesellschaften, die nicht ihren "entwickelten" Lebensstandard erreicht haben, so werden wollen wie sie.

Sie sind weiterhin überzeugt, dass die Entwicklungshilfe notwendig ist, um diese Transformation zu erreichen. Ob Trumans Rede geholfen hat, die Welt besser zu machen, ist eine andere Frage.

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