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Windenergie Erste Offshore-Windparks kommen ohne Zuschüsse aus

Windparks auf See werden deutlich günstiger und profitabler. Jetzt sollen erste Projekte ohne staatliche Zuschüsse entstehen - sie stoßen eine neue Debatte über die Förderung an.

25.04.2017 13:57
Windpark
Künftig ohne staatliche Hilfe: Windparks auf See. Foto: rtr

Noch immer ist wahlweise von Schock und Sensation die Rede – seit klar ist, dass Windparks auf See ohne staatliche Zuschüsse entstehen sollen. Die Maschinenbauer sehen eine Zeitenwende gekommen und fordern einen Umbau der deutschen Energiepolitik. „Aus der Stromwende muss eine Energiewende werden“, sagte Matthias Zelinger von der Branchenlobby VDMA am Montag auf der Hannover Messe.

Das wichtigste Werkzeug beim Umbau des Energiesystems ist bislang das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Sein Grundprinzip: Wer mit einer Anlage Strom erzeugt und diesen ins Netz einspeist, erhält für 20 Jahre eine garantierte Vergütung. Bei Offshore-Anlagen, die heute in Betrieb genommen werden, sind das im Schnitt gut 18 Cent pro Kilowattstunde. Die Bundesnetzagentur hat kürzlich eine Ausschreibung für Anlagen veranstaltet, die von 2025 an elektrische Energie liefern sollen.

Dabei kam heraus, dass für einen großen und drei kleinere Windparks die künftigen Betreiber, die baden-württembergische EnBW und die dänische Dong Energy, genau null Cent pro Kilowattstunde verlangen wollen. Bei einem weiteren kleineren Windpark bekam ebenfalls Dong den Zuschlag, und zwar für sechs Cent. Im Schnitt sind es 0,4 Cent. Das hat selbst Experten überrascht, die mit mindestens fünf Cent gerechnet hatten.

EEG-Vergütungen könnten abgeschafft werden

Seit dem Bekanntwerden des Ergebnisses der Ausschreibung wird heftig über neue Wege der Energiewende diskutiert. Der VDMA-Experte Zelinger betont, dass null Cent ein „bemerkenswertes Signal für den Offshore-Markt in Deutschland“ seien. Unter anderem in seinem Verband wird schon darüber diskutiert, wann die EEG-Vergütungen komplett abgeschafft werden können.  Denn null Cent bedeutet, dass EnBW und Dong auf die vom Staat garantierten Vergütung für ihren Strom verzichten und darauf bauen, dass sie die Energie lukrativ an der Strombörse vermarkten können. Erneuerbare Energie wird damit in den von Angebot und Nachfrage bestimmten Energiemarkt integriert. Damit würde das Langzeitziel der Energiewende erheblich früher erreicht, als selbst größte Optimisten gedacht hatten.

Wie das so schnell gehen soll? Bei Offshore vor allem mit erheblich größeren Windrädern als den derzeit üblichen. Die in Nord- und Ostsee bereits installierten Anlagen verfügen jeweils über eine Leistung bis zu fünf Megawatt. In diesem Jahr werden aber erstmals moderne Windmühlen im Meer installiert, die acht Megawatt bringen.

Doch die Planungen von Dong und EnBW gehen davon aus, Generatoren nebst Riesen-Rotoren auf hohe Stahltürme setzen, die eine Leistung von 13 bis 15 Megawatt erreichen. Die schiere Größe senkt die Kosten fürs Verankern auf dem Meeresboden und drückt überdies die Aufwendungen für die Instandhaltung. Das Dong-Management erinnert daran, dass die Anlagen bereits in den vergangenen vier Jahren um die Hälfte billiger geworden seien. Bis zur endgültigen Vergabe der Aufträge für die neuen Windparks im Jahr 2021 sei mit weiteren Fortschritten zu rechnen: „Wir haben die Kostensenkungen mit unseren Zulieferern in der Hand“, so ein Dong-Sprecher.

Gleichwohl gehen angesichts von null Cent viele Experten davon aus, dass die Rechnungen der Offshore-Betreiber nur bei deutlich höheren Notierungen als derzeit aufgehen. So spricht denn auch Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende von erheblichen Risiken. Das Preisniveau an der Börse kann im Laufe eines Tages stark schwanken – im Schnitt liegt es derzeit bei etwa drei Cent pro Kilowattstunde.

Die Experten der Berliner Energieberatungsfirma Energy Brainpool haben hochgerechnet, dass sich die Offshore-Anlagen rechnen, wenn mindestens fünf Cent pro Kilowattstunde erzielt werden. EnBW-Manager Dirk Güsewell sagte der Nachrichtenagentur dpa indes, dass sich die Strompreisannahmen auf einem „moderaten Niveau“ bewegen würden. Die Kalkulationen beruhten auf umfangreichen Marktanalysen.

Klar ist jedenfalls, dass die Börsenpreise nur steigen können, wenn Überkapazitäten bei den Erzeugungsanlagen verschwinden und wenn die Preise für CO2-Verschmutzungszertifikate deutlich steigen, um vor allem den Billigstrom der Kohlekraftwerke zu verteuern. Möglich wäre dies, wenn die Zahl der Zertifikate in der EU deutlich verringert würde. Genau für eine „umfassende Debatte über die Bepreisung der Treibhausgasemissionen“ macht sich auch der VDMA stark. In jedem Fall müsse aber die nächste Bundesregierung „Energie noch viel mehr als ein Gesamtsystem aus Umwandlung, Speicherung und Verbrauch über alle Energieträger hinweg sehen“, so Zelinger. Dahinter steckt der Gedanke, die Sektorenkopplung massiv auszubauen.

Konkret bedeutet dies etwa, Offshore-Windstrom, der bei einer starken Brise in rauen Mengen anfällt, nach dem Tauchsieder-Prinzip in Wärme zu verwandeln, die dann Wohnungen heizt oder von der Industrie genutzt wird. Auch lässt sich mit Strom synthetisches Gas erzeugen, das ins Gasnetz eingespeist werden kann. 

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