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Windenergie Der Hunsrück dreht am Rad

Im Hunsrück stehen außergewöhnlich viele Windkraftanlagen. Sie verbessern die Öko-Bilanz der Gemeinden und spülen viel Geld in die Kassen. Doch die Stimmung der Einwohner kippt.

17.06.2016 15:29
Bis zu 200 Meter hoch: Windräder im Hunsrück, hier bei Kirchberg. Foto: imago stock&people

Windkraft-Tourismus? So etwas gibt es im Hunsrück. „Wir hatten schon eine Menge Busse hier, aus Bayern, Baden-Württemberg, NRW“, erzählt Wolfgang Piroth. Der pensionierte Telekom-Mitarbeiter steht auf einer Brücke über die vierspurige B 50, auf der die Autos und Lastwagen an seinem Heimatort Argenthal in Richtung Billigflieger-Airport Hahn vorbeidonnern. Die Touristen, das waren Bürgermeister, Gemeinderäte und besorgte Bürger. Die Leute, sagt Piroth, seien nach der Besichtigung geschockt gewesen. Denn: „So schlimm haben die es sich nicht vorgestellt.“

Piroth weist mit der Hand nach Westen. Von der Brücke, über die sonst Bauern mit ihren Traktoren ins Feld fahren, hat man einen guten Blick in die hügelige, sanft ansteigende Landschaft und auf Orte, die Namen tragen wie Niederkumbd, Mutterschied, Liebshausen oder Braunshorn. Und auf schätzungsweise 150 Windräder, die zwischen ihnen stehen. „Ohne Plan und Ziel“, kritisiert Piroth, seien die bis zu 200 Meter hohen Anlagen dorthin gesetzt worden. Für den Vertreter der Bürgerinitiative „Windkraftfreier Soonwald“ ist das von Masten und Rotoren beherrschte Panorama das schlagenden Beispiel für seine zentrale These, die da lautet: „Die Energiewende ist völlig aus dem Ruder gelaufen.“

Der Pensionär, der einen Großteil seiner Zeit inzwischen in die BI-Arbeit steckt, zieht alle Register. Die Landschaft sei zerstört, es gebe keine freien Sichtachsen mehr, und die Menschen würden krank. „Ich bin ein glühender Verfechter der Energiewende“, sagt Piroth von sich selbst. Man müsse „raus aus der Verbrennung fossiler Energien.“ Nur: So, wie das hier gemacht wurde, sei es falsch. Der Hunsrück, das Mittelgebirge zwischen Rhein, Nahe und Mosel, dem der Filmemacher Edgar Reitz in seinem „Heimat“-Epos ein cineastisches Denkmal setzte, sei in den vergangenen zehn Jahren zum „Windkraft-Industriegebiet“ mutiert. Und am schlimmsten sei es im Rhein-Hunsrück-Kreis. Da, wo Piroth wohnt.

Die deutschen Windkraft-Eldorados – das sind die Länder im Norden, an der Nord- und Ostsee, wo es flach ist und der Wind häufig bläst. Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern. Auch Sachsen-Anhalt und Brandenburg produzieren viel Windstrom. Weiter südlich, ab den Mittelgebirgen, werden die Masten und Rotoren seltener. Bayern und Baden-Württemberg liegen hinten in der Statistik. Dem rheinland-pfälzischen Rhein-Hunsrück-Kreis mit seinen rund 100 000 Einwohnern kommt deswegen ein ganz besonderes Gewicht zu. Denn die Region ist quasi ein Laboratorium für eine Windkraft-gestützte Energiewende in den „Südländern“, die viele Experten für nötig halten, um dort die Abschaltung von vier Atommeilern bis 2020 und den sukzessiven Ausstieg aus der Kohleverstromung zu bewältigen. Man kann im Rhein-Hunsrück-Kreis besichtigen, was mit den Öko-Energien alles machbar ist. Aber eben auch, was man nicht machen sollte.

Die Hunsrück-Energie-Story

Kein Wunder also, Busse mit Energietouristen sind hier keine Seltenheit. Immer geht es dabei um die Windkraft, aber meist um viel mehr. Es ist der andere Teil der Hunsrück-Energie-Story. Oft fahren die Besucher zum Klimaschutz-Manager des Landkreises, Frank-Michael Uhle, der sein Büro in der Kreisverwaltung in Simmern hat, nur ein paar Kilometer von Piroths Anti-Windkraft-Demobrücke entfernt. „Sogar aus Japan waren schon welche hier“, sagt der gelernte Architekt stolz.

Die Leute wollen wissen, wie ein Energiesystem funktioniert, das inzwischen überwiegend auf erneuerbaren Energien basiert. Unter Fachleuten gilt der Rhein-Hunsrück-Kreis hierfür als Modell. Den europäischen Solarpreis hat er 2011 bekommen, und 2014 wurde er in der europaweiten Ausschreibung für die „Champions League für Erneuerbare Energien“ auf den zweiten Platz gewählt. Initiator der regionalen Energiewende war der langjährige Landrat des Kreises gewesen, Bertram Fleck (CDU). Der fand, zumal nach dem Abzug der im Hunsrück stationierten US-Streitkräfte, ein extrem strukturschwaches Gebiet vor. Flecks sah die Chance, dem Kreis mit den erneuerbaren Energien Zukunftschancen zu eröffnen.

Uhle kann Zahlen vorlegen, die beeindrucken. Der Treibhausgas-Ausstoß im Kreis ist stark zurückgegangen. 2015 wurden über 560 000 Tonnen weniger CO2 ausgestoßen als im Basisjahr 1990, das entspricht einer Minderung um 64 Prozent – mehr als doppelt so viel wie im Bundesschnitt. Und dafür ist nicht nur die hohe Windstrom-Produktion verantwortlich. Die gute Klimabilanz ruht auf weiteren Pfeilern. So fahren der Landkreis und seine Kommunen intensive Kampagnen zur Energieeinsparung in den Haushalten („Rhein-Hunsrück spart Strom“, „Wer hat den ältesten Kühlschrank?“). Der Austausch alter, stromfressender Elektro-Haushaltsgeräte und Heizungspumpen wurde dadurch zum Renner. Der Kreis hat den Energieverbrauch in den eigenen Gebäuden durch Wärmesanierung und Energiecontrolling um ein Viertel gesenkt. Zudem wurden Dutzende Projekte von der Null-Emissions-Schule bis hin zur Energiegenossenschaft angestoßen. Und bereits 13 Gemeinden haben Nahwäme-Netze gebaut, die mit Sonnenkollektoren und Biomasse aus der Region betrieben werden, weitere 19 sind in Planung oder angedacht.

Der Klimaschutzmanager glaubt, dass 80 bis 90 Prozent der Bürger im Kreis den eingeschlagenen Kurs grundsätzlich für richtig halten. „Die haben ein Bauchgefühl, dass es falsch ist, Geld fürs Öl nach Saudi-Arabien und für Erdgas nach Russland zu überweisen“, sagt Uhle. Er hat die Gesamt-Energiekosten errechnet, die im Kreis von der Hausheizung über den Stromverbrauch bis zum Auto- und Lkw-Sprit anfallen. Es sind rund 290 Millionen Euro pro Jahr, von denen immer noch ein stolzer Teil für den Import von Erdöl-Produkten und Erdgas ausgegeben wird. Uhle sagt: „Jedes Prozent Einsparung oder Ersatz fossiler Energie durch erneuerbare bedeutet, dass 2,9 Millionen Euro zusätzlich in die regionale Wertschöpfung fließen“. Der Erneuerbaren-Ausbau bringt Handwerk und Bauunternehmen viele Aufträge. Uhle schätzt, dass im Rhein-Hunsrück-Kreis in den vergangenen zehn Jahren rund 90 Arbeitsplätze im Sektor erneuerbare Energien gesichert und neu aufgebaut wurden.

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Ohne den Windrad-Boom allerdings, an dem sich die Emotionen nun entzündet haben, wäre vieles von dem Energie-Umbau nicht möglich gewesen. Die Rotoren bringen viel Geld in die ländliche Region – vor allem durch die Pacht, die die Anlagenbetreiber an die Kommunen oder Bauern dafür zahlen, dass sie die Anlagen auf deren Land aufstellen dürfen. Ein einziges Windrad bringt jährlich 30 000 bis 40 000 Euro in die Kassen. Insgesamt sind es im Kreis bei derzeit 250 Anlagen rund acht Millionen Euro jährlich. Viele der Gemeinden, die sonst kaum eigene Einnahmen generieren können, finanzieren daraus ihre normalen Ausgaben mit, etwa für die Schulen und die Altenbetreuung, den Bürgerbus oder die Dorferneuerung. Doch oft bleibt auch Geld übrig, um die Energiewende in großen Schritten weiter voran zu treiben.

Größte Baustelle

Wie zum Beispiel in Külz und Neuerkirch. Dort befindet sich derzeit die größte Baustelle des Rhein-Hunsrück-Energieplans. Genau in der Mitte zwischen den beiden Ortschaften entsteht die Heizzentrale für ein Nahwärmenetz, das künftig mit rund 150 Hausanschlüssen einen Großteil der Gebäude mit Energie für Heizung und Warmwasser beliefern wird. Dort werden dann die Öl- und Gas-Heizungen stillgelegt und demontiert. Die Rohre unter den Straßen und Gehwegen sind bereits komplett verlegt, die Häuser angeschlossen. Die Anlage startet im September. Geheizt wird im Sommer vornehmlich mit der Wärme aus dem 1400 Quadratmeter großen Solarkollektor-Feld, das neben der Zentrale aufgebaut wurde, ansonsten mit zwei großen Kesseln, die Holzhackschnitzel verbrennen. Das Holz dafür wird in den Wäldern der beiden Dörfer und in Plantagen mit schnellwachsenden Pappeln gewonnen. „Bei uns wird die regionale Energiewende gelebt“, sagt sichtlich stolz Aloys Scheider, der Külzer Altbürgermeister, der das von der Energieagentur Rheinland-Pfalz mit betreute Projekt maßgeblich vorangetrieben hat. „Wir brauchen kein Öl mehr fürs Heizen.“

Wärmenetz und Heizzentrale kosten stolze 4,4 Millionen Euro. Für den Anschluss ans Netz müssen die Hauseigentümer jedoch nichts zahlen. Die Kosten dafür – insgesamt 600 000 Euro, nämlich 4000 Euro pro Gebäude – übernehmen die beiden Gemeinden. Die Investitionen finanzieren sie aus dem Pachteinnahmen der elf Windräder, die auf dem Gemarkungen von Külz und Neuerkirch stehen. Der Neuerkircher Ortsbürgermeister Volker Wichter räumt ein: Er selbst hat ein zwiespältiges Verhältnis zu den Riesen-Anlagen, die in beiden Dörfern praktisch von überall zu sehen sind. Denn: Sie machten einerseits die Energiewende möglich. Aber: „Direkt schön sind sie nicht“, meint er. Manchmal machten die Rotoren auch ordentlich Lärm. „Im Winter kommt man sich bei Ostwind vor wie auf dem Flughafen Hahn“, sagt er. Aber das sei zu ertragen, meint er. Im Haus zumindest. Da seien die Fenster ja ohnehin geschlossen. Und: „Man gewöhnt sich dran.“

Ein anderer Lokalpolitiker, der die Windkraft trotz ihrer Nachteile als große Chance sieht, ist Marcus Kirchhoff, Bürgermeister der 650-Seelen-Gemeinde Mörsdorf. Der parteilose Politiker, der vor zehn Jahren aus NRW hierher aufs Land zog, um geruhsamer zu leben, sagt: Die Einnahmen stabilisieren die von Abwanderung bedrohten Regionen.“ Das Geld erlaube es, das Dorfleben wieder attraktiver zu machen – zum Beispiel durch Investitionen in den Tourismus. „Das bringt Jobs und hilft, den Wegzug zu bremsen.“

Mörsdorf hat die „Windfall-Profits“ besonders clever eingesetzt, das ist heute unübersehbar. Das Dorf kann nicht nur einen Gemeindearbeiter und die Nachmittagsbetreuung der Schulkinder daraus finanzieren. Die Geldeinnahmen waren auch die Voraussetzungen dafür, dass die Gemeinde EU-Zuschüsse für ein spektakuläres, eine Million Euro teures Tourismus-Projekt erhalten konnte: den Bau der „längsten Hängeseilbrücke Deutschlands“, die über eine Talschlucht in der Nähe des Ortes führt – genannt „Geierlay“. Diese Anlage samt Rundweg hat sich, seit sie im vorigen Oktober eröffnet wurde, bereits zum Besuchermagneten entwickelt, an schönen Tagen kommen pro Tag bis zu 2500 Touristen hierher. „Wir sind noch am Anfang mit dem Tourismus“, sagt Kirchhoff, bevor er die Besucher den spektakulären Eindrücken von der Brücke überlässt. Ein Besucherzentrum haben sie im Ort gebaut, ein Museumscafé ist eröffnet worden, und die Eisdiele floriert wieder. „Und das ist ausbaufähig“, sagt Kirchhoff. Mörsdorf ist im Aufwind. Es könnte ein Modell für andere Kommunen sein. Kirchhoff sagt: „Die Windkraft ist grundsätzlich notwendig.“

Nachteile der Energiereform

Allerdings: Auch der Mörsdorfer Bürgermeister ist keiner, der die Nachteile dieser Energieform beschönigen würde. Auch in einem Hunsrück-Ort stehen die Windrad-Masten teils nur 800 Meter von der Bebauung entfernt, entsprechend dem in Rheinland-Pfalz bis vor kurzem gültigen Mindestabstand. „Mich stört das schon“, sagt Kirchhoff. Er meint, 1500 Meter müssten es mindestens sein. Auch die von der neuen Landesregierung in Mainz, der Ampel-Koalition von SPD, FDP und Grünen, für neue Anlagen festgelegten 1000 bis 1100 Meter seien zu wenig. Zudem müssten die Windräder durch eine intelligente Raumplanung künftig besser in die Landschaft eingepasst werden, als dies im Rhein-Hunsrück-Kreis geschehen sei. „Die Windräder müssen stärker konzentriert werden“, meint Kirchhoff. Und andere Gebiete dafür freigehalten.

Damit legt der Bürgermeister der kleinen Gemeinde quasi den Finger in die Landschafts-Wunde. Tatsächlich stehen im Rhein-Hunsrück-Kreis heute bereits deutlich mehr Windräder, als selbst von der früheren rot-grünen Landesregierung geplant wurden. Statt der anvisierten maximal zwei Prozent der Fläche sind bereits 4,5 Prozent mit Windrädern belegt.

„Wir haben einen gewissen Wildwuchs“, räumt denn auch Michael Boos ein, der  Bürgermeister der Verbandsgemeinde Simmern, zu der 32 Dörfer im Umfeld der Kreisstadt gehören. Wie es dazu kam? Boos berichtet: Die Windkraft-Projektierer hätten den Gemeinden mit guten Windstandorten lukrative Pachtverträgen angeboten – „und die sind alle draufgesprungen“. Inzwischen sorgt zwar eine Ausgleichsregelung innerhalb der Verbandsgemeinde dafür, dass auch die elf Gemeinden ohne Windkraft-Anlagen etwas von großen Euro-Kuchen der anderen abbekommen. Eine „Solidarpakt“ wurde beschlossen. Doch die in der Öffentlichkeit lange vorherrschende Pro-Windkraft-Stimmung sei im Kreis inzwischen gekippt, beschreibt Boos.

Bereits Ende 2014 beschloss der Kreistag einstimmig, keine weiteren Windkraft-Flächen mehr auszuweisen. Zum Eklat kam es dann Mitte vergangenen Jahres, als die zuständige Planungsgemeinschaft Mittelrhein-Westerwald in Koblenz, die Flächen im Kreis doch noch einmal deutlich ausweiten wollte – auf rund 6,5 Prozent. Es wären noch einmal bis zu 150 Windräder hinzugekommen. Der damals gerade neu gewählte Landrat Marlon Bröhr, CDU-Mann wie sein Vorgänger, wehrte sich: „Es reicht.“ Und die Anti-Windkraft-BI von Wolfgang Piroth initiierte eine Postkarten-Aktion gegen die Ausbaupläne. Binnen weniger Wochen beteiligten sich über 10 000 Bürger daran. Der Plan wurde gestoppt. Und inzwischen mahnt auch ein Öko-Energie-Fan wie Boos: „Bei der Windkraft muss ein Deckel drauf, mehr ist unserer Bevölkerung nicht zuzumuten.“

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