Lade Inhalte...

Wärmedämmung Weit entfernt von klimaneutral

Im Gebäudebereich werden die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht erfüllt. Es gibt großen Nachholbedarf bei Gebäudesanierung. Experten fordern neue Konzepte.

01.03.2017 14:10
Energie
Eine Wärmedämmung muss fachgerecht angebracht werden. Foto: imago

In der Theorie ist alles bestens. Selbst Altbauten aus den Zeiten, als der Liter Heizöl zehn Pfennige kostete und Energiesparen ein Fremdwort war, können wahre Klimaschützer werden – wenn man sie fachgerecht energetisch saniert. Sogar bis zu 90 Prozent Energieeinsparung gegenüber dem bisherigen Durchschnitt der Gebäude sind drin. Das zeigt eine aktuelle Studie der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (Dena). Sanierte Gebäude, in denen mit Öl, Gas, Fernwärme oder Holz geheizt wird, verbrauchen demnach im Schnitt 60 Prozent weniger Endenergie. Bei Häusern, die mit strombetriebenen Wärmepumpen arbeiten, sind es sogar im Schnitt mehr als 80 Prozent. Das heißt: Wird die optimale Strategie gewählt, reichen 20 statt 150 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter, damit man es im Winter schön warm hat. Oder, umgerechnet auf Heizöl, nur zwei statt 15 Liter.

Nur leider: Die Theorie ist das eine, aber die Praxis entscheidet. Und da sieht es trübe aus. Im Gebäudebereich werden die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht erfüllt, wenn sich nicht bald etwas Durchgreifendes tut. So soll bis 2050 eigentlich ein „nahezu klimaneutraler Gebäudebestand“ erreicht werden. Doch: „Die erhofften CO2-Einsparungen drohen klar verfehlt zu werden“, sagt der Energieexperte Veit Bürger vom Öko-Institut in Freiburg, der verschiedene Entwicklungsperspektiven des Gebäudesektors untersucht hat.

„Positive Visionen gefragt“

Das Problem: Die Sanierungsrate ist viel zu gering. Zwei bis drei Prozent der Altbauten müssten pro Jahr modernisiert werden, tatsächlich geschieht das nur rund bei weniger als einem Prozent. Und dann oft halbherzig.

Seit Beginn der Klimadebatte vor 30 Jahren ist klar: Maßnahmen im Gebäudebereich sind von zentraler Bedeutung für die Energiewende. Heizung, Warmwasser und Kühlung schlucken rund ein Drittel der in Deutschland verbrauchten Energie, und dabei entstehen rund 40 Prozent der CO2-Fracht. Vor allem auf die Modernisierung der Altbauten kommt es an. Doch Jahr um Jahr vergeht, ohne dass die Sanierung durch Dämmung und Öko-Heizungen richtig Fahrt aufnimmt. Ernüchternde Erkenntnis aus einer Reihe von Studien im Rahmen des Programms des Bundesforschungsministeriums (BMBF) zur „Energiewende 2.0“: Anders als beim Elektrizitätssystem, wo der Atomausstieg und der Einstieg in erneuerbare Energien klare Ziele sind, fehlt beim Gebäudesektor ein solches breit akzeptiertes Leitbild. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Bürger denken nicht an dauerhafte Wertsteigerung, höheren Wohnkomfort und Klimaschutz, sondern an steigende Mieten, hässliche Fassaden und Öko-Gentrifizierung.

„Hier positive Visionen zu entwickeln, ist überfällig“, sagt Bürger. Doch das alleine reicht nicht, um die Sanierung zu beschleunigen. Laut den Studien braucht es flexiblere Konzepte für die Sanierung, eine bessere Förderpraxis und ein gezieltes kommunales Management der „Wärmewende“ – zugeschnitten auf die unterschiedlichen Gebäudetypen, Eigentümergruppen (private Hauseigentümer, Wohnungsbaugesellschaften, Mieter) und die regionale Wohnsituation.

Das bisherige Konzept stützt sich vor allem darauf, den Energieverbrauch der Häuser durch Dämmung von Außenwänden und Dach sowie neue Energiespar-Fenster drastisch abzusenken. Diese Strategie muss ergänzt werden, meinen die Experten. Grundsätzlich sei eine solche Sanierung der Gebäudehülle zwar bei allen Gebäuden möglich, sagt Julika Weiß vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin. „Bei vielen Altbauten gibt es jedoch eine Reihe von Hemmnissen. Eine Sanierung etwa auf Passivhaus-Niveau wäre hier nicht oder nur mit übergroßem Aufwand möglich“, sagt die Expertin, deren Arbeitsgruppe Sanierungskonzepte für zwei Regionen in Brandenburg erarbeitet hat. Viele ältere Gebäude stünden zudem unter Denkmalschutz, so dass eine Dämmung der Außenwand tabu ist. Neben einer angemessenen Sanierung der Gebäudehülle sei es deshalb notwendig, die dann noch notwendige Wärmeversorgung schneller als bisher geplant auf erneuerbare Energien umzustellen.

Dafür gibt es einen ganzen Strauß von Möglichkeiten. Dezentral in den Gebäuden können Wärmepumpen, Solarwärme-Anlagen oder moderne, schadstoffarme Holzheizungen eingesetzt werden. Wärmepumpen sollten dabei mit Ökostrom aus der hauseigenen Photovoltaikanlage und/oder aus dem Stromnetz betrieben werden. Eine andere Möglichkeit ist zukünftig die Nutzung von Ökostrom zur Gewinnung der Energiegase Methan oder Wasserstoff, die dann – ebenso wie Biogas – über das Erdgasnetz verteilt und in den Häusern zur Wärmeerzeugung oder zur gekoppelten Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt werden können. Darüber hinaus können die Öko-Energien und Abwärme etwa aus der Industrie auch in Fernwärmenetze eingespeist werden, die dadurch klimafreundlich werden.

„Ziele neu justieren“

Expertin Weiß betont: Hier sei es wichtig, jeweils regional den richtigen Mix zu finden. Die Nutzung von Bioenergie – wie Holz, andere Biomasse, Biogas – für die Wärmeerzeugung könne aus Kapazitätsgründen gegenüber dem aktuellen Stand kaum noch erhöht werden. „Bei Ökostrom, Solarwärme, Geothermie und Abwärme gibt es dagegen noch ein großes Ausbaupotenzial“, sagt sie. Das müsse möglichst kosteneffizient und unter breiter Bürgerbeteiligung gehoben werden.

Eine Neujustierung der Sanierungsziele und der staatlichen Förderung fordert auch Professor Martin Führ von der Hochschule Darmstadt, dessen Arbeitsgruppe in dem BMBF-Projekt Konzepte für die energetische Optimierung von Wohnblöcken aus den 1960er Jahren erarbeitet hat. Die einschlägigen Gesetze, Verordnungen und Förderungen hält er für ein „Normengestrüpp“. Wie bei einer jahrelang gewucherten Brombeerhecke gebe es darin zwar viele saftige Früchte, doch man verheddere sich unweigerlich in den kräftigen Dornen. Notwendig sei es, die Hecke gründlich auszulichten, und dabei das eigentliche Ziel der CO2-Minderung stärker zu betonen.

„Wir brauchen technikoffene Lösungen, statt immer nur die Litanei ,Dämmen lohnt sich‘ zu wiederholen.“ Statt nur auf das Einzelgebäude zu starren und es mit vielen technischen Details bis ins letzte Eck auszureizen, solle man Sanierungen auch gebäudeübergreifend, also im „Quartier“, ermöglichen, und zwar unter Nutzung regenerativer Energien und von Speichersystemen.

Auch für die Auslichtung des Fördergestrüpps – es besteht aus rund 9000 verschiedenen Maßnahmen vom Bund, Ländern, Kommunen und Energieversorgern – hat Führ ein Rezept: Die Fördermechanismen sollten weniger an technischen Details ausgerichtet sein als am Ziel der CO2-Minderung. Die „eleganteste Lösung“ sei es allerdings, eine sukzessive ansteigende CO2-Steuer einzuführen, durch die Energiesanierungen rentabel werden, schlägt der Professor vor. Denn: „Mit ihr ließen sich hunderte an Formularseiten in den Förderanträgen einsparen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum