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Wärme-Effizienz Die Energiewende scheitert im Heizungskeller

Der Einsatz von Öko-Energie in Gebäuden stagniert, auch die Wärmesanierung kommt nicht voran. Für die unwillige Bundesregierung bahnt sich ein Desaster an.

Der Energiebedarf der deutschen Heizungen ist gewaltig. Foto: dapd

Der Einsatz von Öko-Energie in Gebäuden stagniert, auch die Wärmesanierung kommt nicht voran. Für die unwillige Bundesregierung bahnt sich ein Desaster an.

Wer an die Energiewende denkt, hat meist eines vor Augen: Windräder statt Atom-Meiler. Auch in der Politik scheint sich fast jede Diskussion um Elektrizität zu drehen. Außer Acht gelassen wird dagegen sehr oft, wie gewaltig der Energieverbrauch ist, um Deutschlands Häuser warm zu halten. 40 Prozent der Energie wird für die Klimatisierung von Gebäuden verbraucht, so entsteht ein Drittel der Kohlendioxid-Emissionen. Und: Die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid bei der Stromerzeugung kostet im Vergleich dazu ein Vielfaches. Dämmplatten, Solarthermie und Wärmepumpen sind also weit effektivere Klimaschützer als Windrad, Photovoltaikanlage und Elektro-Flitzer.

Doch die Bundesregierung vernachlässigt den Wärmemarkt sträflich. Vorhaben versanden oder werden im Streit um die Finanzierung zerrieben. Die grüne Wärme-Wende ist deshalb in Gefahr. Die Ambitionen der Regierung sind dabei nicht das Problem. Denn sie hat sich drei vernünftige Ziele gesetzt: Bis 2020 sollen 14 Prozent der Wärmeenergie aus erneuerbaren Quellen stammen. Der Wärmebedarf soll bis dahin um 20 Prozent sinken (wobei das Vergleichsjahr nicht genannt wird). Und schließlich soll die Sanierungsrate bereits gebauter Häuser von derzeit einem auf zwei Prozent steigen. 2050 soll dann quasi die gesamte Wärmeversorgung mit Öko-Quellen gedeckt werden.

Dafür fehlt es allerdings an Taten. Im Augenblick sind statt Fortschritten sogar Rückschläge zu vermelden. Der Frankfurter Rundschau liegt eine aktuelle Erhebung des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) vor, nach der der Anteil erneuerbarer Energien am Wärmemarkt zuletzt leicht gesunken ist. Er lag demnach 2011 bei 10,1 Prozent. 2010 waren es noch 10,2 Prozent. 2009 wurden 9,2 Prozent erreicht. Offenbar ist die Zahl der grünen Wärmequellen zuletzt kaum gestiegen, der Wärmebedarf insgesamt aber schon.

Nun reicht es Verbraucherschützern, Umweltverbänden und der Öko-Energie-Lobby. Mit dramatischen Appellen fordern sie die Regierung auf, die Energiewende endlich auch im Wärmebereich einzuleiten. Björn Klusmann, Geschäftsführer des BEE, sagt: „Am Wärmemarkt bahnt sich ein Desaster an. Wenn die Bundesregierung das Thema nicht schleunigst zur Chefsache erklärt, dann droht die Energiewende daran zu scheitern.“

Millionen Akteure auf dem Wärmemarkt

Der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Olaf Tschimpke, sagt: „Die angebliche Energiewende der Bundesregierung geht am Wärmemarkt völlig vorbei.“ Dabei ist der der Schüssel für das Erreichen der Klimaschutzziele. Beim Nabu hieß es weiter, das „jetzige Chaos der politischen Steuerung“ führe dazu, dass die Klima- und Energieziele bei den Gebäuden definitiv verfehlt würden, eine Studie des Verbandes untermauere dies. Und auch Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV), sagt: „Die Politik scheint derzeit nicht in der Lage zu sein, die nötige Wende am Wärmemarkt einzuleiten.“

Woran hapert es konkret? Der Wärmemarkt ist hochkomplex, weil er von Millionen Akteuren, vom Häuslebauer bis zum Heizungsfachmann, bestimmt wird. Einfluss nehmen kann die Bundesregierung darauf vor allem mit dem Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz. Das von Norbert Röttgen (CDU) geleitete Bundesumweltministerium sollte eigentlich bis Ende vergangenen Jahres einen Bericht darüber vorlegen und Vorschläge machen, wie der Markt endlich in Gang kommen kann. Doch bislang heißt es: Fehlanzeige. Das Dokument ist offenbar noch nicht einmal an die anderen beteiligten Ministerien weitergereicht. Wann es im Kabinett landet, das der Veröffentlichung zustimmen muss, ist offen.

Drei Wege sind in dem Papier laut Ministeriumskreisen ausgearbeitet, um der Erzeugung grüner Wärme auf die Sprünge zu helfen. Zum einen könnte es mehr Vorschriften geben, da bislang nur in Neubauten erneuerbare Energien zum Einsatz kommen müssen. Das Ministerium denkt aber auch über weitere ordnungsrechtliche Eingriffe nach – beispielsweise beim Gesetz über Emmissionsgrenzen. Das würde eine Absenkung er Feinstaubgrenzwerte für Öfen, Kamine und für Zentralheizungen bedeuten. Solche verpflichtenden Maßnahmen sind bei den Hausbesitzer-Verbänden jedoch äußerst unbeliebt.

Zweite diskutierte Möglichkeit: Die Förderprämien für erneuerbare Wärme werden erhöht, etwa der staatliche Zuschlag, wenn eine Holzpellet-Heizung eingebaut wird. Das aber wird der Finanzminister nicht gerne hören, aus dessen Kasse das Markt-Anreiz-Programm finanziert wird. 2010 hatten Haushaltskürzungen die Förderung zum Erliegen gebracht und das Vertrauen der Investoren zerstört.

Der dritte Vorschlag von Röttgen: ein sogenanntes Bonusmodell, das dem Erneuerbare-Energien-Gesetz im Strommarkt ähnelt. Möglich wäre zum Beispiel, den Import von Gas und Öl mit einer kleinen Abgabe zu belegen. So wäre die Förderung grüner Wärmequellen unabhängig vom Haushalt gesichert. Seit Jahren weisen zahlreiche Wissenschaftler darauf hin, dass ein solches Modell den Erneuerbaren am besten auf die Sprünge helfen würde.

Doch auch die Wärmeprämie dürfte politisch nur schwer durchzusetzen sein. Angesichts der ausufernden Kosten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist die Regierungskoalition bei Umlagen, die die Verbraucher zahlen, skeptisch. Verbraucherschützer Krawinkel bezweifelt, dass nennenswerte Fortschritte möglich sind: „Ich kann den politischen Willen, sich gegen Widerstände durchzusetzen und der erneuerbaren Wärme zum Durchbruch zu verhelfen, nicht erkennen.“

Auch für Wärme gilt freilich: Was eingespart wird, muss erst gar nicht aufwändig erzeugt werden. Doch gerade bei der Förderung der Wärmesanierung von bestehenden Gebäuden bahnt sich ein Desaster für die Regierung an. Das Umweltministerium verweist zwar darauf, dass die Regierung für öffentliche Gebäude eine strenge Nutzungspflicht für erneuerbare Wärme eingeführt hat. Und: Immerhin 1,5 Milliarden Euro an Steuererleichterungen sind von der Bundesregierung für private Investoren geplant. Die Regierung will möglich machen, dass Hausbesitzer zehn Jahre jeweils zehn Prozent ihrer Energie-Sanierungskosten steuerlich geltend machen können.

Nur Gutbetuchte können sich eine Sanierung leisten

Doch die Bundesländer blockieren das Gesetz. Sie müssten 900 Millionen Euro Steuerausfälle in Kauf nehmen, die der Bund partout nicht ausgleichen will. Und einige Länder stoßen sich auch daran, dass nur Komplett-Sanierungen gefördert werden. Das bedeutet in der Regel eine sechsstellige Investitionssumme für die Hausbesitzer. Nur Gutbetuchte könnten sich die Sanierung also leisten. Im Augenblick läuft noch das Vermittlungsverfahren. Doch nach einer Einigung sieht es laut Beteiligten nicht aus. Verbraucherschützer Krawinkel schätzt ohnehin, dass nicht 1,5 Milliarden, sondern fünf Milliarden Euro pro Jahr an Förderung nötig sind, um die Sanierungsquote von einem Prozent der Gebäude pro Jahr auf die angepeilten zwei Prozent zu bringen.

Schließlich blockiert die Bundesregierung noch an einer dritten Stelle die Wärmewende. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) setzt sich vehement gegen eine Effizienzrichtlinie ein, wie sie von der EU geplant ist. Sie würde den Energieversorgern – etwa Gaslieferanten – vorschreiben, jedes Jahr etwas weniger Energie an die Kunden zu liefern. So gäbe es für die Lieferanten einen Anreiz, ihren Kunden bei der Wärme-Einsparung zu helfen.

Rösler hält das aber für eine Bevormundung des freien Markts. „Dass die Regierung dieses Instrument nicht nutzt, ist überhaupt nicht verständlich“, sagt dagegen Verbraucherschützer Krawinkel. „Wir schätzen, dass die Energieunternehmen die Investitionen in Einsparmaßnahmen dadurch mit zusätzlich einer Milliarde Euro pro Jahr unterstützen können – ohne dass die Gesamtrechnung für die Haushalte steigt.“

Doch solche Rechnungen interessieren in der Politik kaum. Die Gefahr ist deshalb groß, dass die Klimawende zum teuren Schaulaufen wird. Fotogene Grünstromtechniken werden bevorzugt, während der Wärmemarkt, in dem die Früchte niedriger hängen, außen vor bleibt. Die Energiewende würde dann im Heizungskeller scheitern.

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