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Versorgungssicherheit Strom könnte im Winter knapp werden

Neun Kraftwerke mussten im Winter vom Netz. Beinahe wäre Deutschlands Stromnetz kollabiert. Nun hat sich herausgestellt: Grund dafür sind die Gaslieferverträge der Kraftwerke. Hin und wieder kann den Anlagen das Gas einfach abgedreht werden. Und der nächste Winter kommt bald.

14.07.2012 18:21
Einen flächendeckenden Stromausfall mag keiner sich vorstellen. Foto: dpa

Neun Kraftwerke mussten im Winter vom Netz. Beinahe wäre Deutschlands Stromnetz kollabiert. Nun hat sich herausgestellt: Grund dafür sind die Gaslieferverträge der Kraftwerke. Hin und wieder kann den Anlagen das Gas einfach abgedreht werden. Und der nächste Winter kommt bald.

Im Februar stand Deutschlands Stromnetz nah am Kollaps: Vor allem in Süddeutschland konnte kaum noch genug Strom produziert werden, um den hohen Bedarf zu decken. Nur Reservekraftwerke in Österreich und Notfallaktionen der Netzbetreiber verhinderten den Zusammenbruch. Schon der Ausfall einer Höchstspannungsleitung oder eines wichtigen Trafos hätte einen großen Stromausfall verursachen können. Nun hat sich herausgestellt: Es gab mehr als genug Kraftwerke. Doch ausgerechnet in dieser kritischen Lage fuhren viele Gaskraftwerke ihre Turbinen herunter, weil ihnen nicht mehr genug Brennstoff geliefert wurde.

Details zu den Gründen liefert nun eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag, die der Frankfurter Rundschau vorliegt. Darin werden neun Gaskraftwerke vor allem in Süddeutschland aufgelistet, die rund um den besonders kritischen 13. Februar ganz oder teilweise außer Betrieb genommen wurden. Laut Bundesnetzagentur trug das entscheidend zur Destabilisierung des Stromnetzes bei, es fehlten dadurch genau im kritischen Zeitraum im Februar 1350 Megawatt Erzeugungskapazität. Das ist mehr, als die Notkraftwerke in Österreich leisten konnten.

Grund für die Ausfälle sind die Gaslieferverträge der Kraftwerke. Viele Anlagen haben Vereinbarungen geschlossen, bei denen sie Gas günstiger bekommen. Dafür haben sie sich damit einverstanden erklärt, dass ihnen hin und wieder das Gas einfach abgedreht werden kann. Für die Netzbetreiber haben die Verträge den Vorteil, dass sie bei Engpässen zum Beispiel die Privatkunden vorrangig beliefern können. Nach Einschätzung des Bundesverbands Neuer Energieanbieter (BNE) reduzieren sie damit auch ihre Kosten, weil sie so mehr Gaslieferverträge abschließen können. Bis zum vergangenen Winter waren die Verträge kein großes Thema – doch unter anderem durch die Abschaltung der alten Kernkraftwerke ist die Situation im Stromnetz enger geworden.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer spricht nun von einem „Treppenwitz“ und beklagt, dass die Verträge dazu geführt hätten, dass Deutschland an den Rand eines großen Stromausfalls gelangt sei.

Bundesnetzagentur sucht nach Lösungen

Die beteiligten Unternehmen warten nun auf neue Regeln. Der Gasnetzbetreiber OGE, der die Mehrzahl der Kraftwerke beliefert, verweist darauf, nicht gewusst zu haben, welche Kraftwerke für die Sicherheit des Stromnetzes entscheidend waren: „Die von den Transportunterbrechungen betroffenen Kraftwerke waren zum damaligen Zeitpunkt nicht systemrelevant“, teilte ein Sprecher mit.

Die Bundesnetzagentur, die ja für die Sicherheit des Stromnetzes sorgen soll, bemüht sich, Lösungen zu finden. Schon im Mai legte sie einen ausführlichen Bericht einschließlich Verbesserungsvorschlägen vor. Dabei muss aber die Politik mitspielen. Die Netzagentur fordert eindringlich zu Gesetzesänderungen auf. So müssten die Gasnetzbetreiber dazu verpflichtet werden, den sicheren Betrieb des Stromnetzes zu ermöglichen. Notfalls sollen auch Zwangsmaßnahmen legalisiert werden. Zudem müssten die Besitzer der Kraftwerke sich dazu verpflichten, neue und sicherere Gaslieferverträge abzuschließen.

Eile wäre geboten. Denn bis zum nächsten Winter, bei dem das Gas knapp werden könnte und damit wieder die Stromversorgung auf dem Spiel steht, bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Bundesnetzagentur warnt davor, „sehenden Auges“ einen langandauernden, weiträumigen Stromausfall in Kauf zu nehmen.

Doch aus der Anfrage der Grünen geht hervor, dass das Wirtschaftsministerium die Vorschläge bislang lediglich prüft. Passiert ist noch nichts, neue Gesetze werden derzeit nicht ausgearbeitet. Oliver Krischer spricht deshalb von fahrlässigem Verhalten und fordert die Bundesregierung auf, endlich Strom- und Gasnetz zu verknüpfen und aufeinander abzustimmen. „Es muss endlich gehandelt werden“, sagt Krischer.

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