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UN-Klimabericht Klimarat: Es ist noch nicht zu spät

Wassernot, tödliche Fluten, Wirbelstürme – der Weltklimarat zeichnet ein drastisches Bild von den Folgen der Erderwärmung. Und er ruft die Politik zum Handeln auf.

31.03.2014 17:09
Am Schmelzen: Eisberg im Fjord von Narsaq (Grönland). Foto: dpa

Gibt es Entwarnung für Venedig? Vor einem Jahr hatten die Forscher des Weltklimarats (IPCC) in einem Entwurf für ihren neuen, am Montag publizierten Report noch vorausgesagt, die norditalienische Lagunenstadt werde „für immer verloren“ sein – wegen des steigenden Meeresspiegels. Später strichen die Autoren den Satz wieder heraus. Ganz so drastisch sollte die Warnung wohl doch nicht ausfallen.

Ein Trost ist das nicht. Für Italien und die anderen Mittelmeerländer kann es im Laufe der nächsten Jahrzehnte ziemlich ungemütlich werden, wenn der Klimawandel nicht gebremst wird. Ernten, die wegen Hitzewellen auf den Äckern verdorren, austrocknende Wasserreservoirs, ausbleibende Touristen, ein ins Gigantische steigender Strombedarf für Klimaanlagen, von den Folgen des zu heißen Klimas für die Qualität des Rotweins ganz zu schweigen. Das ist nur eine Auswahl der Klimafolgen, die den Südeuropäern drohen, wenn die Prognosen der UN-Klimaforscher im zweiten Teil ihres fünften Sachstandsberichts (Titel: „Folgen, Anpassung, Verwundbarkeit“) eintreten.

Dabei kommt Europa im Vergleich mit anderen Kontinenten noch gut weg. Deutlich dramatischer ist laut dem IPCC-Report die Lage in anderen Erdteilen, etwa in Afrika, Asien oder Südamerika, wo der Klimawandel sich nicht nur stärker auswirkt, sondern auch deutlich weniger (Finanz-)Mittel vorhanden sind, um sich anzupassen. Der Katalog der Gefahren ist vielfältig. Sie reichen von verschärfter Wassernot in ohnehin schon trockenen Gebieten Afrikas über mehr Todesfälle durch Hitzewellen in Asien bis zu mehr Überflutungen und Erdrutschen in Südamerika.

Diese Warnung sind im Prinzip nicht neu, doch die Wirkungen des Klimawandels lassen sich, so die Forscher, inzwischen weitaus genauer bestimmen als im letzten großen IPCC-Report, der 2007 erschienen ist. „Wir haben jetzt viel mehr Wissen, wir haben jetzt mehr Details“, sagte IPCC-Chef Rajendra Pachauri.

Die Kernbotschaft der Forscher und Regierungsvertreter, die in einer fünftägigen Konferenz im japanischen Yokohama über den Bericht verhandelt haben, lautet: Der Klimawandel findet längst statt, aber erstens kann er noch gebremst werden, und zweitens kann intelligente Anpassung die Gefahren für die Menschen deutlich verringern.

Zahl der Wetterextreme verdoppelt

Die Folgen der Aufheizung sind laut dem Report bereits auf allen Kontinenten und in allen Weltmeeren festzustellen. Gletscher in aller Welt schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, und viele Pflanzen und Tiere verlagern ihren Lebensraum in kühlere Zonen oder sind bedroht. Die durch die zusätzlichen Treibhausgase veränderte Energiebilanz des Planeten stört bereits jetzt Windströmungen und Niederschlagsmuster. In der Folge hat sich die Zahl der Wetterextreme in den letzten drei Jahrzehnten bereits verdoppelt, und der Trend weist weiter nach oben.

Der Report definiert acht „Schlüssel-Risiken“, die durch den Klimawandel ausgelöst oder verstärkt werden, darunter den steigenden Meeresspiegel und stärkere Wirbelstürme, die Küstenzonen und damit „hunderte Millionen Menschen“ bedrohen, den Zusammenbruch von Infrastrukturen durch Extremereignisse und zurückgehende Erträge beim Fischfang. Als besonders kritisch gelten die neuen Erkenntnisse zur Ernährungssicherheit. Die Ernteerträge bei Getreide werden nach den Prognosen im Schnitt pro Jahrzehnt um rund zwei Prozent sinken. Das ist ein klares Warnzeichen. Denn der Bedarf an Getreide dürfte laut Experten um rund 14 Prozent pro Dekade ansteigen.

Im 2007er Report hatten die Klimaforscher noch erwartet, dass die Nahrungsmittelproduktion unter dem Strich global sogar ansteigen könnte – dank besserer Wachstumsbedingungen in mittleren Breiten. Doch diese Hoffnung ist passé. Tim Gore von Oxfam kommentierte: „Die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit sind schlimmer als zuvor geschätzt.“

Doch der Report malt das Zukunftsbild nicht nur in düsteren Farben. Er zeigt auf, dass eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs bis 2100 auf weniger als zwei Grad immer noch möglich ist. Dies gilt bei entsprechenden Investitionen in Anpassungsmaßnahmen als noch beherrschbar.

Allerdings müssten dazu drastische Maßnahmen zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes ergriffen werden. Bleibt es beim derzeitigen Emissionstrend ist laut IPCC mit 3,5 bis 5,4 Grad zu rechnen. Zum Vergleich: Rund fünf Grad beträgt der Unterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit, wie sie derzeit auf der Erde herrscht. Es droht also eine Super-Warmzeit. Die Forscher werben für einschneidende Klimaschutzmaßnahmen, da sonst die Risiken auf ein hohes bis sehr hohes Niveau steigen. Sie warnen davor, dass dann in diesem Jahrhundert sogar Kipp-Punkte im Klimasystem überschritten werden könnten, die zum Beispiel das Absterben des Amazonas-Regenwaldes oder einen dramatischen Meeresspiegelanstieg anstoßen könnten.

Trotzdem: Pessimismus wollten die IPCC-Experten, die am Montag früh in Yokohama vor die Presse traten, nicht verbreiten. Es gebe sogar gute Gründe für Optimismus, meinte Christopher Field, der Co-Chef der IPCC-Arbeitsgruppe zwei. Das Bewusstsein sei weltweit gewachsen, und es sei inzwischen in vielen Ländern schon viel passiert – in Bezug auf CO2-Minderung, Anpassung und Nachhaltigkeit. Er nannte Deichbau, Wiederaufforstung, veränderte Landwirtschaftspraktiken als Beispiele. Es sei klar geworden: „Man kann etwas tun.“ Zu den Aussichten für Venedig äußerte er sich nicht.

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