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Strompreis Überspannung im Netz

Trotz Atomausstieg exportiert Deutschland so viel Strom wie nie zuvor: Wie der Anstieg zustande kommt und welche Probleme damit einhergehen.

11.01.2013 17:16
Grüner Strom drängt in die Netze. Foto: dpa

Deutschlands Stromerzeugung bildet nach dem Atomausstieg ein scheinbar widersprüchliches Bild. Obwohl im Frühjahr 2011 die acht ältesten Kernmeiler endgültig vom Netz genommen wurden, ist der Produktionsüberschuss gestiegen. 2012 wurde bei leicht sinkendem Verbrauch so viel Strom ins Ausland exportiert wie noch nie – insgesamt 23 Milliarden Kilowattstunden, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Donnerstag mitteilte. Gleichzeitig gibt es immer wieder Engpässe bei der Stromerzeugung.

Wie passt das zusammen – Atomausstieg und Rekordexport? Vor allem der Ausbau der subventionierten erneuerbaren Energien ist dafür verantwortlich. Er hinterlässt tiefe Spuren im System. Der grüne Anteil von 21,9 Prozent an der Erzeugung in Deutschland drückt mit einem Preis von quasi Null ins Netz, denn die Ökokraftwerke werden über die EEG-Umlage bezahlt und haben im Netz Vorrang. Dadurch entstehen immer wieder Situationen, in denen viel Grünstrom im Netz ist, annähernd genug, um den gesamten Strombedarf zu decken.

Eigentlich müssten darauf die konventionellen Kraftwerke reagieren und ihre Produktion drosseln. Doch dafür sind sie zum Teil nicht ausgelegt, weil sie veraltet sind. Zum Teil geht es auch aus Gründen der Systemstabilität nicht. Braunkohle- und Atomkraftwerke können, wenn sie einmal abgeschaltet sind, nicht schnell wieder hochfahren, sondern brauchen dafür viele Stunden. Deshalb müssen sie mit einer Mindestleistung am Netz bleiben. Verschärft wird die Situation noch durch fehlende Netzkapazität.

Die Folge ist, dass der Strompreis immer mal wieder einbricht und sogar manchmal ins Minus rutscht – wer an der Börse Strom kauft, bekommt dann sogar noch Geld obendrauf. Zuletzt erhielten die Käufer am ersten Weihnachtsfeiertag kurzzeitig 22 Cent pro Kilowattstunde. Die Preise sinken auch in Nachbarländern durch die Stromschwemme aus Deutschland – so kommen auch die hohen Exportzahlen zusammen.

Eine zweite Auswirkung der niedrigen Strompreise ist, dass sich die teureren Gaskraftwerke kaum noch lohnen. In Deutschland sank ihr Anteil am Strommix von 13,6 Prozent auf 11,3 Prozent. Stattdessen hat die billige, aber umweltschädliche Kohle Anteile hinzugewonnen. Werden die Heizkraftwerke nicht berücksichtigt, ist der Rückgang bei Gas sogar noch dramatischer. Viele Kraftwerke sind von der Schließung bedroht, auch in den Nachbarländern – dabei bräuchten wir eigentlich mehr Anlagen, um flexibel die Erneuerbaren ergänzen zu können.

Immer deutlicher tritt zutage: Solange steigende Grünstrommengen auf ein unflexibles System treffen, steuert die Energiewende auf einen unlösbaren Konflikt zu. Die Lehre aus der Bilanz von 2012 ist deshalb: Die Nachfrage nach Strom muss sich stärker nach dem Angebot richten – in der Industrie und den Haushalten. Die fossilen Kraftwerke müssen ebenfalls flexibler werden, der Netzausbau ist dringlicher denn je. Das Ausbautempo der Ökostrom-Kraftwerke hingegen, das in den vergangenen Jahren deutlich über Plan lag, kann für einige Jahre etwas gedrosselt werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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