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Solarenergie Warnung vor Stromüberschuss

Am sonnigen Pfingst-Wochenende produzierten die Solaranlagen in Deutschland jede Menge Strom. Für die Netzbetreiber bedeutet das viel Aufwand - und für die Verbraucher größere Belastungen.

11.06.2014 14:04
Am Pfingstmontag deckte Solarenergie mehr als 40 Prozent des hiesigen Strombedarfs. Foto: dpa

Die Daten sind beeindruckend. Am Pfingstmontag produzierten die Solaranlagen hierzulande in der Stunde zwischen 13 und 14 Uhr elektrische Energie mit einer Leistung 23 Gigawatt. Sie konnten damit gut 42 Prozent des deutschen Gesamtbedarfs abdecken – das war nur knapp an einem neuen Sonnenstromrekord vorbei. Für die großen Netzbetreiber bedeutete das zugleich viel Aufwand: „Wir mussten mit allen Instrumenten, die wir haben, arbeiten“, sagt ein Insider. Grund: Sonnenstrom fällt nicht gleichmäßig übers Land verteilt an, sondern vor allem im Süden. Eine Reihe von Redispatch-Maßnahmen war nötig, um die Belastungen der Netze auszubalancieren. Netzbetreibern ordneten an, die Erzeugung konventioneller Kraftwerke in Süddeutschland zurückzufahren.

Zudem wurde viel Energie in die Nachbarländer geleitet; zeitweise waren es mehr als zwölf Gigawatt – das entspricht in etwa der Leistung von zwölf Atommeilern. Das Überangebot drückte die Preise an den Börsen. Am Spotmarkt, wo die kurzfristigen Geschäfte getätigt werden, war die Kilowattstunde über Pfingsten zeitweise für nur 1,3 Cent pro Kilowattstunden zu haben.

Die Experten sind sich einig: Solche Extremsituationen werden in Zukunft vermehrt auftreten. Prädestiniert dafür sind Samstage, Sonntage und Feiertage, wenn in Fabriken und Büros wenig Energie verbraucht wird und wenn zugleich die Sonne strahlt und der Wind bläst. Die beiden wichtigsten Öko-Energien werden weiter gefördert und deshalb einen immer größeren Anteil am Strommix haben. Bei Minipreisen wie den 1,3 Cent wird es deshalb nicht bleiben. „Aufgrund des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren werden wir zunehmend negative Strompreise sehen“, sagt Tobias Federico, Chef des Beratungshauses Energy Brainpool.

Keine Seltenheit: Negative Strompreise

Negative Strompreise: Das bedeutet, dass der Erzeuger eine Gebühr dafür zahlen muss, dass jemand die Energie abnimmt. Auch über Pfingsten wäre es soweit gekommen, wenn der Wind tüchtig geweht hätte.

Negative Strompreise sind aber längst keine Seltenheit mehr. Zuletzt am 11. Mai mussten Anlagenbetreiber am Nachmittag über mehrere Stunden 6,5 Cent pro Kilowattstunde an die Abnehmer zahlen. Eine Studie von Energy Brainpool im Auftrag der Organisation Agora Energiewende weist nach, dass seit 2010 Situationen mit negativen Strompreisen immer häufiger auftreten. Allein zwischen Dezember 2012 und Dezember 2013 war dies in 97 Stunden der Fall.

Negative Preise wurden einst an den Strombörsen eingeführt, um Überkapazitäten zu vermeiden – nach dem Motto: Wer Gefahr läuft draufzuzahlen, stellt sein Kraftwerk lieber ab. Doch dieser Mechanismus funktioniert nur bedingt. Kohle- und Atomkraftwerke laufen auch bei einem hohen Angebot an Ökostrom weiter. Es ist für die Betreiber der konventionellen Anlagen extrem aufwendig und deshalb sehr teuer, diese herunter zu fahren.

Kann das Bürgern gleichgültig sein? Bestimmt nicht. Denn Betreiber von Wind- und Solaranlagen erhalten fürs Einspeisen des Stroms fixe Vergütungen von den Netzbetreibern. Diese verkaufen die Energie an der Börse. Die Differenz wird den Netzbetreibern von Verbrauchern und Firmen über die Ökostrom-Umlage erstattet. Und exorbitant teuer wird es, wenn bei negativen Strompreisen noch draufgezahlt werden muss.

Laut Agora-Studie wurde die Umlage durch die 97 Stunden negative Strompreise zwischen Ende 2012 und Ende 2013 mit 90 Millionen Euro belastet. Für Agora-Chef Patrick Graichen ist es deshalb höchste Zeit für ein „Flexibilitätsgesetz“, das die derzeitigen Preismechanismen aufbricht. Eine Reihe von Ideen ist in der Diskussion, die teils auch Verbraucher betreffen. Ein Weg könnten andere Tarife mittels intelligenter Stromzähler und Computersteuerung sein: Ein Haushalt bezieht dann vermehrt Strom, wenn er billig ist – beispielsweise um die Kühltruhe zu kühlen. So könnte Überproduktion verringert werden.

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