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Philippsburg Der atomare Wohlstand

Bibliothek, Freibad, Schulzentrum, Arbeitsplätze: Philippsburg möchte sein Atomkraftwerk gern behalten. Die Gefahren lassen sich leicht verdrängen. Die wenigen Gegner haben einen schweren Stand.

18.03.2011 20:18
Von Felix Helbig
Die meisten Philippsburger mögen ihr Kernkraftwerk. Foto: dpa

Bibliothek, Freibad, Schulzentrum, Arbeitsplätze: Philippsburg möchte sein Atomkraftwerk gern behalten. Die Gefahren lassen sich leicht verdrängen. Die wenigen Gegner haben einen schweren Stand.

Wenn Bernd Haffner aus dem Wintergarten schaut, sieht er Krokusse, das Trampolin seiner Töchter, den Basketballkorb, die Kühltürme. Haffner hat über Kraftwerkstechnik promoviert, von seinem Haus am Rande Philippsburgs bis zum Kraftwerk sind es nur drei Kilometer Luftlinie. Natürlich sei das ein mulmiges Gefühl, sagt er, aber nicht erst seit Fukushima, er wisse ja schon länger, dass das Undenkbare eben gar nicht undenkbar ist: „Man kann nur versuchen, es zu verdrängen.“ Doch dafür ist es eigentlich zu nah, man müsste es auf dem Sofa verdrängen, im Schlafzimmer, auf dem Weg zur Garage. Die Kühltürme sind immer zu sehen. Nachts leuchten sie.

In der nordbadischen Gemeinde steht eines von Deutschlands rentabelsten Atomkraftwerken. Auf einer Insel im Altrhein ging am 7. Mai 1979 Block 1 ans Netz, 1984 folgte Block 2, zusammen haben sie im vergangenen Jahr 18,6 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Nach dem Atomkompromiss der schwarz-gelben Regierung sollten sie bis 2026 und 2032 weiterlaufen, doch seit Donnerstag steht Block A still, der Betreiber EnBW schaltete ihn als ersten Reaktor nach dem Moratorium vom Montag ab.

Die meisten der 13.000 Einwohner von Philippsburg sähen es lieber, wenn er weiterliefe. „Als wir uns eine Photovoltaik-Anlage auf das Hausdach haben installieren lassen, da wurden wir von Nachbarn beschimpft“, sagt Haffner, „wir würden den Strompreis kaputtmachen, das Kraftwerk in Gefahr bringen, die Arbeitsplätze zerstören.“ Haffner, 47, graues Haar, Stirnfalten, ist einer der wenigen Atomkraftgegner am Ort, einer der wenigen, der immer wieder gefragt hat: nach Stromausfällen, Hochwasser, Erdbeben, Flugzeugabstürzen. Philippsburg liegt im einzig relevanten deutschen Erdbebengebiet am Rheingraben und in der Einflugschneise des Flughafens von Speyer. Antworten habe er keine bekommen, sagt Haffner. „Da wurde abgewiegelt, beschwichtigt, das ist die Linie. Und die Leute glauben das.“

An den Ortseingängen hat er gelbe Fässer aufgestellt und mit schwarzer Farbe „Wohin?“ draufgemalt, um auf die ungeklärte Endlagerfrage hinzuweisen; manche Fässer wurden umgekippt, ein paar sogar geklaut. Haffner hat sich der SPD angeschlossen. Die Grünen gibt es nicht in Philippsburg. Und der Bürgerinitiative, der er seit mehr als zehn Jahren angehört, fehlen die Bürger.

Kaum Angst vor einem Unglück

900 Menschen gibt das AKW Arbeit, viele davon leben in Philippsburg. Natürlich werde es „zur Freisetzung von Personal“ kommen, wenn Philippsburg?1 abgeschaltet bleibe, sagt Dietrich Herd, EnBW-Gesamtbetriebsratsvorsitzender, selbst ein Philippsburger. Er ist viel unterwegs in diesen Tagen, es gebe bereits erste Gespräche mit dem Vorstand. „Wir bereiten uns auf den Fall der Fälle vor“, sagt er. Die Sorge der Menschen sei groß. Die Angst vor einem Unglück hingegen ist klein, und wenn die Bürger in den vergangenen Jahren bei Versammlungen in der schön restaurierten Jugendstilfesthalle einmal laut zu denken begannen, dann konnten sie sich gut vorstellen, neben dem Kraftwerk Gewächshäuser zu bauen, um die Abwärme für Blumenzucht zu nutzen. Das war nicht durchsetzbar. Jetzt gibt es vor allem die Sorge, mit dem Ort könnte es bergab gehen, wenn die Reaktoren vom Netz müssen.

Über vieles wird neu nachgedacht in diesen Tagen, nicht nur in Philippsburg. Das Moratorium zur Überprüfung der ältesten Meiler, das die schwarz-gelbe Bundesregierung beschlossen hat, müsste für Philippsburg?1 dauerhaft das Aus bedeuten. Zu unzureichend ist der Schutz, zu viele Zwischenfälle hat es schon gegeben in dem Siedewasserreaktor, der fast baugleich ist mit jenen in Fukushima.

Für die Wirtin des Bootshauses am Rhein ist klar: So etwas wie in Japan könne hier nicht passieren, sagt Brigitte Lauteschläger, „und der Ort lebt gut mit der Kernkraft“. Wer sich im Bootshaus auf die Eckbank setzt, kann Rhein und Reaktoren sehen, unangenehm sei ihr das nicht, sagt sie, „da wird doch viel übertrieben“. Lauteschläger ist geboren in Philippsburg, sie hat miterlebt, wie das AKW kam und nicht nur Energie, sondern auch Reichtum brachte. Es gibt eine Musikschule, ein Freibad, ein Bootshaus, ein Hallenbad, ein Schulzentrum und wunderschön herausgeputzte Denkmäler. Letztlich gehe es doch nur „um hier“, sagt Lauteschläger, und reibt den Daumen der rechten Hand an Zeige- und Mittelfinger.

Ein Milliardenspiel. Um die längeren Laufzeiten durchzusetzen, haben die großen Stromkonzerne eine teure Kampagne gestartet, am Ende akzeptierten sie sogar eine Brennelementesteuer von jährlich 2,3 Milliarden Euro. Die Verlängerung bescherte RWE, Eon und EnBW geschätzte Sondergewinne von 40 Milliarden Euro, zusätzlich zu den mehr als 100 Milliarden Euro, die sie allein seit 2002 an Gewinn erwirtschaftet haben. In Philippsburg genügte es, dass es kein einziges Schlagloch gibt, dafür eine Stadtbibliothek. Gelohnt hat es sich hier wie dort.

Nun wird neu nachgedacht. Stefan Martus hatte sich schon mit dem Atomausstieg abgefunden, als er 2005 gewählt wurde, dann kam der Ausstieg aus dem Ausstieg. Nun sitzt der CDU-Bürgermeister von Philippsburg im neuen Rathaus nahe dem malerischen Marktplatz und spricht vom „Tag X ohne Kernenergie“. Die Stadt müsse sich dann „auf der Einnahmeseite völlig neu aufstellen“. Philippsburg sei sehr sicher, er kenne die Leute, die im Kraftwerk arbeiten, er vertraue ihnen. „Wenn wir jetzt abschalten, dann müssen wir so konsequent sein, auch keinen Atomstrom aus dem Ausland zu kaufen.“

Von der Insel im Rhein, vom AKW Philippsburg ist es nicht weit bis zur französischen Grenze, bis nach Lothringen, bis zum AKW Cattenom. „Wenn wir hier abschalten und dann platzt es dort“, sagt Wirtin Lauteschläger, „dann sind wir doch auch platt.“

Der Bürgermeister sagt, man müsse abwägen, das Risiko neu definieren, aber letztlich sei es doch nach Erich Kästner so: „Das Leben ist lebensgefährlich.“ Stefan Martus sagt, der Kraftwerksbetreiber EnBW habe „viel getan“, um die Akzeptanz der Menschen im Ort zu gewinnen. Bernd Haffner sagt, die Menschen seien „gekauft“ worden, ohne dass man mit ihnen über die Risiken gesprochen habe. EnBW-Chef Hans-Peter Villis sagt, nach den drei Moratoriumsmonaten werde ja „das Spiel wieder neu gespielt“. Das mag zynisch klingen, wahrscheinlich aber, sagt Haffner „kommt es genau so“. Er glaubt nicht, dass Philippsburg abgeschaltet bleibt. Dafür sei es einfach zu effizient.

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