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Öko-Häuser Ein Haus wie ein Baum

In Venlo wird diese Woche das neue Rathaus eröffnet. Es soll eine Ikone grünen Bauens werden und Vorbild für viele.

09.10.2016 18:52
Das neue Rathaus in Venlo. Foto: Gemeente Venlo

Am 14.  Oktober ist es soweit: Im niederländischen Venlo wird das weltweit erste Öko-Rathaus eingeweiht, das „mehr als nur nachhaltig“ sein soll. Das Gebäude hat elf Geschosse, bietet Platz für 900 Mitarbeiter – und soll eine Ikone des neuen grünen Bauens werden. Ein Haus, das „wie ein Baum“ ist, das gute Luft produziert, den Wasserhaushalt stabilisiert, seine eigene Energie produziert und nach dem Ende seiner Nutzungszeit wieder als Rohstoff für neue Gebäude zur Verfügung steht.

Das mächtige Gebäude sieht schon von Ferne ungewöhnlich aus, besonders wenn man von Norden kommt. Die Fassade ist üppig begrünt, es wachsen dort 100 verschiedene Pflanzensorten. Auffällig ist außerdem ein Gewächshaus, das einen Teil der obersten beiden Stockwerke einnimmt. Beides dient als reinigende „grüne Lunge“, durch die die Luft im Öko-Rathaus sauberer wird als die in der Umgegend. Die Glasfassade im Süden ist so konzipiert, dass die Sonne das Gebäude im Winter erwärmt, im Sommer aber nicht überwärmt. Zusätzlich sorgt ein „Sonnen-Schornstein“ für eine Durchlüftung der Räume durch natürlicher Konvektion. Im Süden, Osten und Westen des Gebäudes sind 300 Quadratmeter Solarpanele installiert, die Strom produzieren. Ein künstliches Feuchtgebiet ist im Innenhof angelegt, es reinigt das „graue“ Abwasser aus dem Rathaus, das dann wieder zur Toilettenspülung und Bewässerung verwendet wird.

Das Erdgeschoss ist als lichtdurchflutetes, offenes Besucherzentrum konzipiert, in dem viele Dienstleistungen zentral angeboten werden. In den Stockwerken darüber liegen die Büros der Ämter und die „Plaza“-Ebene mit Restaurant, alles verbunden durch breite „Kommunikationstreppen“, die für Fitness und Kontakt der Angestellten sorgen. „Ein Gebäude muss den Menschen dienen und nicht umgekehrt“, hieß es 2009 in der Ausschreibung für das Projekt. „Das Gebäude muss den Mitarbeitern ebenfalls ein Wohlgefühl vermitteln und so funktional und strukturiert sein, dass Arbeitsabläufe unterstützt werden.“

Ideengeber für die Konzeption des Bauwerks in der Hauptstadt der niederländischen Provinz Limburg ist der Chemieprofessor und Umweltvordenker Michael Braungart, der in den 1990er Jahren zusammen mit dem US-Architekten William McDonough das „Cradle to Cradle“-Konzept – kurz C2C – entwickelt hat. Dessen Ziel ist eine optimierte, weil komplett abfallfreie Kreislaufwirtschaft. Die Idee dahinter: Die für Waren – egal ob T-Shirt, Fernseher oder Baustein – genutzten Materialien werden so designed, dass sie nach der Nutzungsphase entweder vollständig in den biologischen oder den technischen Kreislauf zurückkehren können (von der „Wiege zur Wiege“).

Produkte aus biogenen Stoffen wie Baumwolle, anderen Pflanzenfasern oder Holz werden nach den C2C-Konzept absolut schadstofffrei hergestellt. Sie sind damit nach der Gebrauchsphase biologisch abbaubar und werden „Nährstoffe“ für neue Pflanzen. Für die anderen Materialien gilt, dass sie ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden können. Sie werden nach ihrer Nutzung in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Dabei bleibt ihre stoffliche Güte erhalten. Alle Inhaltsstoffe sind chemisch unbedenklich und kreislauffähig. Das bisher übliche „Downcycling“ von Produkten, bei dem die Qualität bei jedem Schritt abnimmt, wird so vermieden. Müllverbrennungsanlagen und Mülldeponien gibt es in dem C2C-System nicht mehr. „Abfall- oder Bauschutt-Deponien sind die Bankrotterklärung des Ingenieurs“, sagt Braungart (siehe Interview).

Produkte mit dem C2C-Siegel, das von einem unabhängigen Zertifizierungsinstitut in San Franciso vergeben wird, gibt es weltweit inzwischen Hunderte – es geht vom komplett abbaubaren Waschmittel über „kompostierbare“ T-Shirts und Matratzen bis zum Bürostuhl. Seit einigen Jahren arbeiten Braungart und Co. allerdings daran, ihr Konzept auch auf den gesamten Baubereich auszudehnen. Das liegt eigentlich nahe. Denn der Rohstoffhunger des Bauwesens ist enorm, in Europa gehen laut dem UN-Umweltprogramm Unep rund 50 Prozent der Ressourcen in diesen Sektor. Mindestens ebenso kritisch ist die Abfallseite, mit einem Anteil von rund 60 Prozent. Das soll sich ändern. Häuser sollen „Materialbanken“ werden, aus denen künftige Generationen sich wieder bedienen können.

Heute besteht ein neu gebautes Haus aus 800 bis 900 einzelnen Materialien. Mit den wenigsten der üblicherweise eingesetzten Bauprodukte lässt sich das C2C-Prinzip bereits umsetzen. So ist selbst ein „einfacher“ Werkstoff wie Beton nicht einfach eine Mischung aus Sand, Zement und Wasser; vielmehr gibt es rund 300, zum Teil problematische chemische Additive, die ihm je nach Nutzung zugesetzt werden.

Damit die Materialien, die in einem Gebäude stecken, nach dessen Abbruch wieder verwendet werden können, müssen die Baustoffe möglichst materialrein und schadstofffrei entwickelt werden. Tabu sind beispielsweise giftige Lösungsmittel sowie Weichmacher, die im Verdacht stehen, erbgutverändernd zu wirken. Wichtig außerdem: Bereits beim Bau ist darauf zu achten, dass alle Baustoffe leicht wieder demontiert und getrennt werden können. Von diesem Prinzip hat sich die Baupraxis zuletzt weit entfernt. Verbundbaustoffe und „Sandwichmaterialien“ sind weit verbreitet, zum Beispiel bei der Wärmedämmung von Fassaden. Hier sind eine Reihe von Stoffen so fest miteinander verbunden, dass eine anschließende Aufbereitung schwierig ist oder sogar ausscheidet.

Kritiker des Cradle to Cradle-Baukonzepts monieren denn auch, es lasse sich nur schwer auf die Praxis übertragen. Doch der neue Ansatz gewinnt in der Fachwelt zunehmend an Unterstützung. Das Branchenmagazin „Deutsches Baublatt“ urteilte: „Für die Baupraxis liefert das Prinzip einen Denkansatz, um Produkte und Technologien sowie Gebäude möglichst ressourcenschonend zu entwickeln.“

Tatsächlich gibt es Bewegung in der Baustoffindustrie. Auch renommierte Unternehmen haben inzwischen bereits C2C-zertifizierte Produkte im Angebot, so der Fenster- und Fassadenhersteller Schüco, der Wienerberger-Konzern, der Bausteine aus Ton und Abwasserrohre anbietet, oder der Ytong-Anbieter Xella Deutschland. Fast in allen Produktbereichen gibt es C2C-Alternativen – ob Dachziegel oder Dämmstoff, ob Parkett, oder Teppichboden.

Die unabhängige Zertifizierungsstelle mit Sitz in San Francisco (www.c2ccertified.org) verzeichnet aktuell bereits 157 Baustoffe aus den verschiedensten Bereichen. Damit alleine freilich ist es noch nicht getan. Es kommt auch darauf an, die Verbindungen der Baustoffe so zu gestalten, dass die Demontagefähigkeit gegeben ist. Bei diesen „Fügetechniken“ ist noch viel Innovation nötig. Erste Ansätze existieren bereits. Es gibt Klinkerbausteine („Click-Brick“), die wie Legosteine fixiert werden, neuartige Baustoffklebeverbindungen, die sich durch Zugabe von Enzymen leicht wieder lösen lassen, oder Dämmstofffassadenelemente, die nur vorgehängt werden.

Nicht nur in den Niederlanden und Kalifornien, die als Cradle to Cradle-Vorreiter gelten, sondern auch in Deutschland gibt es bereits einzelne Neubauprojekte, die sich mehr oder minder stark an der Braungart-McDonough-Philosophie orientieren. Das erste C2C-Gebäude war die 2007 eröffnete Zentrale des Arzneimittelherstellers Bionorica in Neumarkt (Oberpfalz). Das größte aktuelle Projekt ist das Verwaltungsgebäude von RAG-Stiftung und RAG-Aktiengesellschaft in Essen. Der 2017 bezugsfertige Neubau wird aus schadstofffreien Materialien erstellt, die komplett recyclingfähig sind. Der Komplex werde ein „Rohstofflager“, sagte Professor Hans-Peter Noll, der Chef der RAG Montan Immobilien, die die Zentrale baut. „Wir wissen von Anfang an genau, was wo verbaut werden wird. Und es wird ein Lebensraum mit gesunden, ästhetischen Stoffen und Materialien.“

Verfechter des Cradle to Cradle-Bauens finden sich auch unter den großen Bau-Projektierern. Die renommierte Stuttgarter Bauträger- und Beratungsfirma Drees und Sommer, ein international tätiger Konzern mit 2150 Mitarbeitern, sieht in dem Konzept die Zukunft. Es geht nämlich auch um einen großen ökonomischen Vorteil: Es entstünden „nicht nur besonders nachhaltige, sondern auch werthaltige Gebäude“, meint Valentin Brenner, der bei dem Unternehmen das C2C-Team leitet. Grund: Der Rohstoff-Wert der Materialien bleibt erhalten, da diese am Ende der Nutzungszeit ja nicht als Abfall verloren gehen. Immerhin beläuft sich der Materialkostenanteil bei Hochbauprojekten auf 20 bis 30 Prozent der Gesamtkosten.

Und dieser Block dürfte wachsen. Der Drees und Sommer-Manager Martin Lutz erwartet, dass sich die bereits existierende Rohstoffknappheit in den nächsten Jahren „immer weiter zuspitzen wird“. Studien zeigten, dass die Rohstoffe für Aluminium, Stahl, aber auch Kunststoff nur noch zwischen 50 und 100 Jahre verfügbar seien. „In Zeiten, in denen sogar Sand bald so wertvoll sein wird, dass er vielleicht genauso wie Kupferleitungen oder Dachrinnen geklaut werden wird, müssen wir reagieren.“

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