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Nordrhein-Westfalen „Pech, dass wir auf der Braunkohle sitzen“

Nach und nach müssen einige Dörfer in Nordrhein-Westfalen dem Braunkohletagebau weichen. Die Einwohner werden umgesiedelt, doch sie verlieren, was ihnen niemand ersetzen kann: ihre Heimat.

20.11.2017 19:05
Braunkohletagebau Garzweiler
Gefräßiger Braunkohletagebau: Viele Orte mussten Garzweiler bereits weichen. Im Hintergrund sind Überreste des zerstörten Stadtteils Borschemich der Stadt Erkelenz zu sehen. Foto: Imago

Der Bagger steht 600 Meter entfernt. Franz Maibaum kann ihn von seinem Fenster aus sehen. Den Bagger. Das Ungetüm. Den Heimaträuber. Der Bagger rückt täglich näher. Irgendwann wird er Maibaums Haus und den Garten mit den gesprungenen Terrassenfliesen verschlungen haben, die Holzweiler Straße, an der er vor 30 Jahren gebaut hat, die Kneipe und die Bäckerei neben der Heilig-Kreuz-Kirche. Auch die wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben, denn Keyenberg bei Erkelenz, die Heimat von 820 Menschen, liegt auf dem Gebiet des Braunkohletagebaus Garzweiler II.

„Pech, dass wir auf der Braunkohle sitzen“, sagt Franz Maibaum. Er blickt raus in den Garten, in dem früh am Morgen die Vögel zwitschern. Manchmal landen sogar ein paar Fasane auf dem Rasen. Die und die Eichhörnchen wird er vermissen. „Das alles werden wir nicht mehr kriegen. Aber da kann man nichts machen. 2023 ist Schluss.“

Wegweisendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts

In den 1960er Jahren fielen im rheinischen Braunkohlenrevier die ersten Dörfer: Reisdorf, Elfgen, Epprath. Weitere folgten: Otzenrath. Holz. Immerath. Borschemich. Tausende Menschen verloren ihre Heimat. Der Widerstand gegen RWE und die Energiepolitik der NRW-Landesregierung waren groß. Protestversammlungen, Banderolen über den Dorfstraßen, lange Abende in überfüllten Gemeindesälen. Geholfen hat das alles nichts.

Auch Maibaum, CDU-Kreistagsmitglied und im Braunkohleausschuss der Bezirksregierung Köln, war damals dabei. Bis er schließlich begriff, dass es besser ist, „die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen“. 2013 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass das Recht auf Energieversorgung stärker wiege als das Recht auf Heimat. „Danach war klar, dass wir keine Chance haben.“

Keyenberg, Kuckum (490 Einwohner), Berverath (90 Einwohner), Ober- und Unterwestrich (zusammen 140 Einwohner) sind die Letzten im Revier, die der Braunkohle weichen müssen. „Dumm gelaufen“, sagt Maibaum. Andere wie das nahe Holzweiler sind in letzter Sekunde davongekommen: 2015 beschloss die NRW-Landesregierung überraschend, Garzweiler II zu verkleinern und Holzweiler, die Siedlung Dackweiler und das Gut Hauerhof zu verschonen. An den Plänen für Keyenberg änderte das nichts. Am 1. Dezember 2016 begann die „gemeinsame nachbarschaftliche Umsiedlung“ der Ortschaften. 2028 soll die „bergbauliche Inanspruchnahme“ der Dörfer abgeschlossen sein.

„Man muss sich halt neu finden“

„Wir werden enger zusammenrücken müssen“, sagt Agnes Maibaum, die früher im Bürgerbeirat von Keyenberg saß. Der ist inzwischen aufgelöst. Es fand sich niemand, der weitermachen wollte. Vor Agnes Maibaum liegt auf dem Esszimmertisch der Bebauungsplan von Keyenberg-neu: gerade Straßen, weite Grünflächen. Im Norden ein künstlicher Wasserlauf, eine Reminiszenz an das Flüsschen Niers und seine vielen Quellen, die in Kuckum und Keyenberg entspringen. „Das war uns allen wichtig. Dass wir Wasser bekommen. Und viel Grün.“

Nur wenige Straßenmeter werden die Dorfgrenzen in Zukunft voneinander entfernt sein. Bisher lagen die Ortschaften mindestens einen Kilometer auseinander. Ursprünglich wollten die Stadtplaner aus den fünf Dörfern sogar einen einzigen großen Ort machen. Dagegen haben sich alle gewehrt. Die Keyenberger. Die Kuckumer. Die Berverather. „Wir wollen kein ‚Kuckberg‘. Wenn wir schon unsere Heimat verlieren, dann wollen wir wenigstens unsere Identität behalten“, sagt Agnes Maibaum.

Nach jetziger Planung behält jeder Ort seinen Namen, auch die alten Straßennamen bleiben erhalten. Ein paar neue sind dazugekommen. Die Keyenberger werden ihre Wegkreuze mitnehmen und die Toten vom Friedhof. „Trotzdem wird es ein anderer Ort sein“, sagt Agnes Maibaum. „Man muss sich halt neu finden.“ In zwei Wochen wollen Franz und sie mit der Planung für das neue Haus beginnen. Es wird kleiner sein als das alte.

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