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Neue Energien statt Atomkraft Schleichender Tod der Atomindustrie

Die Atomindustrie schrumpft. Ob RWE, Eon oder Siemens: Die großen Konzerne verabschieden sich von einer Technik ohne Zukunft. Abteilungen verschwinden und Investitionen bleiben aus. Nur Deutschlands einziger Reaktor-Bauer expandiert - bei der Offshore-Windkraft.

05.11.2012 18:07
AKW im südhessischen Biblis. Foto: dpa

Ende mit Symbolcharakter: Deutschlands größter Energiekonzern Eon schließt Ende des Jahres die Besucherzentren seiner Atomkraftwerke. Warum für etwas werben, das in Deutschland keine Zukunft mehr hat? Eineinhalb Jahre nach der Entscheidung der Bundesregierung, beschleunigt aus der Kernenergie auszusteigen und acht der 17 Kernreaktoren stillzulegen, folgt dem politischen Ausstiegsbeschluss auch der wirtschaftliche. Deutschlands Atomindustrie zeigt Auflösungserscheinungen. Ein deutscher Konzern nach dem anderen hat bekanntgegeben, sich aus der Atomenergie zu verabschieden. Zur Hauptaufgabe der deutschen Kernkraftindustrie wird der Abriss alter Anlagen – Investitionen in neue Kerntechnik gibt es kaum noch.

Rückzug und Verkauf

Den Anfang machte Deutschlands Technologieriese Siemens: Schon im September 2011 verkündete Konzernchef Peter Löscher den vollständigen Rückzug. Es folgten die großen Kraftwerksbetreiber. Beispiel RWE: Die Nummer zwei in Deutschland hat noch den Doppelreaktor in Gundremmingen am Netz, der bis 2021 abgeschaltet wird. Auch am AKW im niederländischen Borssele ist das Unternehmen noch beteiligt. Allerdings hat Konzernchef Peter Terium unmissverständlich klar gemacht, dass RWE weder in Deutschland noch im Ausland in neue Anlagen investieren wird. Die gemeinsam mit Eon betriebene britische Tochterfirma, die dort neue Kernkraftwerke bauen soll, wurde vorige Woche an Japans Hitachi verkauft.

Kernkraft lohnt nicht mehr, heißt es bei RWE. Weder sei angesichts niedriger Strompreise absehbar, dass die hohen Investitionskosten hereingespielt werden könnten. Zudem seien die politischen Rahmenbedingungen unsicher. Da in Deutschland das Ende der Kernkraft feststehe, fehlt dem Konzern die kritische Masse und bald das Know-how, um weiter im Ausland mit der Technik erfolgreich zu sein.

Bei Eon hat man sich noch nicht formell vom Atom losgesagt. Eine Sprecherin betonte aber: „Derzeit gibt es bei Eon keine Projekte zum Neubau von Kernkraftwerken.“ Vor zwei Wochen hatte sich der Konzern aus dem letzten Atomprojekt, dem finnischen Reaktor Fennovoima, zurückgezogen. Auch bei der Forschung steuert Eon um. „Eine Weiterentwicklung kerntechnischer Technologien steht nicht mehr im Fokus unserer Forschungsaktivitäten.“ Bei der angeschlagenen baden-württembergischen EnBW gibt es ohnehin keine Expansionspläne. Lediglich der schwedische Vattenfall-Konzern wird in der Heimat bei Bedarf in neue Atommeiler investieren.

Wie viele Atom-Jobs in Deutschland schon verloren gegangen sind, ist unklar. Eine Anfrage beim Deutschen Atomforum, ob sich an der Zahl von 40.000 Stellen, die von 2011 stammt, etwas geändert hat, blieb am Montag unbeantwortet.

Stellenabbau im AKW

Doch erste Spuren sind erkennbar. Auf Anfrage teilte RWE mit, dass von den 1000 Beschäftigten des Doppelblocks in Biblis nach der Stilllegung jetzt nur noch rund 500 benötigt würden. Ähnlich dürfte die Situation bei den anderen sechs stillgelegten Meilern sein.

Auch Areva, der einzige große Konzern in Deutschland, der noch mit dem Bau neuer Kraftwerke beschäftigt ist und das Thema Kernkraft offensiv vorantreibt, schrumpft. Die Auftragslage ist mau. Lediglich vier Reaktoren – zwei in China, einer in Finnland und einer in Frankreich – werden derzeit mit Areva-Technik gebaut. Ein Unternehmenssprecher sagte, die Zahl der Stellen in der deutschen Areva-Nuklearsparte werde von gut 6000 auf knapp 5000 reduziert, der Konzern werde jedoch ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen. „Im Bereich Offshore-Windkraft expandieren wir dafür“, hieß es. Die Energiewende ist endgültig in der Industrie angekommen.

Auch am Institut für Kern- und Energietechnik in Karlsruhe, einer der bedeutendsten Atomforschungseinrichtungen in Deutschland, macht sich der Ausstieg bemerkbar. Leiter Thomas Schulenberg sagte, seit Fukushima sei die Zahl der Aufträge zur Erforschung von Rückbau und Sicherheitsnachrüstungen gestiegen, das Institut habe viel zu tun. In Deutschland, aber auch weltweit, sei dagegen das Interesse an Innovationen und neuer Kerntechnik wie weiteren Reaktorgenerationen gesunken.

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