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Kohlekraftwerke Schluss mit dem Kohleboom

Der weltweite Boom der Kohleverstromung ist offenbar gebrochen. Selbst Schwellenländer denken um. Der Verbrauch des besonders klimaschädlichen Energieträgers ging 2015 zurück, vor allem in China, dem wichtigsten Kohleland.

Kohle ist auf dem Rückzug. Foto: picture alliance / dpa

Der Verbrauch des besonders klimaschädlichen Energieträgers ging 2015 im zweiten Jahr zurück, zudem ist die Auslastung der am Netz befindlichen Kohlekraftwerke deutlich gesunken – in China, dem wichtigsten Kohleland, sogar auf unter 50 Prozent. Allerdings sind weltweit immer noch 1500 Kohlekraftwerke im Bau oder in Planung, die die Überkapazitäten noch weiter erhöhen würden, wie ein aktueller Bericht zeigt. Die Folge: Das Risiko von Fehlinvestitionen durch diese Projekte beträgt knapp eine Billion US-Dollar. Eine „Carbon Bubble“ drohe, warnen die Autoren.

Die US-amerikanische Umwelt-NGO CoalSwarm hat zum zweiten Mal akribisch die Entwicklung im Sektor Kohlekraftwerke analysiert. In ihrem „Global Coal Plant Tracker“ finden sich die Daten zu den über 4700 Kohlekraftwerken weltweit, die seit 2010 geplant wurden. Zusammen mit dem US-Umweltverband Sierra Club und Greenpeace USA veröffentlichen die Energieexperten nun unter dem Titel „Boom and Bust 2016“ die Auswertung dazu. Die Studie liegt der FR vorab vor.

Strom aus Kohle ist billig, und der Energierohstoff ist reichlich verfügbar – theoretisch noch für Jahrhunderte. Vor allem die Schwellenländer wie China, Indien und Südafrika, die ihre Wirtschaft schnell entwickeln wollen, setzen seit Mitte des letzten Jahrzehnts darauf. Zwischen 2005 und 2012 verzeichnete die Kohleverstromung weltweit große Zuwachsraten. Seither stagniert sie beziehungsweise geht sie zurück – ein Trend, der laut den US-Experten wegen des Booms der immer billiger werdenden erneuerbaren Energien wie Windkraft, Solar und Biomasse anhalten dürfte.

Weltweit sind laut CoalSwarm immerhin rund zwei Drittel der seit 2010 geplanten Kraftwerksprojekte entweder zurückgestellt oder aufgegeben worden. Vor allem in den USA und Europa sinkt die Bedeutung der Kohle bereits deutlich. Hier kamen seit 2010 auf ein Gigawatt (GW) neu gebaute Kohlekraftwerkskapazitäten fast zwei GW, die stillgelegt wurden. In den USA nehmen Fracking-Erdgas und erneuerbare Energien der Kohle Marktanteile weg, in Europa ist es vor allem der Ökostromausbau.

Allerdings: Dass die Ökoenergien die Kohle „automatisch“ verdrängen, ist damit längst nicht ausgemacht. Zwar werden inzwischen pro Jahr weltweit mehr Ökoenergiekapazitäten als fossile neu gebaut. Doch trotz der Streichung geplanter Kraftwerke sind laut CoalSwarm weiterhin noch viele neue Kohlekapazitäten in der Pipeline. Alleine seit 2010 wurden danach 473 GW neu ans Netz genommen, was mehr als 500 Kraftwerken entspricht, davon 90 Prozent in Asien, vor allem in China und Indien. Weitere 340 GW sind im Bau und über 1000 GW in Planung, was sich auf 1500 neuen Anlagen summieren würde. Die Baukosten dafür betragen laut der Studie insgesamt rund 981 Milliarden Dollar.

Die staatlichen Energieplaner und Kraftwerksbauer passen ihre Strategien nur mit Verzögerung an die veränderte Marktlage an. Aber selbst im bisherigen Kohle-Boomland China, wo der Kohleverbrauch seit 2013 um 6,4 Prozent zurückgegangen ist, scheint das Umdenken zu beginnen. Nach jüngsten Meldungen stoppt die Regierung in Peking Bau und Planung einer Vielzahl von Kraftwerken. Das könnte bis zu 280 von 460 genehmigten und im Genehmigungsverfahren befindlichen Anlagen treffen.

„Die Studie gibt keine Entwarnung“

Entwarnung an der Klimawandelfront kann laut CoalSwarm indes nicht gegeben werden. Die sich andeutende Trendumkehr bei der Kohlenutzung bringt zwar eine gewisse Entlastung gegenüber den bisherigen CO2-Prognosen, tatsächlich wäre die Welt damit aber immer noch weit von einem 1,5- bis Zwei-Grad-Erwärmungslimit entfernt, wie es seit dem Pariser Klimagipfel als Ziel verankert ist. „Selbst wenn keine weiteren Kohlekraftwerke mehr gebaut würden, läge der CO2-Ausstoß aus den vorhandenen Kraftwerken 150 Prozent höher, als für das Zwei-Grad-Limit tolerabel wäre“, heißt es in der Untersuchung. Schlussfolgerung: „Die meisten der Kraftwerke, die derzeit laufen, und neu gebaute Anlagen müssen deutlich vor dem Ende ihrer geplanten Betriebsdauer abgeschaltet werden.“

Die US-NGOs warnen davor, dass ohne eine schnelle Kurskorrektur „Hunderte Millionen Dollar in unnötige Kohlekraftwerke versenkt werden“. Um den Klimawandel tolerabel zu halten, müsse das Geld in saubere Energien umgeleitet werden. „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte CoalSwarm-Direktor Ted Nace. Nach Zahlen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) würden rund zwei Drittel der für neue Kohlemeiler geplanten Investitionssumme ausreichen, um 1,2 Milliarden Menschen auf der Erde, die bisher keinen Stromanschluss haben, Zugang zu einer nachhaltigen Stromversorgung mit Solar, Wind und Biomasse zu ermöglichen. Hinzu kommt laut CoalSwarm, dass ein schneller Umbau des Energiesystems die Luftverschmutzung deutlich senken würde. Laut dem Bericht führen die Schadstoffe aus Kohlekraftwerken, darunter Feinstaub, Schwefel und Quecksilber, bereits jetzt jährlich weltweit zu 800 000 vorzeitigen Todesfällen.

Der deutsche Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Oxfam, Jan Kowalzig, hält die Studie gut 100 Tage nach der Verabschiedung des Paris-Abkommens für „hochaktuell“. „Die Studie gibt keine Entwarnung“, sagte er der FR. „Im Gegenteil: Wer in Kohle investiert hat, wird alles daran setzen, noch möglichst lange Geld zu verdienen, ungeachtet der Beschlüsse von Paris.“ Umso wichtiger sei es, dass weltweit die Politik die Weichenstellungen für einen geordneten Ausstieg aus der Kohle tätigt. In Deutschland müsse spätestens 2035 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen. Sonst sei die 1,5-Grad-Grenze nicht zu halten. „Wer jetzt nicht handelt, verrät das Pariser Abkommen“, sagte Kowalzig.

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