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Kohlekraftwerke Deutschlands uralte Klimasünder

Viele deutsche Kohlekraftwerke sind bei der Effizienz auf dem Stand der 60er-Jahre. Experten und kommunale Versorger wollen, dass sie endlich abgeschaltet werden, doch die Regierung hat die Pläne kassiert

28.10.2010 13:42
Das RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich (Archivbild). Foto: dpa

Nahezu die Hälfte des deutschen Kohlekraftwerksparks ist veraltet und dadurch besonders umweltschädlich. Laut einer für die Frankfurter Rundschau erstellten Liste des Öko-Instituts sind 76 fossile Kraftwerksblöcke in Betrieb, deren Technik seit Jahrzehnten veraltet ist und die weit höhere Mengen Kohlendioxid produzieren als moderne Anlagen.

Die Kraftwerke auf der Liste wandeln weniger als 39 Prozent der in den fossilen Rohstoffen enthaltenen Energie in elektrischen Strom um. Üblich sind bei modernen Anlagen rund 45 Prozent Wirkungsgrad. Der Großteil der alten Anlagen ist in den 60er- und 70er-Jahren entstanden und ist im Besitz der vier großen Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Mehr als die Hälfte der Anlagen werden mit Braunkohle befeuert, 30 Anlagen verwenden Steinkohle, weitere fünf Gas oder Öl.

Die vom Öko-Institut erfassten Anlagen verfügen über eine Erzeugungskapazität von knapp 21 Gigawatt, mehr als 20 Gigawatt entfallen auf Kohlekraftwerke. Insgesamt verfügen die deutschen Kohlekraftwerke über eine Kapazität von rund 50 Gigawatt. Damit ist ein großer Teil der Kohlekraftwerke, die annähernd die Hälfte des deutschen Stroms liefern, veraltet und verschwendet wertvolle und teure Ressourcen.

Dabei ist effizientere Technik schon seit Jahrzehnten verfügbar. Schon Mitte der 80er-Jahre wurden Bestwerte von 43 Prozent Wirkungsgrad erzielt. Aufgrund der alten Kraftwerke liegt der durchschnittliche Wirkungsgrad hierzulande aber auch 20 Jahre später nur bei 38 Prozent. Deutschland belegt nach Zahlen der EU einen der hinteren Plätze in Europa bei der Steigerung der Wirkungsgrade in den vergangenen zwei Jahrzehnten, findet sich aber insgesamt immerhin noch im europäischen Mittelfeld.

Warum bleiben viele alte Anlagen weiter in Betrieb, obwohl sie bis zu 30 Prozent mehr Brennstoff verbrauchen und damit den Betreibern hohe Kosten verursachen? Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt: "Die ineffizienten Kohlekraftwerke werden weiterbetrieben, weil die Investitionskosten bereits abgeschrieben sind, die Anlagen sind also sozusagen schon abbezahlt. Deshalb ist der Weiterbetrieb trotz hohen Brennstoffverbrauchs und steigender Kosten für Kohlendioxid-Verschmutzungsrechte für die Energiekonzerne wirtschaftlich attraktiv." Sie fordert Konsequenzen: "Wir müssen weg von den alten Kohlekraftwerken, und zwar so schnell wie möglich." Sie schadeten der deutschen Klimabilanz massiv und stünden Investitionen in neue Kraftwerke hemmend entgegen.

Auch die kommunalen Versorger setzen sich vehement für die Abschaltung der Anlagen ein. "Alte und ineffiziente Kraftwerke mit weniger als 39 Prozent Wirkungsgrad sollten in den nächsten Jahren sukzessive aus dem Markt genommen und durch moderne, flexible Anlagen ersetzt werden", sagt Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Mit der Stilllegung dieser Anlagen werde das Klima geschont. "Und zugleich wird der Wettbewerb belebt, da diese alten Kraftwerke fast ausschließlich den großen vier Energiekonzernen gehören."

VKU-Chef Reck erwartet, dass die alten Kohlekraftwerke hauptsächlich durch moderne Gasturbinen ersetzt würden. "Das stimmt gerade auch für die Stadtwerke", sagte er. Gaskraftwerke seien flexibel und könnten die zunehmende und fluktuierende Erzeugung durch erneuerbare Energien besser ausgleichen." Diese Ansicht teilt Claudia Kemfert vom DIW. Die ideale Brückentechnologie sei nicht die Kohlekraft, sondern hocheffiziente Gaskraftwerke. Und auch beim Umweltverband BUND heißt es: "Wir wollen den schrittweisen Ausstieg aus der Kohle: Das heißt Stilllegung veralteter Anlagen und kein Bau von neuen Kohlekraftwerken. Die beste Übergangslösung sind Gaskraftwerke."

Die Bundesregierung ist indes nicht willens, die alten Anlagen aus dem Verkehr zu ziehen. Umweltminister Norbert Röttgen hatte im Sommer in einem Eckpunktepapier für das Energiekonzept gefordert, zumindest die unsaubersten Kraftwerke stillzulegen oder nachzurüsten (was sich in der Regel nicht lohnt) - bei den Konzernen stieß er damit auf heftige Gegenwehr. Als das Konzept Anfang September vorgestellt wurde, war der Vorschlag sang- und klanglos verschwunden.

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