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Kohle aus Kolumbien Unter Kohlenstaub

In Deutschland boomt der Kohlestrom – auch dank billiger Importe aus Schwellenländern wie Kolumbien. Doch während internationale Konzerne in Südamerika gute Geschäfte machen, leiden Bauern unter Ernteausfällen und Krankheiten, protestieren Arbeiter gegen schlechte Bezahlung.

Wie im Sandkasten: Minenfahrzeuge in der größten offenen Steinkohlemine Cerrejon. Foto: Oliver Ristau

Es grenzt an ein Wunder, dass die baufälligen Holz- und Wellblechhütten nicht zusammenbrechen. Ganz dicht stehen sie an den Gleisen und ihre dünnen Wände zittern, wenn die Waggons vorbeidonnern. „Das Schlimmste ist der dauernde Lärm“, ruft einer der Männer, der auf dem schmalen Weg zwischen seiner Baracke und dem Schienenstrang sitzt. Für ein paar Minuten, die die mehr als 100 Güterwaggons brauchen, um das Dorf Orihueca im Norden Kolumbiens zu passieren, ist jede Unterhaltung sinnlos – viel zu laut.

Der Reichtum, den sie befördern, geht genauso an den Menschen vorüber. Die Waggons sind bis zur Unterkante gefüllt mit Steinkohle aus den kolumbianischen Tagebauminen der Provinz César 300 Kilometer landeinwärts. Ihr Ziel sind die Exporthäfen an der Karibikküste, keine 20 Kilometer entfernt. „Hundertmal am Tag geht das so“, sagt der Mann, dem die Hälfte seiner Zähne fehlt. Alle 15 Minuten rattert ein Kohlezug leer oder beladen über die einspurige Strecke – 160 000 Tonnen pro Tag, wie die kolumbianische Eisenbahngesellschaft Fenoco vorrechnet. Jedes Gramm davon fährt durch Orihueca. Denn es gibt nur diese eine Linie zwischen Césars Kohlegruben und den Häfen am Meer.

Sie fahren auch für Deutschland durch die Hitze. Rund zwölf Prozent der kolumbianischen Kohle wird in deutschen Kraftwerken zur Stromgewinnung verfeuert. Und der Bedarf wächst weiter. Im vergangenen Jahr hat Deutschland nach Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen vier Prozent mehr Steinkohle verheizt als 2012. Jede fünfte Kilowattstunde wurde mit Steinkohle erzeugt – mehr als mit Wind, Wasser und Sonne zusammen. Die Importe kolumbianischer Kohle haben sich 2013 innerhalb von zehn Jahren auf zehn Millionen Tonnen verdreifacht, wie das Statistische Bundesamt schreibt. Mittlerweile sind nur noch Russland und die Vereinigten Staaten wichtiger, um Deutschlands Kohlehunger zu stillen.

Dank der starken Nachfrage verdient auch die internationale Minenindustrie blendend, die den Sektor in Kolumbien fest im Griff hat. So weisen der größte Kohleförderer des Landes, die Schweizer Rohstofffirma Glencore Xstrata, für 2013 und ihre kolumbianische Kohle-Tochter Prodeco einen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen von 250 Millionen Euro aus – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.

In Orihueca kommt davon außer Staub nichts an. Als der Zug durchgefahren ist, springen Kinder zum Spielen auf die Gleise. An der Küste, in der Hauptstadt der Provinz Magdalena, Santa Marta, sitzt Rafael Pacheco in seinem einfachen Büro. Gegen das gleißende Sonnenlicht und die Hitze sind die Rollos heruntergelassen, Neonlampen flackern. „Es kommt an den Strecken immer wieder zu tödlichen Unfällen“, berichtet der stämmige Kolumbianer, der im Auftrag des Bischofs von Santa Marta als Sozialarbeiter durch die Provinz reist. „Gerade von Kindern.“.

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Die Sozialstation hat ihre Kontaktstelle im Erdgeschoss eines alten Krankenhauses am Rande der Altstadt bezogen. „Doch das ist nicht alles. Auf dem Land sorgt die Kohle für einen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität. Die Landwirtschaft ist aber die einzige Einnahmequelle der Bevölkerung.“ Pacheco spricht von „Menschen mit geringen Einkünften“. Das Wort „Armut“ nimmt er nicht in den Mund. Dabei ist sie greifbar wie am Rand der Küstenstadt Cienaga, etwa eine halbe Stunde mit dem Bus entfernt.

Pancheco schaut oft bei den Obstbauern vorbei, deren Veredas – tropische Plantagen mit Mango-, Bananen- und Limonenbäumen – direkt neben der Bahnlinie wachsen. Sie leben in selbst gezimmerten Holz- und Wellblechhütten, die in der Regenzeit feucht werden, immerhin mit fließend Wasser und elektrischem Licht. Das war es dann aber auch mit dem Luxus. Mücken sind in der subtropischen Luft auf Jagd.

Ciro Ortiz trägt trotz der Hitze ein Hemd mit langem Arm und eine Schirmmütze. Auf den ersten Blick sieht es wie normaler Staub aus, der Bäume und Blätter bedeckt. Das wäre auch kein Wunder angesichts der Trockenheit. Seit Wochen hat es ringsum nicht mehr geregnet. Doch als der 66-Jährige mit seiner Hand über ein langes Bananenblatt fährt, wird sie schwarz. Und dann fallen plötzlich auch die dunklen Flecken in den Mangoschalen auf, die schmutzig gesprenkelten Blätter der Limonenbäume.

Ciro Ortiz hat eine sanfte Stimme. Er sitzt in einem Plastikstuhl, seine Tochter bringt eine Limonenlimonade. „Der Kohlenstaub legt sich auf die Blüten, die entweder absterben oder viel kleinere Früchte austreiben als normal.“ Er zeigt auf die Limonen, die, obwohl ausgereift, so groß sind wie Murmeln. Auch die Wände des kleinen Badezimmers seines Häuschens sind von dunklen Schlieren überzogen – übrig geblieben vom schwarzen Regen, der über die Spalten in der Decke eingedrungen ist. „Das ist pure Kohle. Früher habe ich im Jahr 18 Säcke Limonen geerntet. Jetzt sind es noch sieben.“ Das sind 700 Kilo Zitrusfrüchte weniger oder umgerechnet 350 Euro – herbe Einschnitte für den Bauern, dem seine Tropenplantage zwischen 2 000 und 2 500 Euro im Jahr einbringt.

Die Schuldigen lassen nicht lange auf sich warten: Von Ferne nähert sich ein metallisches Dröhnen, das zu einem Donnern anschwillt und den Boden erzittern lässt. Die gleichen Waggons, die im Straßendorf Orihueca vorbeijagen, pflügen auch hier durch die Obstplantagen – nur einen Mangowurf von Ortiz‘ Haus entfernt. Sie lassen den Geruch von Kohle zurück.

Abdecken könne man die Eisenbahnwaggons nicht, erklärt ein Glencore-Sprecher. Wegen der Hitze bestünde sonst die Gefahr, dass sich die Kohle selbst entzünde. Stattdessen würde sie vor dem Transport komprimiert und befeuchtet. Das vermindere die Emissionen. Stolz fügt der Sprecher hinzu, dass die Glencore-Tochter außerdem Straßen rund um die Kohlegruben asphaltieren lasse, um die Staubentwicklung der Minenfahrzeuge zu minimieren.

Ortiz hilft das wenig. Seine Plantage ist Stunden von einer der Minen entfernt. Aus einem großen Papierumschlag zieht er eine Röntgenaufnahme hervor. „Das ist ein Bild meiner Lunge und hier ...“, er tippt mit dem Zeigefinger auf verschiedene Stellen der Fotografie, wo die Lungenstruktur verwischt, bis ihm die Stimme stockt. Nach einer Pause fährt er fort: „... haben die Ärzte gesagt, dass sie so geschädigt sei, dass ich nicht mehr lange leben werde.“

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Glencore bezweifelt die gesundheitsschädigenden Auswirkungen. Eine Studie habe ergeben, dass nicht die Kohle, sondern das Verbrennen von Gummi oder Holz oder das Leben in der Nähe von Müllkippen für die Atemprobleme der Menschen verantwortlich sei. Von all dem ist auf der Plantage von Ciro Ortiz nichts zu sehen. Das Problem für die armen Bauern von Magdalena ist, dass es bisher keine medizinisch-wissenschaftlich belastbaren Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen den Lungenleiden und der Kohle in der Region gibt, aus denen sie Ansprüche gegen die Kohlekonzerne ableiten könnten.

Glencore ist zusammen mit den beiden anderen Minenriesen Anglo American und BHP Billiton auch an der größten Tagebaumine der Welt, Cerrejon, beteiligt. Sie liegt etwa eine halbe Tagesreise von der Küste entfernt. Mit 69 000 Hektar ist sie annähernd so groß wie der Stadtstaat Hamburg und auch für die regionale Wirtschaft ein Riese. Sie produziert mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung der Heimatprovinz La Guajira und rund ein Prozent des kolumbianischen Bruttoinlandsproduktes. 14 000 Menschen arbeiten hier.

Die Grenze zu Venezuela ist nicht mehr weit. In den Dörfern im Umkreis der Mine sitzen halbnackte Männer auf Campingstühlen, die geschmuggeltes venezolanisches Benzin in Plastikkanistern anbieten. In Cerrejon ist es heiß und windig. Staub wirbelt durch die Luft, der sich binnen Sekunden auf die Schleimhäute legt. Riesige Fahrzeuge bahnen sich den Weg durch die Mondlandschaft – über gestampfte Erdstraßen zwischen den Fördergebieten, den Werkstätten, den Kohletürmen und der Verwaltung, 24 Stunden lang, an 365 Tagen im Jahr. Wenn sie voll beladen sind, wiegen sie bis zu 500 Tonnen. Doch von der Aussichtplattform, wo die Cerrejon-Manager gegen den trocken-heißen Wind einen Mundschutz tragen, wirken sie wie winzige Spielzeugautos in einem Sandkasten.

Das gigantische Loch ist von Terrassen aus Kohle und Gestein durchzogen. Anders als im Ruhrgebiet oder dem Saarland liegt die Kohle hier oberflächennah vor. Schächte und Stollen sind nicht nötig. Das macht den Abbau neben den niedrigen Löhnen und den geringeren Umweltauflagen deutlich günstiger. Fünf dieser riesigen offenen Kohlesteinbrüche gibt es in Cerrejon. Sie versorgen auch deutsche Kraftwerke. Zuletzt sind nach Unternehmensauskunft pro Jahr zwischen zwei und drei Millionen Tonnen direkt in deutsche Häfen verschifft worden. Dazu kommen Importe von Cerrejon-Kohle über Rotterdam und Amsterdam. Insgesamt geht knapp die Hälfte des der kolumbianischen Halbwüste abgetrotzten Bodenschatzes von zuletzt 33,5 Millionen Tonnen nach Europa.

Für das riesige Rohstofflager mussten ganze Dörfer umgesiedelt werden. Viele der indigenen Einwohner wehrten sich dagegen. Nur mit Gewalt konnten sie gefügig gemacht werden. Das soll künftig nicht mehr vorkommen, verspricht Cerrejon-Kommunikationsmanager Juan Carlos Restrepo. Der frühere Direktor der kolumbianischen Antidrogenbehörde ist das Gesicht für die neue gesellschaftliche Verantwortung des Kohlekonzerns. Man habe aus der Vergangenheit gelernt. Auch die höchst umstrittenen Pläne zur Umleitung eines Flusses seien „zunächst vom Tisch“, versichert er. Die hübsch renaturierten ehemaligen Förderareale zeigen, dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz nicht nur Floskeln sind. Die Firma hat ihre Ausgaben für soziale Zwecke in den vergangenen acht Jahren verdoppelt.

Dennoch: der Reichtum, den Cerrejon aus der Erde holt, geht auch hier an den Menschen vorbei. Die Armut karger Häuser prägt das Bild. In der Region sind Banditen und versprengte Reste ehemaliger Bürgerkriegskämpfer präsent. Gestandene Taxifahrer meiden nachts die Straßen, aus Angst vor Überfällen, die nicht selten tödlich enden. Und auch die Arbeiter rebellieren wegen schlechter Bezahlung. Ob bei Cerrejon oder den Minen des US-Konzerns Drummond in César: 2013 standen die Abraumbagger für Wochen still, weil die kolumbianischen Kumpel mehr Geld forderten.

Zudem versickerten die Steuern und Abgaben, die die Konzerne für die Regionen zu zahlen hätten, bei lokalen und regionalen Politikern, moniert Rafael Pacheco von der Diözese Santa Marta. Korruption ist in Kolumbien weit verbreitet. Auf dem Korruptionsindex der Organisation Transparency International liegt das Land unter 178 Staaten auf Rang 94. Und die Kommunal- und Sozialprogramme von Firmen wie Glencore „helfen nur wenigen“, sagt er. Bei Ciro Ortiz etwa seien die Einzigen, die von Seiten der Kohlekonzerne vorbeigeschaut hätten, nur die Wachtrupps der Kohletransporte gewesen. Aber nicht um zu helfen, sondern um die Bauern vor Sabotage zu warnen.

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