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Klimawandel Deutschland könnte CO2-Ausstoß drastisch senken

Eine Studie des Öko-Instituts zeigt: Mit einer einfachen Maßnahme könnte Deutschland seinen CO2-Ausstoß um ein Viertel senken.

04.12.2016 16:11
Qualmende Schornsteine eines Blockheizkraftwerks in Berlin. Foto: dpa

Die Aufgabe ist gigantisch: Wie kommen wir den Zielen möglichst schnell näher, die in Paris auf der Klimakonferenz geschlossen wurden? Ein großer Schritt wäre relativ mühelos möglich. In Deutschland müsste nur der Einsatz der Kohle- und Gaskraftwerke intelligenter gesteuert werden. Dies würde es ermöglichen, den CO2-Ausstoß des Stromsektors auf einen Schlag um ein Viertel zu senken. Das geht aus einer Studie des renommierten Öko-Instituts hervor, die der Frankfurter Rundschau vorliegt.

Jederzeit muss im Stromnetz genau so viel Strom eingespeist werden, wie gebraucht wird. Die elektrische Energie dafür kommt inzwischen zu mehr als einem Drittel von den Erneuerbaren – vor allem von modernen Windmühlen und Solaranlagen. Doch der Wind weht und die Sonne scheint nicht immer dann, wenn die Stromnachfrage besonders groß ist. Die Differenzen sind krass. In Zeiten sogenannter Dunkelflauten sinkt der Anteil der regenerativen Energien unter 15 Prozent. Sie können aber bei günstigen Konstellationen inzwischen zeitweise drei Viertel der Nachfrage abdecken. Die Erneuerbaren haben bei der Einspeisung ins Stromnetz immer Vorfahrt, das ist per Gesetz so regelt.

Um den Gesamtbedarf zu decken, werden konventionelle Kraftwerke hinzu geschaltet. Das geschieht nach einem Prinzip, das einer Versteigerung gleicht. Da die Versorger möglichst billig einkaufen wollen, kommen die Braun- und Steinkohlekraftwerke relativ schnell zum Zuge – vor allem ältere abgeschriebene Anlagen können günstig anbieten. Die Betreiber von Gaskraftwerken müssen hinten anstehen. Sie produzieren mit höheren Kosten, da der leicht flüchtige Brennstoff teurer ist als die Kohle. Zugleich wird beim Verbrennen von Erdgas aber erheblich weniger vom Klimakiller Kohlendioxid (CO2) in die Luft geblasen. Ein weiterer Vorteil: Gaskraftwerke sind sehr flexibel. Wenn es drauf ankommt, können sie innerhalb weniger Minuten zu- oder abgeschaltet werden.

Insbesondere Braunkohlekraftwerke lassen sich hingegen nur sehr schwer regeln. Das Hoch- und Herunterfahren der Meiler ist extrem aufwendig und dauert in der Regel jeweils mehrere Tage. Betreiber lassen ihre Anlagen deshalb rund um die Uhr laufen. Das führt zu einem konstanten Überangebot – Deutschland wird deshalb in diesem Jahr mutmaßlich so viel Strom wie niemals zuvor in die umliegenden Länder exportieren.

Die Experten des Öko-Instituts haben nun im Auftrag des Ökoenergieanbieters Greenpeace-Energy durchgerechnet, was es bringen würde, wenn die Einsatzreihenfolge sich nicht an den Kosten, sondern am jeweiligen CO2-Ausstoß orientierten würde, Gaskraftwerken also die Vorfahrt vor den Kohlekraftwerken gewährt würde. Das Ergebnis: Der CO2-Ausstoß ließe sich schon heute um 79 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren – eine enormen Menge, die etwa ein Viertel der gesamten Treibhausgas-Emissionen des Stromsektors ausmacht.

Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace-Energy, spricht von einem riesigen Einsparpotenzial, das die Bundesregierung ignoriere: dem bereits vorhandenen Kraftwerkspark. Er fordert: „Das Potenzial einer veränderten Einsatzreihenfolge darf nicht ungenutzt bleiben.“ In einem ersten Schritt müssten fossile Kraftwerke, die überwiegend für den Export produzierten, sofort vom Netz genommen werden.

Doch wie sieht es mit den Kosten aus? Studienleiter Christoph Heinemann und sein Team haben durchgerechnet, dass im vergangenen Jahr wegen der höheren Gaspreise Mehraufwendungen von 1,1 Milliarden Euro angefallen wären. Das bedeutet: Die Kosten der Vermeidung von CO2-Ausstoß liegen bei etwa 14 Euro pro Tonne. Das wäre aber zugleich erheblich weniger als die Ausgaben zur Beseitigung der Folgen des Klimawandels: Diese liegen nämlich laut Umweltbundesamt zwischen 40 und 120 Euro pro Tonne CO2.

Das Öko-Institut hat zudem durchgespielt, wie sich die Einsparungen in den kommenden Jahren entwickelt werden: Wird 2030 ein Erneuerbaren-Anteil von 60 Prozent erreicht, sind es 43 Millionen Tonnen CO2. 20 Jahre weiter wären es noch 13 Millionen Tonnen – bei einem Anteil von 80 Prozent Ökostrom. „Je mehr Erneuerbare-Energie-Anlagen es gibt, desto weniger fossile Kraftwerke kommen zum Einsatz. Deshalb sinken die Einsparmöglichkeiten im Laufe der Jahre“, so Heinemann.

Aber wie kann der Mechanismus des Kraftwerkseinsatzes in eine ökologische Reihenfolge gebracht werden? Der Experte vom Öko-Institut sieht verschiedene Möglichkeiten. Denkbar wären Einspeisevorränge. Indem etwa schlicht und einfach per Gesetz festgelegt wird, dass nach den Erneuerbaren die Gaskraftwerke automatisch Vorfahrt haben, wenn Strom in die Netze geleitet wird. Eine Alternative sieht Heinemann in Maßnahmen, die „externe Klimaeffekte gezielt stärker bepreisen als bisher“. Das könnte mit einer Steuer auf CO2-Emissionen oder durch deutlich höhere Preise für Klimagas-Zertifikate erreicht werden, die Kraftwerksbetreiber erwerben müssen.

Für Tangermann jedenfalls gibt es aus all dem nur eine Schlussfolgerung: „An einem schnellen Kohleausstieg führt deshalb kein Weg vorbei.“ Seit Monaten diskutieren Umweltschützer und Politiker darüber, wie schnell das geschehen soll. Große Energiekonzerne wie RWE wollen in jedem Fall bis 2050 weitermachen. Die Denkfabrik Agora Energiewende schlägt 2040 vor. Die Grünen haben kürzlich auf ihrem Parteitag, die Forderung nach einem Kohleausstieg bis 2025 beschlossen. Das würde bedeuten, dass zahlreiche neuere Anlagen nach nur wenigen Jahren Laufzeit stillgelegt werden müssten.

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