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Kern-Energie Starke Zweifel an AKW-Sicherheit

Der Atom-Meiler Gundremmingen ist vielleicht nicht erdbebensicher. Experten beklagen, dass dieses Problem von den Behörden in Bayern bewusst verschleppt wird.

Stillleben: Das AKW Gundremmingen umringt vom Löwenzahn. Foto: rtr

Im bayerischen Gundremmingen an der Donau steht Deutschlands leistungsfähigstes Atomkraftwerk. Seine Reaktoren sollen noch bis 2017 beziehungsweise 2021 Strom produzieren. Seit mindestens zwei Jahren ist allerdings bekannt, dass die Anlage möglicherweise nicht erdbebensicher ist. Doch die Betreiberkonzerne RWE und Eon lassen es weiterlaufen. Atomexperten beklagen, dass das bayerische Umweltministerium die Klärung der wichtigen Frage verschleppe. Und die Grünen fordern, das AKW stillzulegen, bis die Nachweise zur Erdbebensicherheit vorliegen.

Das Problem: Die Siedewasser-Reaktoren in Gundremmingen verfügen zwar jeweils über drei Not- und Nachkühlsysteme, die dafür sorgen sollen, dass die Reaktorkerne bei einem Störfall nicht überhitzen. Der dritte dieser Kühlstränge ist jedoch nicht ausreichend erdbebensicher. Ein viertes System war deswegen nach Fertigstellung der AKW in den 1990er Jahren nachgerüstet worden. Doch auch bei diesem „Zusätzlichen Nachwärmeabfuhr- und Einspeisesystem“ (kurz: „Zuna“) ist nicht alles in Ordnung. Für das „Zuna“ fehlt laut Experten der erforderliche Nachweis der Zuverlässigkeit, zum Beispiel was die Festigkeit des Stahls oder die Qualität von Schweißnähten der Rohre angeht. Damit sei derzeit ungewiss, ob auch schwere Störfälle sicher beherrscht werden.

Fehlende Nachweise

Dass die nötigen Nachweise fehlen, ist in Fachkreisen seit mindestens zwei Jahren bekannt. Das bayerische Umweltministerium versuchte damals, wie Insider berichten, die in der Abstimmung befindlichen neuen AKW-Sicherheitsanforderungen abzuschwächen – offenbar mit Blick auf Gundremmingen. Bestätigt wurden die Probleme Ende 2013 durch ein Gutachten der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), das im Auftrag des Bundesumweltministeriums erstellt worden war. Darin heißt es: Eine „Überprüfung der Systemauslegung nach Stand von Wissenschaft und Technik“ habe ergeben, dass Gundremmingen die aktuellen Sicherheitsanforderungen für Erdbeben „nicht erfüllt“. Das gelte auch, wenn man die Kriterien älterer Regelwerke anlege. Das nachgerüstete „Zuna“-System ist laut GRS den normalen Notkühlsystemen „qualitativ nicht gleichwertig“. Diese Aussagen seien „in mehreren Fachgesprächen vom TÜV bestätigt“ worden. Seither wogt die Debatte um das „Zuna“ zwischen dem Betreiber RWE, dem bayerischen Umweltministerium, das Aufsichtsbehörde für Gundremmingen ist, und dem Bundesumweltministerium. RWE verweist auf ein Gutachten des TÜV, das in Reaktion auf die GRS-Studie angefertigt wurde. Danach wird das AKW den „sicherheitstechnischen Anforderungen voll gerecht“. Auch die Münchner Behörde befindet, Gundremmingen erfülle „alle Sicherheitsvorgaben“ und sei „umfassend gegen schwere Erdbeben gesichert“, wie ein Ministeriumssprecher mitteilte.

Das Bundesumweltministerium hingegen hält diese Frage für ungeklärt. Es lässt eine Stellungnahme der Bayern zur Erdbebensicherheit, die freilich bereits im März einging, von der GRS und anderen Experten prüfen. Ein Ergebnis gibt es auch ein halbes Jahr danach nicht. Ende September haben Beamte des Berliner Ministeriums ein „Fachgespräch“ mit den Münchner Kollegen geführt, wie aus der Antwort des Ministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervorgeht. „Angesichts der Komplexität der anstehenden Fragen“ habe man die Bayern gebeten, „weitere Informationen innerhalb von zwei Monaten zur Verfügung zu stellen“. Eine Bewertung durch den Bund wäre also frühestens Ende des Jahres möglich.

Der Risikoforscher Wolfgang Renneberg von der Universität Wien hält die lange Dauer der Prüfung für fahrlässig. „Es geht schließlich nicht um eine Nebensache. Der Nachweis, dass ein Atomreaktor bei einem Auslegungsstörfall ausreichend gekühlt werden kann, darf nicht offenbleiben“, sagte er der FR. Er meint, Bayern hätte RWE eine Frist von drei Monaten setzen müssen, die Nachweise korrekt zu erbringen, und andernfalls die einstweilige Stilllegung des AKW anordnen müssen. Renneberg, der zehn Jahre lang Abteilungsleiter Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium war, verweist auf weitere massive Sicherheitsprobleme: So fehlten in Gundremmingen auch Nachweise für den Schutz vor starken Hochwassern, zudem entspreche der Reaktordruckbehälter der über 30 Jahre alten AKW längst nicht mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik.

„Bayern soll es stilllegen“

Die Grünen attackieren das Münchner Ministerium hart: „Wer bei der infrage stehenden AKW-Sicherheit derart auf Zeit spielt, handelt unverantwortlich“, sagte die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl der FR. Inzwischen seien zwei Jahre ergebnislos ins Land gegangen, und Gundremmingen dürfe trotzdem einfach weiterlaufen. „Die bayerische Atomaufsicht handelt mehr wie die Interessenvertretung von RWE als wie eine Aufsicht, die der Schadensvorsorge und dem Schutz der Bevölkerung verpflichtet ist“, sagte sie.

Kotting-Uhl rügte aber auch das Bundesumweltministerium: „Das Haus Hendricks darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Allmählich ist es an der Zeit, Bayern anzuweisen, das AKW stillzulegen, bis die Fragen zufriedenstellend geklärt sind.“

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