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Jeremy Rifkin „Größte Blase der Weltgeschichte“

Star-Ökonom und Regierungsberater Jeremy Rifkin warnt vor einer neuen Finanzkrise.

06.05.2018 12:44
Protest gegen Kohleabbau
Protestaktion in Immerath (NRW), wo eine Kirche dem Kohleabbau weichen musste. Foto: rtr

Die globale Wirtschaft steuert von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt auf ein Desaster zu. Davor hat der US-Starökonom Jeremy Rifkin am Freitag auf dem St. Gallen Symposium in der Schweiz gewarnt, einem globalen Treffen von Führern aus Politik und Wirtschaft. „Wir sitzen auf einer massiven Blase gestrandeter Vermögenswerte“, so Rifkin. „Das ist die größte Blase in der Geschichte der Welt.“

Seine Warnung bezieht Rifkin auf Geschäftsmodelle, die auf fossiler Energie beruhen und aufgrund der internationalen Klimaschutzbemühungen nicht zukunftsfähig sind. Zentral angesprochen sind damit Energiekonzerne, die vor allem mit Öl, Gas und Kohle arbeiten, aber auch andere Unternehmen. 

Banken, Investoren und Anleger haben in diese Unternehmen Billionen investiert. Diese Investitionen drohen massiv an Wert zu verlieren. Denn mit dem Pariser Klimaabkommen wurde dem Verbrauch fossiler Energieträger Grenzen gesetzt. Ungefähr ein Drittel des Erdöls, die Hälfte des Erdgases und mehr als 80 Prozent der globalen Kohlereserven müssen im Boden verbleiben, wenn das Ziel einer Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 beziehungsweise zwei Grad Celsius erreicht werden soll. In diese Bodenschätze und ihre Erschließung haben die Energiekonzerne viel Geld investiert. Sollten sie nicht gehoben werden, wären diese Investitionen verloren. 

Konkurrenz, politischer Wille und technologischer Fortschritt

Doch es ist nicht nur der politische Wille, der fossile Geschäftsmodelle bedroht, sondern auch der technologische Fortschritt. Solar- und Windkraftanlagen werden rasant billiger. Inzwischen trauen sich die ersten Unternehmen zu, Windparks ohne Subventionen zu bauen. Sie gehen davon aus, dass die Anlagen künftig Strom zum üblichen Marktpreis produzieren können. Diese rapide heranwachsende, neue Konkurrenz könnte für herkömmliche Energiekonzerne zur größeren Bedrohung werden als politische Entscheidungen.

„Da ist ein großer, großer Elefant im Raum und er wird nicht einfach verschwinden“, sagte Rifkin. Der Ökonom berät Regierungen und Unternehmen rund um den Globus und hilft ihnen bei der Bewältigung der wirtschaftlichen und technologischen Transformationsprozesse. Auch für hiesige Energiekonzerne sowie die Bundesregierung war er tätig.

Rifkin lobte den Chef der britischen Notenbank, Mark Carney, dafür, dass dieser seit Jahren auf das Problem der „Kohlenstoff-Blase“ aufmerksam macht. Erst Anfang April hatte Carney auf einer Notenbanker-Tagung in Amsterdam gewarnt, der Klimawandel könne „katastrophale Auswirkungen“ auf das globale Finanzsystem haben. Er äußerte die Befürchtung, dass die Geldhäuser die Auswirkungen des Klimawandels und all seiner politischen und wirtschaftlichen Folgen unterschätzen. 

Carney forderte, dass börsennotierte Firmen mehr Transparenz darüber herstellen müssten, welchen wirtschaftlichen Risiken sie durch den Klimawandel und die Klimaschutzpolitik ausgesetzt sind, damit sich Investoren besser darauf einstellen könnten. Auf Carney geht auch zurück, dass der internationale Finanzstabilitätsrat im vergangenen Jahr weitreichende Empfehlungen für börsennotierte Firmen veröffentlicht hat zur Analyse von Geschäftsrisiken, die durch die Dekarbonisierung der Wirtschaft entstehen. Auch große Finanzanleger erhöhen den Druck auf Unternehmen, Transparenz zu schaffen.

Der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau forderte kürzlich in der „Financial Times“, dass Banken und Versicherungen einem Klima-Stresstest unterzogen werden müssten. Wer in Geschäfte investiere, die stark von fossilen Energiequellen abhängig sei, solle dafür künftig möglicherweise mit erhöhten Kosten belastet werden. Auch Carney zieht Stresstests in Erwägung. Aktuell analysiert die Bank of England die Klimarisiken für den Finanzsektor. 
„Gestrandete Vermögenswerte sind für alle in der Finanzwelt beängstigend“, sagte Lord Griffiths of Fforestfach, der die Großbank Goldman Sachs in St. Gallen vertrat und durch die Veranstaltung mit Rifkin führte. 

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