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Interview mit Solararchitektin Astrid Schneider „AKW-Exporte sind Wahnsinn“

Astrid Schneider gehört als Solararchitektin zum wissenschaftlichen Beirat der Energy Watch Group und ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Energie der Grünen. Im Interview erklärt sie, wie Atomstrom und -bombe verbunden sind.

09.08.2010 09:00
Astrid Schneider (Grüne) sieht einen Zusammenhang zwischen Atomstrom und -bombe.

Frau Schneider, zum 65. Jahrestag des Atombomben-Abwurfs auf Nagasaki fordern Aktivisten eine Verschärfung des Atomwaffensperrvertrags. EU und USA haben gerade die Sanktionen gegen den Iran verschärft, um ihn vom Bau der Atombombe abzuhalten. Wie nah sind wir einer Welt ohne Nuklearwaffen?

Wir sind davon weit entfernt. Der Fall Iran zeigt es: Sobald ein Staat Atomtechnik hat, wird die Kontrolle fast unmöglich, ob er Atombomben baut. Der Uranmarkt ist komplett verdeckt, weil er allein zwischen Staaten und großen Energiekonzernen läuft. Jede Erkenntnis, was Länder wie der Iran mit dem Uran anstellen, kommt nur von Geheimdiensten. Es entzieht sich der demokratischen Kontrolle, ob ein Staat die Bombe baut – auch wenn das zum Kriegsgrund wird. Wer eine atomwaffenfreie Welt will, muss auch die zivile Nutzung der Atomkraft beenden.

Jeder Staat mit Atomkraftwerken kann Atomwaffen bauen?

Ja, wer die volle Breite der Atomtechnik von Brennstoffherstellung bis zu AKW und der Verwendung abgebrannter Brennstäbe in der Hand hat, ist in der Lage, Atomwaffen herzustellen. Also bislang alle Atomländer: Deutschland, Frankreich, England, China, USA, Russland, Indien, vermutlich auch Israel. Denn die Kette der Atomkraft beginnt mit der Anreicherung von Uran. Für Brennstäbe wird die Konzentration von spaltbarem Uran im Natur-Uran auf drei bis fünf Prozent angereichert, für Atombomben braucht man etwa 90 Prozent. Wenn ein Staat das aufwendige Anreicherungsverfahren beherrscht, ist schwer zu kontrollieren, wie hoch er sein Uran anreichert.

Der Westen müssten den Handel mit Uran unterbinden und nur fertige Brennstäbe liefern?

Das wird diskutiert. Es ist noch komplizierter: Die abgebrannten Brennstäbe aus den AKW enthalten Plutonium, das sich noch besser zum Atombombenbau eignet als Uran. Während es schwer ist, Uran hoch anzureichern, lässt sich Plutonium leicht aus abgebrannten Brennstäben lösen.

Aber Länder wie Iran pochen darauf, dass die Atommächte sich im Sperrvertrag zum Technologietransfer verpflichtet haben.

Das macht die Lage so schwer. Es ist Wahnsinn, nach den Problemen mit Iran nun auch erstmals Reaktoren nach Libyen, Algerien, Marokko, Saudi Arabien, Dubai und Kasachstan liefern zu wollen. Aber die Atomindustrie sucht verzweifelt nach Absatzmärkten für neue AKW, um die Technologie am Leben zu halten. Denn in OECD-Ländern sind seit Jahrzehnten keine neuen AKW gebaut worden. Aber so verknappt sich das Uran noch schneller.

Verläuft der Uran-Handel getrennt zwischen militärischem und zivilem Bereich?

Im Gegenteil: In den Abrüstungsverträgen mit den Russen haben sich die USA das Uran aus Sprengköpfen gesichert. Die USA befeuern heute bereits ein Drittel ihrer AKW mit Uran aus alten Sowjetwaffen. Aber der Vertrag läuft 2013 aus, und die USA bemühen sich krampfhaft um einen Folgedeal mit den Russen. Ihre Uran-Abhängigkeit macht sie außenpolitisch erpressbar. Zum Beispiel zogen sie die Pläne von George W. Bush wieder zurück, einen Raketenabwehrschirm in Osteuropa aufzustellen, als die Russen drohten, dann wieder atomar aufzurüsten. Das hätte die US-Uranversorgung massiv gefährdet.

Interview: Steven Geyer

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